Am Lagerfeuer mit Harry Neyer: „Was die können, das kannst du auch!“

Erschienen am 24. Februar 2016 in Am Lagerfeuer mit...

Kerstin Fuchs

Kerstin Fuchs

Kerstin Fuchs ist seit Oktober 2009 Bundesvorsitzende und gelernte Buchhändlerin und Sozialpädagogin. Sie nutzt soziale Medien vor allem dafür, ihre Arbeit als Bundesvorsitzende transparenter zu machen und mit vielen Menschen in Kontakt zu bleiben.

 

Glaube, Mädchen im Verband und politisches Pfadfinden: Bundesvorsitzende Kerstin Fuchs spricht mit dem ehemaligen Bundesvorsitzenden Harry Neyer (Bundesvorsitzender 1965-71) über Pfadfinden früher und heute.

Kerstin: Wie bist du Pfadfinder geworden?

Harry: Zunächst war ich in unserer Pfarrjugend in St. Bonifatius in Düsseldorf aktiv. Aber einmal die Woche Heimabend und nur ein oder zwei Wochenenden im Jahr unterwegs, das war mir irgendwie zu wenig. Dann habe ich mich umgeguckt und bin dann zwei Pfarreien weiter in St. Antonius mit Pfadfindern in Kontakt gekommen. Pfadfinder gab es damals 1947 eigentlich nur dort, wo alte Pfadfinder nach dem Krieg zurückgekommen sind und wieder mit der Jugendarbeit anfingen. Was die Pfadfinder dort machten, hat mir gefallen. Die hatten sogar ein eigenes Heim, was damals wirklich etwas Besonderes war. Da dachte ich mir, was die können, das kannst du auch! Damals gab es kaum Jugendgruppen, aber eine Menge Kinder, die in den Trümmern spielten. Deshalb war eine Gründung der Pfadfinder – ich will nicht sagen einfach – aber einfacher als heute. Um die neu gegründete Wölflingsgruppe zu bewerben haben wir von Hand Informationszettel geschrieben. So habe ich in meiner Nachbarpfarrei innerhalb von ein paar Monaten eine Wölflingsstufe aufgebaut.

Was habt ihr in den Gruppenstunden gemacht?

Alle Pfadfindertechniken, die man heute auch macht. Wir haben gesungen, im Hof gespielt, haben viel über das Pfadfinden erzählt, ich habe Geschichten erfunden. Wir waren fast an jedem Wochenende draußen. Damals ist man, wenn schönes Wetter war rausgegangen und hat gezeltet. Dazu brauchte man keine Erlaubnis. Dieses draußen sein, die Natur erleben, auch bei Regen, das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Hat der Glaube dabei eine Rolle gespielt?

Ja, das würde ich schon sagen. Wir hatten bei uns in der Pfarrei jeden Sonntag um 7 Uhr Jugendmesse und Samstagabends die Jugendkomplet. Wir haben zu der Zeit jedoch wenig Messen selbst gestaltet, das hat der Kaplan gemacht. Wir sind in Kluft bei der Fronleichnamsprozession mitgegangen. Und zwar nicht nur bei unserer, sondern auch in den Nachbar-Pfarreien, damit dort auch möglichst viele Pfadfinder dabei waren. Es gab außerdem den Bekenntnissonntag der Jugend. Glaube spielte also in einer sehr handfesten Art eine Rolle.

Wie ist es dazu gekommen, dass du Landesfeldmeister in der Diözese Augsburg wurdest, obwohl du eigentlich in Düsseldorf zuhause warst?

Ich habe eine Lehre als Schriftsetzer gemacht und in Augsburg in der Druckerei gearbeitet, wo die Pfadfinderzeitschriften produziert wurden. Ich wohnte in einem Lehrlingsheim. Was lag näher als dort einen Stamm zu gründen? Später wurde ich dann zum Landesfeldmeister gewählt, was dem heutigen Diözesanvorstand entspricht. Das hat mich wirklich verwundert, denn ich kannte die Diözese ja überhaupt nicht. Und ich habe auch nicht verstanden, wieso die so einen Rheinländer gewählt haben. Aber ich sei nicht als preußischer Schnellschwätzer aufgetreten, erfuhr ich später. Ich erhielt dann eine Karte der Diözese, die passte gerade so bis unter die Decke in mein Zimmer. Die brauchte ich, um zu sehen wie groß mein „Reich“ war und die etwa 40 bestehenden Pfadfinderstämme zu markieren. Augsburg war für mich eine riesige Diözese. Dort bin ich dann kreuz und quer gefahren und habe vielen Stämmen bei der Gründung geholfen.

Du warst später sechs Jahre lang auch Bundesfeldmeister, was dem heutigen Bundesvorsitzenden entspricht. Was waren deine Ziele damals?

Die Vision war, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche das Pfadfinden kennen lernen. Wir wollten Pfadfinden als Methode, sich selbst zu entdecken, bekannt machen und uns quantitativ und qualitativ weiterentwickeln. Wir hatten damals ein wunderbares Team mit vier Kuraten in der Bundesleitung. In den 1960er Jahren gab es noch viel Priesternachwuchs. Während meiner Zeit war außerdem das Bestreben sehr stark, die Mitverantwortung auch in Mitbestimmung umzusetzen. 1968 wurden auf zwei Führerkongressen einige Forderungen für innerverbandliche Demokratie gestellt. Dem folgte die Überlegung eine Satzung rauszugeben, die die Form der Mitbestimmung und Mitverantwortung entsprechend regelt. Als ich die Leitung übernahm, gab es als mitbestimmende Personen nur die Landesfeldmeister und Landeskuraten zusammen mit der Bundesleitung im Bundesthing, der heutigen Bundesversammlung.

Insgesamt war die Zeit damals von vielen entscheidenden Änderungen geprägt, oder?

Ja, die 1960er waren eine komische Zeit. Wir wollten in unserer DPSG unbedingt moderner werden. Der Hut wurde abgeschafft. Wir haben die Kluft geändert, um sie für draußen anzupassen. Ich habe die neue Lilie mit etabliert, weil uns die alte einfach zu altertümlich vorkam. Auf der Bundesversammlung, bei der ich gewählt wurde, hab ich sie vorgestellt – damals noch auf einer A4-Pappe, die ich hochgehalten habe. Ende der 1960er haben wir auch das Pfadfindergesetz aufgegeben und durch vier Grundlinien ersetzt. Diese waren jedoch pädagogisch in der Praxis sehr schwer umzusetzen. Deswegen wohl hat man dann vor einigen Jahren ein überarbeitetes Pfadfindergesetz wieder eingeführt.

Ab Anfang der 1970er Jahre konnten auch offiziell Mädchen Mitglied in der DPSG werden. Hat sich das Pfadfinden dadurch verändert?

Ich denke ja. Wir haben vorher immer nur für Jungen gedacht. Dass Mädchen anders sind, ein anderes Empfinden haben, war uns nicht so bewusst. Wenn diese weibliche Sichtweise früher mit eingeflossen wäre, hätte uns das sicher manchmal gut getan. Ich könnte mir heute reine Jungengruppen nur noch schwer vorstellen.

Pfadfinden zieht sich ja durch dein ganzes Leben. Wie hat das Pfadfinden dein Leben geprägt?

Also ganz sicher hat sich durch das Pfadfinden meine Berufstätigkeit entschieden. Eigentlich wollte ich immer Feuilleton-Redakteur bei einer Zeitung zu werden. Während meiner Zeit als Bundesvorsitzender habe ich dann ein wachsendes Bewusstsein dafür entwickelt, dass die pfadfinderische Haltung des Dienens nicht an den deutschen Grenzen halt macht, sondern es auch noch die damals sogenannte Dritte Welt gibt. Als ich bei der DPSG als Bundesvorsitzender ausschied, bin ich als Referent für Entwicklungspolitik zur Kommission Justitia et Pax gegangen.

Angesichts von wiederkehrendem Rechtsradikalismus in unserer Gesellschaft, Pegida-Demonstrationen und Anschlägen auf Flüchtlingsheime erreichen uns immer wieder Nachrichten von Pfadfinderinnen und Pfadfindern, die unsicher sind, ob sie politisch sein dürfen. Gab es diese Verunsicherung früher auch schon?

Wir haben sehr auf politische Bildung gesetzt, aber direkt bei Demonstrationen haben wir nicht mitgemacht. Wir waren der Ansicht, für welche demokratische Partei sich jemand entscheidet, hat der Verband nicht vorzugeben. Politische Bildung soll ihm helfen, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Politische Aktionen vor allem für Frieden und Entwicklung kamen erst später hinzu.

Würdest du sagen, dass man sich als Pfadfinderin und Pfadfinder Pegida oder gewissen rechten Tendenzen entgegenstellen darf? Auch in Kluft?

Ich würde sagen ja. Wenn es darum geht Demokratie zu stärken, darf man als Pfadfinderin oder Pfadfinder auch in Kluft dafür demonstrieren. In Sachen Fremdenfeindlichkeit bei Pegida ist in jedem Fall eine Grenze überschritten. Da würde ich auch in Kluft hingehen.

Harry, gibt es noch etwas, was du den Leiterinnen und Leitern noch mitgeben möchtest?

Ich kann ihnen nur wünschen, dass sie so viel Freude und Erfüllung im Pfadfinden und im Einsatz in der Leitungstätigkeit finden, wie ich sie hatte. Ich habe in letzter Zeit mehrere Briefe bekommen, bei denen mir fast Tränen gekommen sind. Da hat zum Beispiel jemand erzählt, dass er durch das Pfadfinden und durch meine Arbeit ein gutes Stück in seinem Leben weiter gekommen ist. Wenn man das Gefühl hat, es war nicht umsonst, was man gemacht hat, und man hat vielen Jugendlichen weiter geholfen, dann ist das sehr wohltuend.

Vielen Dank für das Gespräch!

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One Response

  1. Simeon Harjung

    Simeon Harjung

    29. Februar 2016: Danke für das schöne Interview! Es interessant mal mit zubekommen, wie sich die Zeiten in der DPSG geändert haben und welche Wandlungen möglich sind und doch sich treu zu bleiben!