Können Sie nächsten Montag eine Flüchtlingsunterkunft aufmachen? – Teil 1

Erschienen am 15. September 2015 in Allgemeines

Andreas Bierod

Andreas Bierod

Andreas Bierod ist Diözesangeschäftsführer Malteser Hilfsdienst in der Erzdiözese Paderborn. Er war bis Mitte 2014 Grundsatzreferent der DPSG Bundesleitung.

 

Solche Anfragen kommen bei uns Maltesern aktuell nahezu wöchentlich rein. Meistens fragt ein Mitarbeiter einer der beiden Bezirksregierungen unserer Diözese an, manchmal aber auch ein kommunales Ordnungsamt. Und schon sind wir mittendrin im Chaos der Flüchtlingshilfe. Aber eins nach dem anderen.

Hilfsbereitschaft und Offenheit

In Deutschland findet gerade ein zweites Sommermärchen statt. Während andere Länder sich abschotten, bietet sich hierzulande ein Bild der Offenheit und Hilfsbereitschaft, sowohl in der Bevölkerung wie auch in Politik und Verwaltung. An Bahnhöfen werden Willkommensplakate ausgerollt und spontan Hilfe geleistet. Hierbei helfen auch viele ehrenamtliche Malteserinnen und Malteser, die in unterschiedlichen Bereichen des Katastrophenschutzes ausgebildet sind: Sanitätsdienste, Verpflegung, Betreuung, Kommunikation und Technik. Sie richten kurzfristig Turnhallen mit Feldbetten ein, versorgen erste äußere und innere Wunden, kochen warme Mahlzeiten, geben diese aus und stellen eine technische Grundausstattung zur Verfügung. Im besten Fall sind genug Leute da, die auch ein weiteres ehrenamtliches Engagement koordinieren können.

Unterschiedliche Flüchtlingsunterkünfte

Wenn aber die Flüchtlinge in feste Einrichtungen weitergeleitet werden, wo sie länger bleiben können, braucht es andere Strukturen, die dann auch mit hauptberuflichem Personal ausgestattet eine Unterkunft organisieren können, wenn das ehrenamtliche Engagement abebbt. Dabei lassen sich die Flüchtlingsunterkünfte in drei Kategorien unterteilen:

Die Erstaufnahmeeinrichtungen

Betritt ein Flüchtling deutschen Boden und kommt ein erstes Mal mit einer deutschen Behörde in Kontakt, wird er über die Polizei zur Registrierung einer Erstaufnahmeeinrichtung zugewiesen. Dort werde die Personalien aufgenommen, es findet eine ärztliche Inaugenscheinnahme statt und alle Ankommenden werden, soweit sie es nicht bereits belegen können, geimpft. Im Regelfall sollten die Flüchtlinge nicht länger als zwei oder drei Tage hier sein. Entsprechend sind die Einrichtungen auch ausgestattet, mit großen Schlafräumen und auf ständig wechselnde Gäste. Von dort werden sie weitergeleitet zu zentralen Unterkunftseinrichtungen.

Zentralen Unterkunftseinrichtungen

Während des ersten Teils des Asylverfahrens sind hier Flüchtlinge untergebracht und können ein wenig ankommen. Als Zentrale Unterkunftseinrichtungen dienen oft ehemalige Kasernen, Krankenhäuser, Altenheime oder ähnliches. Es gibt also kleinere Zimmer oft 4er – 8er Zimmer, wo zum Beispiel eine Familie für sich ein eigenes Zimmer bekommt. Sie werden vollverpflegt, alle werden mit gespendeter Kleidung ausgestattet, werden gegebenenfalls ärztlich weiter behandelt und bekommen zur freien Verfügung regelmäßig Taschengeld. Bis 15 Jahre 15,- Euro, ab 16 Jahren 30,- Euro pro Woche. Zudem findet ein wenig Freizeitgestaltung statt, auch erste Sprachkurse werden angeboten. Weil sich aber die Zusammensetzung der Bewohnerinnen und Bewohner stets ändert, und die Einrichtungen mit bis zu 800 Gästen gleichzeitig auch sehr groß sind, bleiben viele Aktivitäten in den Einrichtungen. Eine Integration in die Gesellschaft ist nur begrenzt möglich. Bis hierhin sind die Bundesländer für die Einrichtungen zuständig, die dies soweit vorhanden auf die Bezirksregierungen delegiert haben. Im Normalfall bleiben die Flüchtlinge hier bis zu drei Monate, bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Sieht dieser ein weiteres Bleiberecht vor, werden die Asylbewerber von den Ländern auf die Kommunen (also die Städte und Gemeinden) verteilt in Übergangseinrichtungen.

Die Übergangseinrichtungen

In ihnen bleiben die Flüchtlinge bis zur abschließenden Entscheidung über ihren Asylantrag. Dies kann mehrere Monate oder auch Jahre dauern. Deshalb sind diese Einrichtungen deutlich kleiner und auf einen dauerhaften Verbleib ausgelegt. So werden zum Beispiel hierfür auch Wohnungen angemietet. Neben Verpflegung und Versorgung stehen hier vor allem die Begleitung beim Asylverfahren und die Integration in die Gesellschaft im Fokus. Vor allem Sprachkurse und die Kinder dieser Einrichtungen können bereits die Schule oder Gruppenstunden von Jugendverbänden besuchen. Erst wenn das Asylverfahren positiv beschieden wurde, können die Flüchtlinge wirklich ankommen und sich eine eigene Wohnung suchen und eine Arbeit aufnehmen.

So zumindest der Normalfall. Von dem haben sich jedoch Länder und Gemeinden im Sommer 2015 verabschiedet. Es kam eine weitere Unterkunftskategorie hinzu: Notunterkünfte. Deren Ziel ist es, Obdachlosigkeit zu verhindern.

Welchen Herausforderungen bei der Einrichtung der Notunterkünfte gemeistert werden müssen, lest ihr morgen in Teil 2.

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One Response

  1. Können Sie nächsten Montag eine Flüchtlingsunterkunft aufmachen? – Teil 2 « blog.dpsg.de

    16. September 2015: […] ersten Teil lest ihr, welche Stationen Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, […]