Freiwilligendienst in Paraguay: Mega-Konzert der Jugend

Erschienen am 1. April 2015 in freiwillig & weltwaerts

Rebecca Kossmann

Rebecca Kossmann

Rebecca Kossmann ist als Freiwillige mit DPSG und Adveniat für ein Jahr in Paraguay und berichtet hier von ihren Erfahrungen.

 

Die Jugendlichen von Semillas Musicales sind aufgeregt, denn heute konnten sie mit offizieller Entschuldigung ihres Konservatoriums eher die Schule verlassen. Warum? Weil wir heute mit vierzig Jugendlichen nach Encarnación fahren, um dort am „Mega Concierto“ teilzunehmen und unser Repertoire vorzutragen.

In der reinsten Klassenfahrtsstimmung machen wir uns mit einem klapprigen Colectivo (Reisebus) auf den Weg. Wie das so ist wenn 40 Musiker in einem Bus sitzen wird gesungen, laut und ausgelassen und Gitarre und Geige gespielt.

Der Weg führt uns durch Coronel Bogado, die Stadt der Chipa (ein traditionelles paraguayisches Gebäck aus Maismehl, Yukamehl und Käse). Ein Chipero (ein Mann, der Chipa aus einem großen Flechtkorb verkauft, weibliche Form: Chiperita) betritt den Bus und wird fast unter den Jugendlichen begraben, denn jeder möchte eine warme Chipa abbekommen. In Encarnación angekommen beziehen wir unser Quartier und machen uns sofort auf den Weg zum Seminarort.

Atmosphäre wie in einem Pfadfinderlager

Das Konzert-Treffen beginnt mit einem Umzug aller Musikschulen durch die Stadt.

Das Konzert-Treffen beginnt mit einem Umzug aller Musikschulen durch die Stadt.

Hier probt ein Orchester, dort laufen zwei Mädchen mit riesigen Harfen vorbei, am anderen Ende rennen Helfer in neongrünen T-shirts gestresst durch die Gegend. Grüppchen von Kindern und Jugendlichen stehen zusammen und plaudern. Die gesamte Atmosphäre erinnert mich an ein Pfadilager. Hier wird ebenfalls auf dem Boden geschlafen, alle sind gemeinsam unterwegs. Es gibt ein Ziel, dass größer ist als der Einzelne: die Musik, das Orchester zu dem jeder seinen kleinen Teil zu beitragen wird.

Das Seminar beginnt mit einem Umzug aller Musikschulen durch die Stadt, wir sind an Platz 50 und laufen Krach machend mit einer Art Fußballgesang alá: Olé olé olé olé, Semillas, olé!“ Oder: „Se siente, se siente, Semillas esta presente!“ (Man setze sich, man setze sich, Semillas ist da!) durch die Straßen. Mit einer Peña (Musizieren am Lagerfeuer) in der Unterkunft endet der erste Tag.

Am nächsten Morgen, mit Chipa und Banane gestärkt, geht es zur Probe des sogenannten Mega-Orchesters. Und es ist tatsächlich MEGA! 1.200 Musikschüler sitzen im Innenhof des Seminarortes, hören ihren wechselnden Dirigenten zu und spielen nach ihrer Anleitung. Ich stehe derweil Schlange, um für die vierzehn zu spielenden Stücke Noten für alle unsere Instrumente zu besorgen. Ein riesiger Stapel erwartet mich. Mega eben.

„Happy Blues” und Latino-Mix

Kurz vor dem Auftritt nochmal ins erfrischende Meer.

Kurz vor dem Auftritt nochmal ins erfrischende Meer.

Nachmittags haben wir Zeit um uns für unseren Auftritt am Abend vorzubereiten und noch ein bisschen zu proben. Es läuft alles gut und so können wir noch dem Strand einen Besuch abstatten. Der Terere, das eiskalte Mategetränk ist immer dabei, denn es ist unglaublich heiß. Später schmeißen wir uns in Schale und machen uns wiederum auf den Weg zum Auftrittsort.

Am Abend treten wir dann zwar als eine Gruppe von vielen auf, fallen dennoch vor allem durch unsere Songauswahl auf. Wir spielen den „Happy Blues“ und einen von uns selbst geschriebenen Mix an populären lateinamerikanischen Liedern, der sowohl von Solisten als auch vom Chor gesungen wird. Wir sind die einzige Gruppe die mit Chor auftritt.

Nach unserem Auftritt gucken wir uns noch die anderen Gruppen an, das Konzert dauert bis Mitternacht. Es ist wirklich bemerkenswert wie gut manche Orchester klingen und was sie aufführen. So bekommen wir ganz viele Ideen für das was wir im nächsten Semester machen wollen.

“Die Musik verbessert unser Leben”

Am Samstag ist es dann endlich so weit: Das Mega Konzert mit dem Mega Orchester steht vor der Tür. Ich begleite die jungen Musiker und suche mir dann einen Platz in der obersten Reihe der Ränge aus, um einen guten Überblick zu haben. Unter dem Slogan #SUENAPARAGUAY (klinge Paraguay) hat Sonidos de la Tierra seine Schüler und deren Familien eingeladen; und wie es klingt, wenn 1.200 junge Musiker mit Freude ihre Instrumente erklingen lassen!

Beim letzten Lied ziehen sich alle ein orangefarbenes T-shirt über, das den Spruch #MUSICAHACEBIEN trägt. Dies ist die neue Kampagne von Sonidos de la Tierra: die Musik macht, dass es uns gut geht, die Musik verbessert unser Leben. Unter wunderschönen Nachthimmel genieße ich das Konzert das unser Seminar in Encarnación beendet.

Das Seminar samt Konzert war der Startschuss für das Schuljahr 2015 im Konservatorium, der sehr viele Veränderungen mit sich bringen wird. Es wird ein neuer Stundenplan für die Tage Montag bis Freitag eingeführt, es kommen neue Lehrer, die eine akademische Ausbildung haben und somit eine bessere Lehre garantieren können.

Gründung eines hauseigenen Orchesters

Und ab geht´s wieder nach Hause …

Und ab geht´s wieder nach Hause …

Das Highlight dieses Jahres wird die Gründung des hauseigenen Orchesters sein. Hierzu werden drei Maestros, wie man hier sagt, der Uni in Asuncion anreisen und einmal im Monat Workshops und eine Orchesterklasse anbieten. Das Trio, bestehend aus einem Uruguayer und zwei Spaniern, nennt sich Caleidoscopio und sie traten schon an unserem Abschlusskonzert der Antidrogenkampagne auf.

Auch meine Unterrichtsvorbereitung läuft auf Hochtouren. Vor ein paar Wochen haben wir eine Lehrerin aus der Nähe von Hohenau (ja, das ist hier in Paraguay) getroffen, die ihre Erfahrung in der musikalischen Früherziehung mit uns geteilt hat und übernächstes Wochenende eine Fortbildung für einige Lehrer anbieten wird.

Das Haus ist also wieder voll singender, lachender, Instrumente spielender Kinder und Jugendlichen, die es nicht erwarten können endlich richtig loszulegen und die nach dem Unterricht gar nicht nach Hause gehen wollen.

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One Response

  1. Prikre0

    25. August 2015: Wow das klingt alles sehr gut! Sehr schöne Beiträge! Wie kann man denn soetwas finanzieren? Gibt es da Stipendien oder muss man einen Kredit aufnehmen oder reicht gar das ersparte? Die Projekte klingen alle sehr gut und reizen doch schon ein wenig :)