Die Ukraine – Nachbarn zwischen Angst und Aufbruch

Erschienen am 21. Juli 2014 in Abenteuer Pfadfinden

Olga Kuderko-Berg

Olga Kuderko-Berg

Olga Kuderko-Berg ist seid 2007 Mitglied im Internationalen Arbeitskreis des Bundesverbandes der DPSG. Erste prägende Erlebnisse auf der internationalen Ebene des Pfadfindens sammelt sie in ihrer Zeit bei den Belarussischen Guides.

 

Wir erleben gerade einen Umbruch in den Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Russland. In der Ukraine scheint momentan Ost auf West zu prallen. Eine Situation, die wir in Deutschland seit 1989/1990 endgültig überwunden hofften. Über die Situation in der Ukraine hat sich Olga Kuderko-Berg aus dem Internationalen Arbeitskreis mit den Pfadfinderinnen Natalia Medvid aus Lviv in der Westukraine und Maria Evsyukowa, die in Donezk geboren wurde, sowie dem Pfadfinder Sergey Glaszunow aus Zaporizhzhe in der Zentralukraine unterhalten.

Wir kennen die Ukraine aktuell überwiegend aus den Nachrichten. Könnt ihr beschreiben, was „typisch ukrainisch“ ist?

Natalia: Unsere Küche ist lecker und originell und etwas ganz Besonderes im größten Land Europas. Und wir schätzen unsere Familienwerte und unsere Traditionen sehr.
Sergey: Egal, welche Sprache ein ukrainischer Bewohner spricht, er liebt den Ort, in dem er geboren wurde und bemüht sich, seine Wurzeln in Erinnerung zu behalten.
Maria: Als typisch ukrainisch würde ich die Einstellung zur Arbeit und zu Pflichten nennen. Außerdem die Aufgeschlossenheit, Aufrichtigkeit und Freundlichkeit der Menschen.

Was sind die Besonderheiten der ukrainischen Pfadfinderinnen und Pfadfinder?

Sergey: Während sich auf der ganzen Welt das Pfadfindertum kontinuierlich entwickelt hat, gab es bei uns eine Pause von 70 Jahren. Heute müssen wir das Verpasste nachholen. Wir ziehen erst die zweite Pfadfindergeneration unseres Landes groß.
Natalia: Wir haben noch die Seite des Pfadfindertums behalten, die Baden-Powell als „Wild Scouting“ bezeichnet hat. Die Pfadfinderbewegung als solche existiert in der Ukraine seit 1911.

Womit fing das Pfadfinden für dich an? Welche Aufgaben nimmst du gerade wahr? Welche Zukunft erwartet dich deiner Meinung nach in der Pfadfinderbewegung?

Sergey: Die erste Berührung mit Pfadfindern fing mit einem Angebot an, das Kluftdesign und Abzeichendesign zu entwickeln (ich habe ein eigenes Designstudio). Als ich verstanden habe, wie wichtig das, was die Scout-Masters (Pfadfinderleiter) für die Erziehung der heranwachsenden Generation machen, ist, und dass die Methoden einzigartig sind, habe ich mich entschieden selbst Leiter zu werden. Ich wollte die Organisation mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln und Erfahrung unterstützen. Zurzeit leite ich eine Wohltätigkeitsstiftung für die Unterstützung der Pfadfinderbewegung „Sledopyt“ (übersetzt: Pfadfinder). Ich bin auf der Suche nach Mäzenen und Sponsoren für unsere Aktionen und Projekte. Ich leite den Aufbau unseres Regionalzentrums für die Pfadfinder aus dem Süd-Osten der Ukraine. Ich hoffe, dass wir in Zukunft genug junge Leiter ausbilden können, die den Verband erfolgreich leiten, die Mitgliederzahl erhöhen und uns ersetzen können.

Maria: Das Pfadfinden habe ich im ziemlich erwachsenen Alter kennengelernt. Ich war überrascht, dass das ein System ist, in dem man sich entwickeln kann ungeachtet vom Alter und der gesellschaftlichen Position. Im Moment bin ich Leiterin und beschäftige mich mit Kindern. Die Zukunft hängt von gesetzten Aufgaben und Prioritäten ab und, da die Pfadfinderbewegung ist im Moment im Aufbruch. Ich sehe meine Zukunft eindeutig in der Pfadfinderbewegung. Je mehr Erfahrung im Leben und Ehrenamt wir haben, desto mehr Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen sich uns.

Natalia: Für mich fing das Pfadfinden in der Schule an, als alle meine Freunde zu Plast gegangen sind und ich mit ihnen ins Sommerlager fahren wollte. Im Moment bin ich die internationale Sekretärin von Plast und leite eine Gruppe. Für mich ist das Pfadfinden ein unabdingbarer Teil meines Lebens. Ich träume davon, dass die Mädchen, mit denen ich jetzt arbeite, erfolgreich im Leben werden und auch Gruppen leiten werden. Ich habe schon vieles was ich hier gelernt habe für mich im Leben genutzt und hoffe, dass meine Gruppe das auch nutzen wird.

Welche Rolle spielen Pfadfinder in der ukrainischen Gesellschaft?

Sergey: Heute ist es ein zusammenhaltender Faktor: Regionale und nationale Jamborees und Hikes geben den Kindern aus verschiedenen Regionen die Möglichkeit sich kennenzulernen. Uns Erwachsenen ist das ein Bespiel dafür, wie man in einem multinationalen Staat ohne politische, finanzielle und extremistische Streitigkeiten leben kann.

Maria: Die Pfadfinderbewegung in der Ukraine ist in der aktiven Entwicklungsphase und zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Sie wird als eine Bewegung angesehen, die Kindern hilft, sich selbst zu entfalten und traditionelle Werte vermittelt, da das Pfadfinden nicht nur ein Bildungssystem ist, sondern auch ein Erziehungssystem.

Natalia: Wir erziehen pflichtbewusste und aktive Gesellschaftsmitglieder, wir bringen Kindern bei, ihre Meinung zu äußern, in der Natur und im schwierigen Alltag des Stadtlebens zu überleben. Jeden Tag wachsen unsere Mitgliederzahlen, weil Eltern verstehen, dass es viele Dinge gibt, die ihre Kinder nicht nur von ihnen lernen sollen. Wir bringen den Kindern bei, pünktlich und fleißig zu sein, die Natur, Traditionen und Geschichte des Landes zu lieben und jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen. Das sind gute Voraussetzungen für eine richtig gute Erziehung.

Jeden Tag erhält die Welt eine Menge kontroverser Nachrichten aus der Ukraine. Wie geht es der Pfadfinderbewegung in dieser schwierigen Zeit?

Sergey: Jeden Samstag treffen sich Gruppenvorstände, bei dem die erwachsenen Leiter dabei sind. Die Kinder äußern ihre Ideen, die wir dann zusammen diskutieren und entwickeln Ideen für neue Projekte. Einmal im Monat trifft sich der Rat des regionalen Verbandes. Bei diesem Treffen werden wichtige Themen für die Organisation, wie Entwicklung und Finanzierung, besprochen. Unsere Organisation hat über 100 Mitglieder. Der Rat besteht aus 11 Mitgliedern, die von Kindern ohne Einfluss von Erwachsenen gewählt worden sind. Wir sind außerhalb der Politik, das unterstreichen wir bei jeder Gelegenheit, aber wir sind auch Bürger unseres Landes und müssen alles daran setzen, damit es sich entwickeln kann. Im Zusammenhang mit der Situation auf der Krym waren wir gezwungen,  sechs große Aktivitäten umzulegen und zu verschieben. Das wird natürlich zusätzliche Kosten und Organisationsarbeit mit sich bringen, aber wir sind Pfadfinder und allzeit bereit, nicht wahr? Neue Projekte für Lager und Hikes zu entwickeln, ist sehr spannend und unsere Kinder sind sehr enthusiastisch. Je mehr Freunde, Behörden, Verwandtschaft und Schulen uns kennenlernen, desto mehr unterstützen sie uns. Nicht immer haben wir genug Mittel für Broschüren, Plakate, Equipment aber das Gefühl der Unterstützung gibt uns mehr Selbstvertrauen.

Maria: Unsere Arbeit geht weiter, weil es für Kinder wichtig ist, die Unterstützung und Anteilnahme zu spüren. Wir möchten alle guten Eigenschaften und Werte von Kindern beibehalten und sie fördern.

Natalia: Pfadfinder sind keine Politiker. Aber die Politik beeinflusst uns sehr. In den schwierigsten Zeiten, als wir Angst hatten auf die Straße zu gehen, haben wir uns mit unserer Gruppe nicht getroffen. Was die Revolution betrifft: Als richtige Pfadfinder haben wir geholfen, wie und wo wir konnten: Zum Beispiel als Ersthelfer oder beim Besorgen von Medikamenten. Das war aber nicht im Namen der Organisation. Die Kinder blieben natürlich zuhause, aber die Älteren haben versucht zu helfen. Wir sind doch eine pflichtbewusste Jugend und wer, wenn nicht wir, sollte für die Freiheit in unserem Land kämpfen?

Das Thema der aktuellen Ausgabe unseres Magazins „mittendrin“ ist Angst. Wovor habt ihr Angst? Wie geht ihr damit um?

Maria: Ich habe keine Angst, eher Befürchtungen. Wir, die Leiter, müssen daran denken, dass die Kinder unsere Zukunft sind und wir für die Erhaltung moralischer und kultureller Traditionen sorgen müssen. Es ist wichtig, dass sie deren große Bedeutung und Verantwortung spüren.

Natalia: In der letzten Zeit habe ich nur um eines Angst – meine Familie! Denn ich kann, wenn wirklich der Krieg ausbricht oder Terroristen meine Stadt erobern, das nicht beeinflussen. Dann kann ich nichts unternehmen, um meine Verwandten zu schützen. Das macht mir Angst.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Sergey: Die Pfadfindermethode hat Zukunft in der Ukraine. Ich hoffe, wir werden genug Kraft und Möglichkeit haben, um dies in die Tat umzusetzen.

Maria: Ich möchte allen Menschen in der Ukraine Einigkeit untereinander wünschen.

Natalia: Ich bedanke mich bei allen, die sich um die Ukraine und unsere jetzige Situation Sorgen machen.

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4 Responses

  1. Sieglinde Hinger

    22. Juli 2014: Liebes Blog-Team, ich bin Pfadfinderin in Wien und als solche quasi die Chefredaktion der Gruppenzeitung meiner Pfadfindergruppe Wien 27-Donaustadt. Durch eine Verlinkung eures Blogs auf Facebook bin ich auf den interessanten Beitrag über die Pfadfinderei in der Ukraine gestoßen und wollte nachfragen, ob es für euch okay wäre, den Beitrag (ev. gekürzt) in der Oktoberausgabe unsere Zeitung abzudrucken - selbstverständlich unter Nennung der Quelle. Unsere Gruppe findet ihr unter www.gruppe27.at Liebe Grüße und Gut Pfad Sieglinde

     
  2. Blog-Team

    Blog-Team

    22. Juli 2014: Hallo Sieglinde, ich leite deine Anfrage an die zuständige Kollegin weiter & sie wird sich mit dir diesbezüglich in Verbindung setzen. Viele Grüße Daniel vom Blog-Team

     
  3. Gunar Seifert

    14. August 2015: Hallo, ich hatte dieses Jahr beim Paddeln auf dem Dnestr in Ustechko eine sehr informative und nette Begegnung mit einer Gruppe Pfadfinder aus Lviv. Da wir am nächsten Morgen jedoch zeitig weiterfuhren und sie noch schliefen, ist es leider zu keinem Adressaustausch gekommen. Könnten Sie / Ihr mir ggf. bitte eine Kontaktadresse der Lviver Pfadfinder schicken? Ich würde die anregende Diskussion gern fortführen. Mit freundlichen Grüßen Gunar

     
    • Susanne Ellert

      26. August 2015: Hallo Gunar, deine Anfrage haben wir weitergeleitet, die zuständige Kollegin ist allerdings die nächsten Wochen noch im Urlaub.