Paraguay: Von Mückenstichen und Götterfunken

Erschienen am 1. Oktober 2014 in freiwillig & weltwaerts

Yvonne Kölsch

Yvonne Kölsch

Yvonne Kölsch ist als Freiwillige mit DPSG und Adveniat für ein Jahr in Paraguay und berichtet hier von ihren Erfahrungen.

 

Ich lebe nun seit einem Monat in Paraguay, in der Zwei-Millionen-Stadt Asunción, die täglich wächst. Die Stadt ist riesig und auf den Straßen herrscht viel Verkehr. Es ist unmöglich einzuplanen, wie viel Zeit man von einem Ort zum anderen brauchen wird, da alles vom Verkehr abhängt. Mit den Bussen ist es ähnlich: Man weiß nie, wann sie vorbeikommen. Man wartet einfach. Toll ist, dass man einfach den Arm ausstreckt und der Bus einen aufgabelt, egal an welcher Stelle. Das erklärt dann auch gleich, warum der Bus langsam vorankommt. Aber im Grunde genommen, ist alles eine Frage der Sichtweise – man übt hier seine Geduld.

Viele Teile der Stadt sind vor allem sehr arm. Vor ein paar Monaten ist der Fluss “Rio Paraguay” übergelaufen und hat große Teile der ärmeren Viertel überschwemmt. An einigen Stellen stand das Wasser sieben Meter hoch. Als ich im August kam, war es schon auf fünf Meter gesunken und als wir mit Mitarbeitern der Erzdiözese mit dem Kanu in den Straßen fuhren, wurde der Schaden sichtbar. Aufgrund dieser Katastrophe mussten viele Familien vorübergehend in Holzhütten mitten in die Stadt ziehen, bis das Wasser abfließt. Die Erzdiözese versorgt die Menschen mit Nahrungsmitteln, die gespendet werden.

„Freude, schöner Götterfunken“

ViolinenIch habe mir in diesem ersten Monat alle verschiedenen Projekte angesehen, in denen ich mitarbeiten kann. Die Wochentage sind leider zu kurz, um alles machen zu können. Es hat einen Monat gedauert, um meinen Wochenplan fertigzustellen, doch jetzt ist er soweit: Samstags gebe ich Kindern Geigenunterricht, die aus dem Elendsvirtel „La Chacarita“ kommen. Witzigerweise war das erste Stück, welches sie mir vorspielten das deutsche Stück „Freude, schöner Götterfunken“. Wir wollen ein kleines Ensemble gründen und werden voraussichtlich im November unser erstes Konzert geben.

Drei Tage die Woche bin ich im Zentrum der Pastoral Social Arquidioecesana im Armenviertel „La Chacarita“ tätig. Hier kommen die Kinder in zwei Schichten: vor oder nach der Schule.Sie bekommen zwei Mahlzeiten und werden hier beschäftigt, sodass sie nicht auf der Straße sein müssen. Gestern haben wir mit den etwas älteren Kindern Theater gespielt. Anschliesend gab es für alle eine Partie Fussball und natürlich eines der Lieblingsspiele der Kinder: Fangi (Fangen). Wie ich feststellen konnte, gibt es Spiele, die man auf der ganzen Welt spielt.

Die Kinder bringen mir ausserdem nebenbei Guaraní bei, die zweite offizielle Amtssprache paraguays. Hier wird allerdings eine Mischung aus beiden Sprachen gesprochen. Guaraní klingt unglaublich melodisch und weich. Ich hoffe, dass ich in meiner Zeit hier diese wunderbare Sprache sprechen lerne.

33.000 Bäumchen für Paraguay

BäumchenIch arbeite zwei Tage die Woche bei der Organisation „A Todo Púlmon – Paraguay respira“, zu Deutsch: „Paraguay atmet aus voller Lunge“. „A Todo Púlmon“ hat sich als Ziel gesetzt, eine Million Hektar Paraguays zu bepflanzen, da die massive Abholzung der paraguayischen Wälder ein immer größer werdendes Problem darstellt.

Einerseits halten wir Präsentationen an Schulen und organisieren Aktionen, um die Bevölkerung zu animieren, aktiv zu werden. Diesen Donnerstag lief zum Beispiel folgende Aktion: An zehn verschiedenen Supermärkten haben wir Kunden einen Baum namens „Lapacho rosada“ geschenkt, damit sie ihn in ihren Garten pflanzen können. Dafür haben wir die letzten Tage 33.000 Bäumchen abgezählt, sortiert und verpackt, um sie in verschiedene Städte zu schicken. Es werden auch Aktionen veranstaltet, an denen dann tatsächlich die Bäume gepflanzt werden. Ich selber habe noch keinen Baum gepflanzt, freu mich aber schon riesig drauf!

Ein anderer Bereich meiner Arbeit besteht darin, den Priester mit drei einheimischen Freiwilligen bei seiner Arbeit zu begleiten. In sogenannten „Asentamientos“ (Niederlassungen: Armenviertel, die sich wie ein Gürtel um die Stadt ziehen) gibt er Katechismus-Unterricht zum Teil auf Guaraní, da die Bevölkerung außerhalb der Stadt überwiegend diese indigene Sprache spricht.

Mühe und Mückenstiche haben sich gelohnt

Messe-VirgenAuf dem Foto ist in einem Glaskasten die „Vigen de Asunción“ zu sehen. Wir hatten sie auf holprigen und erdigen Wegen bis an ein „Asentamientos“ außerhalb der Stadt gebracht und gemeinsam mit den Menschen dort einen Gottesdienst gefeiert. Die Feier war sehr schlicht, aber die Bedeutung war für die Menschen enorm. Es war wahnsinnig heiß und anschließend kamen mit der Dämmerung die Moskitos, aber alle Mühe und Mückenstiche haben sich für dieses Erlebnis gelohnt!

Sonntags fuhr ich bisher regelmäßig mit einer der Mitarbeiterin der Sozialpastoral zu ihren zahlreichen Verwandten auf das Land. Dort ist das Leben viel ruhiger und traditioneller als in der Stadt. Sonntags isst die ganze Familie zusammen Asado, was ziemlich genau ein halbes Rind auf dem Grill ist, und Sopa paraguaya. Das ist ein Nationalgericht aus Mais, Käse, Eiern und Milch und Anis. Die Menschen auf dem Land leben viel einfacher und sind auch meist ärmer als in der Stadt. Die meisten sind Bauern oder fahren auf der Suche nach Arbeit in die Stadt.

Das Klima ist sehr warm aber vor allem schwül. Die Umgebung und der Urwald unheimlich faszinierend mit vielen Palmen aber auch umso mehr Moskitos. Ich bin viel beschäftigt, die Zeit vergeht sehr schnell und ich genieße es, einfach alles auf mich zukommen zu lassen.

Bis dahin, muchos Saludos desde Asunción, Yvonne

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