Freiwilligendienst in der Hitze Paraguays: La Chacarita

Erschienen am 10. März 2015 in freiwillig & weltwaerts

Yvonne Kölsch

Yvonne Kölsch

Yvonne Kölsch ist als Freiwillige mit DPSG und Adveniat für ein Jahr in Paraguay und berichtet hier von ihren Erfahrungen.

 

Der Sommer ist fast vorbei und es wird langsam kühler…ich korrigiere: es ist immer noch irre schwül und heiß, und das wird es hier in Paraguay wohl immer sein. Für mich messen sich die Jahreszeiten eher an den gerade reifen Früchten, die es hier in so großen Mengen gibt, dass man gar nicht alle essen kann. Im Sommer wuchsen zum Beispiel Mangos an allen Straßenecken, die die Weihnachtsdekoration weit in den Schatten stellte. Und da es viel zu viele gibt, ist es auch noch erwünscht, wenn man ein paar vom Baum pflückt.

4Heute habe ich mit meinem Chef Ricardo Gonzalez von der Pastoral Social (Sozialpastoral) und einer Kollegin den Park, in dem der Hauptkomplex der Erzdiözese angesiedelt ist, nach Avocado und Guayaba abgesucht. Ricardo rüttelte und schüttelte am Baum bis sie herunterfielen. Aus den leckeren Avocados kann man super Pudding machen. Das ist hier der Renner! Ja, und dann gibt es noch die Bananen in allen möglichen Varianten. Es ist schon längst zur Routine geworden nach der Arbeit im Bus ein Dutzend kleine Bananen zu kaufen und die Hälfte als Snack auf der Heimfahrt von der Arbeit zu vernaschen.

Ich arbeite nun schon seit sechs Monaten in einem Bildungszentrum der Pastoral Social in Asunción. Das Bildungszentrum liegt in dem sozial benachteiligten Viertel „La Chacarita“. Mein Projekt heißt Abrazo (Umarmung) und mein Arbeitsbereich liegt in der Erziehung, Betreuung und Verköstigung der Straßenkinder Asuncións vor und nach der Schule.

Mitte Dezember haben hier die Sommerferien angefangen und somit auch für uns die „operativa verano“, was soviel wie „Betriebsablauf Winter“ heißt. Diese dauern ganze drei Monate. Das bedeutete dann für meine Kollegen und mich, dass doppelt so viele Kinder zu betreuen sind als während der Schulzeit, denn in dieser Zeit kommen die Morgen-Kinder und die Nachmittags-Kinder den ganzen Tag über in unser Projekt.

Kaum eines dieser Kinder fährt, wie in Deutschland, in die Ferien. Da die meisten Eltern jedoch trotzdem arbeiten und die Kinder Essen bekommen und nicht unbeaufsichtigt zu Hause bleiben sollen, bringen viele Eltern ihre Kinder jeden Tag zu uns. Als Besonderheit in den Ferien dürfen die Kinder aber auch Freunde und Verwandte ins Zentrum einladen und mitbringen.

Ich werde hier von allen „profe Yvonne“, was soviel wie Lehrerin Yvonne heißt, genannt. Gemeinsam haben wir mit den Kindern Weihnachtsdekorationen gebastelt, gemalt, Fußball gespielt, Seilhüpfen und andere Spiele ausprobiert. Morgens gehen wir oft zum Toben in den Park. Nach dem Mittagsessen beißen wir uns regelmäßig an der Siesta die Zähne aus, denn viele Kinder wollen partout nicht schlafen. Sie sind einfach „aka hata“, was auf Guaraní – der Sprache der Einheimischen – „hart im Kopf“, also sehr aktiv, bedeutet.

3Am 24. Dezember haben wir eine bombastische Weihnachtsfeier im Zentrum der Chacarita gefeiert. Es gab reichlich süßes Brot und Musik. Meine Kindergruppe hat das Krippenspiel aufgeführt und die ganz Kleinen haben vorgetanzt und ihre Bastelarbeit vorgestellt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Kinder sich jemals so ruhig und lieb benommen haben. Das muss wohl der Zauber von Weihnachten gewesen sein.

Vor einem Monat kam die lang erhoffte Spende an Zahnbürsten und Zahnpasta bei uns an. Seitdem putzen sich die Kinder nach den Mahlzeiten täglich die Zähne. Anfangs hat es immer lange gedauert, die jeweiligen Farben und Namen ausfindig zu machen, um dem Kind auch die richtige Bürste in die Hand zu drücken, aber mittlerweile hab ich es ganz gut drauf, denn Übung macht den Meister. Schön ist, dass die meisten Kinder Lust haben, sich die Zähne zu putzen. Ich muss also nur einem kleinen Teil mit der Bürste hinterherrennen.

Weniger erfreulich war, dass als die meisten Kinder zu uns kamen, die Nahrungsmittellieferung ausblieb, da der Vertrag mit den jeweiligen Firmen endete und das Bürokratische meist nur sehr langsam in die Gänge kommt. Ohne Essensvorräte blieb die Kost eintönig: Milch zum Frühstück und Bohnensuppe oder Reis zum Mittagessen. Heute wurde zum ersten al seit langem wieder geliefert, aber immer noch fehlt es an vielem, vor allem an Früchten.

In einer Woche fängt die Schule wieder an, dann werde ich wieder Mathe- und Grammatik-Nachhilfe geben. Da sind die Kinder natürlich ganz scharf drauf, vor allem weil bei mir zu Ende gerechnet wird, bevor man spielen gehen darf.

1Die Hälfte meines Freiwilligendienstes liegt jetzt hinter mir. Die Zeit rast an mir vorbei, aber gleichzeitig fühle ich mich, als lebte ich schon viel länger hier. Im Dezember habe ich per Zufall Pfadfinderinnen und Pfadfinder kennengelernt, welche mich auch gleich auf das nächste Lager einluden. Wir sind inmitten Paraguays, unter der glühenden Sonne und bei schwülen 45 Grad, zu einem verborgenen Wasserfall gewandert. Das war bis jetzt der wärmste Tag meines Lebens und die ganze Truppe war heilfroh, nach dem schweißtreibenden Aufstieg, baden gehen zu können. Ich bin nun seit Kurzem in deren Stamm als Mitleiterin bei den Wölflingen tätig und wir planen schon das nächste Lager, auf das ich mich wahnsinnig freue!

So viel zu meinem Leben hier. Die Fastenzeit hat, mal ganz anders, mit einer Blutspendeaktion der Erzdiözese begonnen. Ich bin sehr auf die Osterwoche gespannt, in der ich endlich in die Kunst des Chipa (Brotfladen) machen eingeführt werde.

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3 Responses

  1. gilles dupas

    13. März 2015: Très heureux d´avoir des nouvelles. Bravo pour ton engagement , et bonne continuation!

     
  2. Goasdoué

    15. März 2015: Liebe Yvonne, Dein Bericht ist sehr interessant und er entführt uns in eine völlig andere Welt. Ich wünsche dir auch für den zweiten Teil deines Aufenthaltes alles Gute. Liebe Grüße aus Freiburg Nicole Goasdoué

     
  3. Marie-Christine Jolk

    15. März 2015: Quel entrain! Bravo, Yvonne, pour toutes les belles choses que tu as déjà réalisées et bonne chance pour la suite. Bises du Qatar. Marie-Christine Jolk