Praxistipp Leiten: Konflikte erkennen und lösen

Erschienen am 2. Juni 2015 in Abenteuer Leiten

Stefanie Kellner

Stefanie Kellner

Stefanie Kellner ist seit Sommer 2011 Mitglied im Bundesarbeitskreis der Pfadfinderstufe. Sie war auch viele Jahre Pfadleiterin in ihrem Heimatstamm und ist dort noch als Mitarbeiterin tätig.

 

Konflikte gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen: große und kleine, laute und stille. Sie können mit Worten oder Waffen, im Pfadfinder-Zelt oder über ganze Kontinente hinweg ausgetragen werden. Doch eines haben alle Konflikte gemeinsam: Streiten kann man nicht alleine.

Das Wichtigste zuerst: Konflikte, wie sie in unserem Leben täglich auftauchen, sind nichts Schlimmes und sind es wert, ausgetragen zu werden. Wer Ärger immer hinunterschluckt, schadet sich selbst. Man wird ängstlich und büßt Selbstvertrauen ein. Konflikte, fair ausgetragen, sind wichtig und richtig. Sie führen zu besseren Ergebnissen und helfen, die eigenen Rechte zu wahren oder die eigene Sichtweise zu erklären. Und manchmal müssen wir einfach auch Zivilcourage zeigen, wenn Menschen oder wichtige Werte verletzt werden. Manchmal mag es bequemer sein, einen Konflikt zu vermeiden. Doch auf Dauer wird das Leben komplizierter.

Objektive Konflikte

Die Theorie kennt viele Konflikttypen, sie teilt unter anderem nach Streitgegenständen, Erscheinungsformen, Ausbreitung oder Konfliktparteien ein. In der Praxis können wir es uns Gott sei Dank einfacher machen: Wir unterscheiden zwischen objektiven und subjektiven Konfliktursachen. Objektive Ursachen können der Streit um den besten Platz im Schlafsaal, gegensätzliche Interessen bei einem Projekt oder unterschiedliche  Wertvorstellungen sein. Der Konflikt liegt dann in der Sache und die Beteiligten können darüber sprechen.

Subjektive Konflikte

Nicht so einfach ist es bei subjektiven Konfliktursachen. Hier wird es persönlich, es kommen Gefühle, Überzeugungen, Vorurteile oder Verhaltensweisen ins Spiel. Diese hinterfragen viele Menschen nicht: Warum mag ich diesen Kerl nicht? Warum will ich keine Flüchtlinge in meiner Straße? Weil es so ist und schon immer so war! Basta. Doch es wird noch verworrener. Meistens kommen nämlich objektive und subjektive Konfliktursachen zusammen. Wer bei einem Projekt nicht meiner Meinung ist (objektive Ursache), wird mir unsympathisch und ich begegne ihr oder ihm unfreundlich (subjektive Ursache).

Schnell entsteht Streit

Ein Beispiel: Max und Moritz streiten sich schon länger über das weitere Vorgehen bei einem Projekt. Moritz wiegelt ab, macht Witze und geht nicht auf die Argumente von Max ein. Schließlich sagt Max: „Mir reicht’s. Du glaubst mir ja eh nicht, dass meine Lösung auch eine gute Lösung ist!“ Er zieht sich zurück. Was ist geschehen? Objektiv wurde nur über das Thema gesprochen. Doch auf der Gefühls- und Beziehungsebene ereignet sich sehr viel mehr. Unter anderem fühlt sich Max nicht ernst genommen, ist frustriert und ärgert sich (Gefühle). Er verhält sich nicht konstruktiv und bricht das Gespräch ab (Verhaltensweise). Außerdem glaubt er, dass Moritz ein Mensch ist, mit dem es sich nicht zu sprechen lohnt (Überzeugung).

Das Knäuel entwirren

An diesem Punkt ist es zu spät, sachlich über das Thema zu sprechen. Zuerst muss das Knäuel an verschiedenen Konfliktursachen gelöst und Beleidigungen oder persönliche Kränkungen offen angesprochen werden. Dann kann von neuem über das Thema gesprochen werden – auf einer konstruktiveren Grundlage.

Leiterinnen und Leiter als Vorbilder

Konflikte erkennen, austragen und lösen sind Fähigkeiten, die Kinder und Jugendliche lernen müssen, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Die eigene Meinung kennen und vertreten können, konstruktives Diskutieren und Konflikte zu lösen, sind Fähigkeiten, die wir als Leitungsteam vorleben müssen. Wenn wir mit unseren Gruppenmitgliedern oder im Leitungsteam Konflikte austragen, nehmen wir
somit eine Vorbildrolle ein. Für uns als Leitungsteam heißt das, dass wir Konflikte im Team ansprechen und konstruktiv lösen sollten. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Konflikte bieten immer die Chance auf einen
neuen Weg, der ohne den Konflikt nie entdeckt worden wäre.

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