Friedenslicht-Impuls beim Katholikentag von Kerstin Griese

Erschienen am 29. Mai 2014 in Glaube leben

Kerstin Griese

Kerstin Griese

Kerstin Griese ist Bundestagsabgeordnete der SPD und stammt aus der Region Niederberg und Ratingen. Sie ist Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit und Soziales und war in der aej aktiv.

 

Liebe Katholikentags-Gemeinde, liebe Pfadfinderinnen und Pfadfinder,

seit 20 Jahren tragen Pfadfinderinnen und Pfadfinder das Friedenslicht aus Bethlehem in Kirchengemeinden, zu politisch Verantwortlichen, in Krankenhäuser und zu Menschen, die in unserer Gesellschaft am Rande stehen.

Herzlichen Dank an die DPSG, dass Sie mich, eine Politikerin, heute eingeladen haben, einen Impuls zum Friedenslicht aus Bethlehem zu geben. Dieses Licht ist ein Zeichen des Friedens. Und es kommt aus Bethlehem, aus dem Nahen Osten, aus der Westbank, einer Konfliktregion.

Ich habe ein Bibelwort ausgewählt, zu dem ich neulich im Bundestag eine Andacht gehalten habe, als ich gerade aus dieser Region, aus Israel und Palästina, zurück gekommen war.

Diese Losungen aus dem blauen Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeine oder auch per App auf dem Smartphone begleiten viele von uns, ich vermute, dass nicht nur Protestanten sie gerne lesen, sondern auch katholische Christinnen und Christen. Auch für mich sind sie ein schöner Einstieg in jeden Tag. Gerade im politischen Alltag, in dem oft ein Termin den anderen jagt, die Themen halbstündlich wechseln und in dem man immer präsent sein muss, sind diese paar Minuten am Morgen, wenn ich mich auf ein Bibelwort besinne, ein Moment der Ruhe. Und den brauchen wir alle und Politikerinnen und Politiker allemal.

Die Bibeltext

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

und die Einladung zum heutigen Friedenslicht-Impuls haben mich an die biblische Landschaft im Heiligen Land erinnert. Ich war schon sehr oft dort, an die zwanzig Mal, und ich engagiere mich seit vielen Jahren für ein Projekt der deutsch-israelisch-palästinensischen Jugendbegegnung.

Aber zuerst einmal zum Bibelwort:

Jesaja 12 ist das Danklied der Erlösten. Gott ist zornig gewesen, aber nun hat sich sein Zorn gewendet, und er tröstet das Volk Israel. Israel wird mit Freuden Wasser schöpfen aus den Brunnen des Heils. Trotzdem verlässt sich Israel nicht auf sich selbst und die eigene Stärke, sondern – wie es in Vers 2 heißt – „Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil“.

Wenn man unterwegs ist in Bethlehem, in der Geburtskirche, im Jordantal, am See Genezareth oder am Toten Meer, dann kann man sich in dieser biblischen Landschaft gut vorstellen, wie Jesus und seine Jünger dort durch die Wüste zogen, wie der Menschenfischer Jesus Menschen begeistert hat, und wie er im Jordan getauft wurde – obwohl der Jordan heute an manchen Stellen nur noch ein dünnes Rinnsal ist.

Denn „Mit Freuden Wasser schöpfen“, das ist auch heute ein Thema im Nahen Osten. Und es hat sehr viel mit Krieg und Frieden zu tun. Kluge Menschen sagen, die Kriege dort wurden und werden immer auch um den Zugang zu Wasser geführt. Wasser bedeutet in dieser Region tatsächlich oft ein „Heilsbrunnen“.

Kein Thema ist dort so umstritten wie Wasser, wie die Verteilung von Wasser. Darüber täuscht auch der idyllische Blick über den See Genezareth nicht hinweg.

Wasser ist Leben. Wasser ist Über-Leben, erst recht in der Wüste.

Die Verteilung von Wasser löst immer wieder Konflikte im Heiligen Land aus, da es ja das Heilige Land für alle drei großen Weltreligionen ist. Die Juden, die Christen und die Muslime beten dort. Und in der Jerusalemer Altstadt treffen sie alle auf engstem Raum aufeinander. Wer einmal diese intensive Stimmung erlebt hat, die Nähe und Enge, die starken Gerüche und die lauten Rufe in vielen Sprachen, dem ist es sicher so gegangen wie mir: eine solche Atmosphäre gibt es nur in Jerusalem.

Wasser steht für Leben, es kann heilen und reinigen, es ist erquickend und frisch, es ist Quelle des Lebens. Im Alten Testament symbolisiert Wasser häufig das Leben spendende Wesen Gottes. Gott selbst ist ein Quell lebendigen Wassers. So wie unser Körper nach Wasser dürstet, so dürstet unsere Seele nach Gott. Noch heute taufen wir mit Wasser, weil Jesus im Jordan getauft wurde.

Und Licht, das Friedenslicht aus Bethlehem, symbolisiert die Sehnsucht nach Frieden. Das Friedenslicht der Pfadfinder ist ein Zeichen der Hoffnung auf den Frieden. So wie die Arbeit der Pfadfinderinnen und Pfadfinder, ihre internationale Vernetzung und ihre Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, auch Friedensarbeit sind, unmittelbar vor Ort und weltweit. Das Friedenslicht verweist auf Jesus Christus, der das Licht der Welt ist und Frieden für alle Menschen verkündet.

Heute sieht man aber in Israel und Palästina nicht nur biblische Landschaft, sondern auch die Mauer, Militär und Checkpoints. Die Menschen müssen Wasser in Tanks auf ihren Häusern sammeln, die Wassertanks auf den Häusern von Israelis sind weiß und auf den Häusern von Palästinensern schwarz. Es gibt immer noch Menschen, die gar keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Kontrolle über Wasser bedeutet Macht, Bewässerungsprojekte sind immer ein Politikum. Die Versorgung mit Trinkwasser war ein wichtiges Thema bei allen Friedensverhandlungen.

1996, da war ich 29 Jahre alt, haben wir in Ramallah, in der Nähe von Jerusalem und von Bethlehem, einen Vertrag über Zusammenarbeit unterzeichnet: deutsche Jusos, israelische Arbeitspartei-Jugend und die palästinensische Fatah-Jugend. Wir haben das Willy-Brandt-Zentrum für Begegnung und Verständigung gegründet. Obwohl die Entwicklung im Nahost-Konflikt immer wieder dagegen stand, haben wir diese Arbeit bis heute durchgehalten und sogar weiter entwickelt, mit einem Haus auf der Grenze zwischen Ost und West-Jerusalem, wo sich junge, politisch interessierte Menschen treffen, um Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekte zu realisieren und mit der Hoffnung, dass miteinander reden und sich kennenzulernen erste Schritte zum Frieden sind. Auch in der Zeit der 2. Intifada, als der Krieg auf den Straßen tobte, haben dort in diesem Zentrum Israelis und Palästinenser zusammen gearbeitet, wenn sie auch oft heiß diskutiert haben. Inzwischen sind auf israelischer Seite auch die Pfadfinderorganisationen Hashomer Hazair (die sozialistischen Pfadfinder) und Noar Oved (aus der Gewerkschaftsjugend) dabei. Ich bin sehr froh darüber und auch ein wenig stolz darauf, dass wir an diesem Ort ein kleines Zeichen des Friedens setzen können. Denn die Zukunft braucht eine junge Generation, die gelernt hat, miteinander zu leben und zu arbeiten, zu feiern und zu diskutieren – und nicht, gegeneinander zu kämpfen.

Deshalb hat auch das Friedenslicht aus Bethlehem für mich so eine hohe Bedeutung. Das Licht des Friedens kommt aus der Geburtsstadt Jesu. Der Papst hat gerade Jordanien, Palästina und Israel besucht. Mich als evangelische Christin hat ein Papst noch nie zuvor so beeindruckt, wie Franziskus in diesen Tagen. Ich finde es bewegend, dass Franziskus so stark die Nähe zu den Menschen gesucht hat, dass er an der Mauer angehalten hat und dort gebetet hat, dass er den palästinensischen Präsidenten Abbas und den israelischen Präsidenten Peres zum gemeinsamen Gebet in den Vatikan eingeladen hat. „Starke Zeichen durch stille Gesten“ hat das eine große deutsche Zeitung genannt. Er hat sich nicht von den politischen Zwängen des Nahostkonfliktes einschränken lassen.

Das Friedenslicht aus Bethlehem ist auch ein solches Zeichen für den Frieden. Ein solches Licht kann den Frieden nicht herbei zaubern. Dazu braucht es Menschen, die es anzünden, die es weiter tragen und die im Alltag, in der Nachbarschaft, in der Jugendarbeit, bei den Pfadfindern, im Betrieb, in der Fabrik, im Büro, im Pflegeheim oder in der Kita und auch in der Politik am Frieden arbeiten. Ich danke allen Pfadis, die sich engagieren. Das ist ganz toll, dass ihr so aktiv seid, dass ihr friedliches und solidarisches Miteinander lernt und lebt und an die Jüngeren weiter gebt. Und dass ihr oft ganz konkrete Hilfe z. Bsp. für alte und kranke oder für arme Menschen leistet. Ein herzliches Dankeschön und ein „Gut Pfad!“

Wasser ist lebenswichtig. Und Licht, das Licht, das wir heute weiter geben, steht für Frieden und für Leben.
Das Heilige Land, diese Region, der wir doch alle so sehr ein friedliches Miteinander aller dort lebenden Menschen wünschen, braucht Wasser, braucht eine gerechte Verteilung von Wasser, braucht die Sicherheit, dass alle Zugang zum Quell des Lebens bekommen. Bethlehem und die ganze Region, Israel und Palästina, brauchen Licht und Frieden, damit sie eine gute Zukunft haben.

kt14_griese2

Kommentar hinterlassen:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

One Response

  1. katholisch. politisch. akitv. Der BDKJ und seine Mitgliedsverbände beim #kt14 | Das BDKJ-Blog

    29. Mai 2014: […] MdB Kerstin Griese und das Friedenslicht: http://blog.dpsg.de/2014/05/friedenslicht-impuls-beim-kath… […]