Widerstand leisten!

Erschienen am 25. Juni 2015 in Glaube leben

Martin Helfrich

Martin Helfrich

Als Diözesanvorsitzender des BDKJ im Erzbistum Hamburg übernimmt Martin Helfrich die jugend- und kirchenpolitische Vertretung katholischer Jugendverbände. Vorher war er Leiter der Jungpfadfinderstufe und ist seinem Heimatstamm weiter eng verbunden.

 

„Dass Auschwitz nie wieder sei!“- das ist der gemeinsame Antriebspunkt eines breiten Bündnisses aus Jugendverbänden und –organisationen, die im Juni auf einer Gedenkstättenfahrt in Polen unterwegs sind. 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz setzen sich insgesamt 1000 junge Menschen mit der Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords auseinander. Zu dem Jugendbündnis gehören neben dem BDKJ die DGB-Jugend, die Jusos in der SPD, Naturfreundejugend Deutschlands, SJD – Die Falken, linksjugend [’solid], Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej), Jugendwerk der AWO, Grüne Jugend, DIDF-Jugend, Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) und der israelische Gewerkschaftsbund sowie die israelische Gewerkschaftsjugend. Martin war für den BDKJ mit dabei und berichtet von seinen Gedanken aus einem Workshop zum Jugendwiderstand.

Die Geschichte des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime ist betrüblicherweise keine besonders rühmliche – denn offenkundig war sie nicht von Erfolg: Es waren nicht die Deutschen, die Adolf Nazi zur Strecke brachten, sondern der verlorene Krieg.

Und dennoch gab es Gruppen, die sich eingesetzt haben gegen die Nazis, die aktiv und passiv Widerstand geleistet haben. In einem von vielen Workshops am Samstag der Bündnisfahrt in Oświęcim blicken wir besonders auf Jugendgruppen.

Es waren verschiedene Motive und Angehöriger verschiedener Milieus, die Menschen antrieben. Der Swing als Jugendkultur vor allem des gehobenen Bürgertums diente als musikalisch-anglophile Abgrenzung zur militaristischen Hitlerjugend, der man – nicht nur, aber auch – aus hedonistischer Perspektive nichts abgewinnen konnte; die Edelweißpiraten sahen sich, vielfach aus Arbeitermilieus stammend, in der Tradition der Bündischen Jugend, die auch Pfadfinderverbände bis heute prägt; die Mitglieder der Weißen Rose nahmen als junge Akademiker eine konservativ-intellektuelle, christlich geprägte Perspektive ein; konfessionelle Organisationen konnten ihr Menschenbild und Moralvorstellungen nicht mit denen der Nazis vereinen und fühlten sich zu Widerstand verpflichtet ebenso wie politische Gruppierungen und Parteijugenden, wie etwa junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Kommunistinnen und Kommunisten und Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.

1Ähnlich vielfältig ist heute unser Bündnis “Dass Auschwitz nie wieder sei!”. Nicht ganz selbstverständlich! Wie viele Gespräche haben wir geführt, wie viele Bedenken ausräumen müssen und befremdete Reaktionen erfahren: wie kommt es bloß, dass der BDKJ mit dabei ist? Viele Kolleginnen und Kollegen empfinden es als ungewohnt, scheinbar “Kirchenvertreter” dabei zu haben.

Ich erkläre dann, dass wir nicht eine “Kirchenjugend” sind, sondern selbstorganisierte und -bestimmte, demokratisch strukturierte Jugendverbände – gebildet aus Menschen, die sich eben auch mit christlichen und katholischen Werten identifizieren. “Ich glaube an Gott”, sage ich während dieser Tage häufiger, als es im Standard-Frage-Antwort-Spiel der katholischen Messe vorgesehen ist: nicht als pathetisches Glaubensbekenntnis, aber um unsere Motivation zu begründen.

Als junger Christ engagiere ich mich, um die Gesellschaft, in der wir leben, zu verbessern. Es ist uns linken Organisationen – kirchlichen Organisationen wie Gewerkschaften, Parteien und anderen Verbänden mit roten Logoi – gemeinsam, dass wir Fortschritt für die Menschen wollen: dass das Leben gelingt, Ungerechtigkeit überwunden wird, es eine Perspektive jenseits einschränkender Herrschaftsverhältnisse gibt.

2Als Pfadfinder bin ich “allzeit bereit”. Als ich mein erstes Tuch erhielt, habe ich meinen Leitern stellvertretend für alle anderen in die Hand versprochen, “mein Bestes zu geben”. Robert Baden-Powell, der Gründer der Weltpfadfinderbewegung, stellt das auch in eine christliche Tradition: “Christus gab sein Leben, um uns ein Beispiel zu geben, nämlich ‘bereit zu sein’ die richtige Sache für andere zu tun.”

Das Denken allein reicht dafür nicht, wir müssen auch was tun – sonst ändert sich nichts: “Ein[e] Pfadfinder[In] ist aktiv darin, Gutes zu tun, nicht passiv, gut zu sein. … Wende dich zur richtigen Seite und gehe vorwärts”, sagt B.P.

Ich habe nicht ganz so viel geredet, wie ich geschrieben habe – aber wir stellen fest, dass jede  und jeder einen individuellen Rucksack an Tradition und Motivation mitbringt. Es gibt einen gemeinsamen Nenner, der nicht der “kleinste gemeinsame Nenner” ist, denn er ist eigentlich ziemlich groß:

“Dass Auschwitz nie wieder sei”, dafür sind wir bereit, uns wenn nötig mit ganzer Kraft einzusetzen.

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