Vom Wert des Wassers

Erschienen am 21. März 2016 in Ökologie

Jutta Himmelsbach

Jutta Himmelsbach ist Referentin für Wasser- und Sanitärversorgung mit zusätzlichem Schwerpunkt der Friedensförderung in diesem Sektor bei MISEREOR. Sie berät und begleitet die Jahresaktion der DPSG.

 

Ich laufe durch unser Veedel in Köln und sehe, dass wieder einmal jemand eine Flasche Shampoo im Brunnen auf einem belebten Platz ausgeleert hat. Das Wasser schäumt. Die Kinder sind begeistert. In mir regt sich Widerstand.

Heute bieten Brunnen im Stadtbild häufig einen Ort der Entspannung. Man kühlt sich dort ab, trinkt einen Kaffee – und kommt vielleicht auch auf dumme Ideen. Ich denke an früher, an das Mittelalter, als viele dieser Brunnenplätze, an denen wir heute Kaffee trinken, entstanden sind. Wahrscheinlich wäre damals niemand auf die Idee gekommen, aus Spaß irgendein Reinigungsmittel ins Wasser zu kippen. Wahrscheinlich waren diese Plätze auch keine Orte für Müßiggang. Aber zweierlei waren diese Brunnen sicherlich immer: Lebensadern und sozialer Raum. Hier tauschten die Menschen bei der schweren Aufgabe, das Wasser für den Tag zu holen, die wichtigsten Informationen darüber aus, was es an Neuigkeiten in der Stadt gab.

Und während bei uns heute die Selbstverständlichkeit, jeden Tag frisches Wasser aus der Leitung zu erhalten, in manchen Fällen dazu führt, dass wir uns den Wert dieses Wasser kaum noch bewusst machen, gibt es weltweit nach neuesten Schätzungen circa 1,8 Mrd. Menschen, die Wasser nicht unbedenklich nutzen können. Entweder steht es nicht in ausreichender Menge zur Verfügung oder es ist von zweifelhafter Qualität.

Bei meiner Arbeit habe ich viele Menschen getroffen, die wahrscheinlich einen ähnlichen Widerstand gegenüber dem schäumenden Brunnenwasser gefühlt hätten. Menschen, die darum ringen, dass sie täglich ausreichend Wasser für ihre Familien finden.

Weite Wege: Über 20 Kilometer laufen diese Frauen, um Wasser für ihre Familien zu holen – Foto: Singhal_MISEREOR

Weite Wege: Über 20 Kilometer laufen diese Frauen, um Wasser für ihre Familien zu holen – Foto: Singhal_MISEREOR

Die langjährige Erfahrung, die MISEREOR im Bereich der Wasserversorgung gewonnen hat, bestätigt eines: Wenn es um ihre sichere Wasserversorgung geht, ist das Engagement der Menschen in unseren Projekten sehr groß. Die ärmsten der Armen sind bereit, einen Teil ihres Geldes für Wasser von guter Qualität auszugeben. Beim Bau der Anlagen arbeiten die Menschen stundenlang in der brennenden Sonne, heben Gräben aus, tragen und beschlagen schwere Steine oder verlegen Leitungen. Sie sind sich des Wertes des Wassers bewusst.

Und hier treffen unsere Welten aufeinander. MISEREOR und die Menschen vor Ort sehen in einer gesicherten Wasserversorgung einen Schlüssel zu einem besseren Leben. Gemeinsam mit den Betroffenen können wir Wasserversorgungsanlagen nachhaltig aufbauen, betreiben und verwalten. Wenn wir gemeinsam diese Projekte entsprechend der Bedürfnisse der Menschen planen und entwickeln, haben wir eine große Chance auf langfristigen Erfolg.

Das bedeutet aber auch, dass wir weit über eine rein technische Projektstrategie hinaus denken müssen. Bevor der eigentliche Bau beginnen kann, müssen lange Gespräche geführt werden. Es kommt darauf an, Erwartungen und Ideen der Nutzer des Projektes zu klären und technische Möglichkeiten zu diskutieren. Am Ende steht dann die gemeinsame Entscheidung über das Vorgehen und die Verantwortlichkeiten der unterschiedlichen Akteure. Erst, wenn alle Seiten ein gemeinsames Bild vom Projekt haben, kann mit den notwendigen Maßnahmen zur Umsetzung begonnen werden. Die technischen Baumaßnahmen sind dabei nur ein Teil. Parallel zum Bau werden Verwaltungskomitees für die Anlagen gewählt und geschult. Das, was bei uns die Kommunen übernehmen, müssen in vielen Regionen der Erde die Menschen selber leisten: Sie errechnen kostendeckende Tarifsysteme und richten diese ein. Sie betreiben die Anlage technisch und reparieren sie gegebenenfalls. Es müssen Regeln über die Nutzung und den Unterhalt gefunden werden, häufig werden in diesen Prozessen Konflikte gelöst. Und nebenbei gilt es zudem, Maßnahmen zum Schutz der wichtigen Wasserressource einzuleiten, damit der fortschreitende Klimawandel das neue Projekt nicht gefährden kann.

Wasser bedeutet Leben für Mensch und Tier. Doch gerade in den ländlichen Regionen der Welt ist das Wasser knapp. Das gefährdet die Ernten und die Ernährungssicherheit. Foto: Singhal_MISEREOR

Wasser bedeutet Leben für Mensch und Tier. Doch gerade in den ländlichen Regionen der Welt ist das Wasser knapp. Das gefährdet die Ernten und die Ernährungssicherheit. Foto: Singhal_MISEREOR

 

Diese Projektarbeit ist aufwendig und verlangt Bereitschaft zu Wandel und die Selbstverpflichtung der Nutzergemeinschaft. Und trotzdem sind die Menschen bereit zu diesem Engagement. Sie wissen, warum sie das Projekt realisieren wollen. Wasser in ausreichender Menge und Qualität sichert ihr Leben. Das Wasser kann für Produktionsprozesse in der Landwirtschaft und anderem Kleingewerbe genutzt werden. Dadurch erwirtschaften die Menschen höhere Einkommen. Aber auch die Ernährungssituation verbessert sich, weil ein abwechslungsreicheres Nahrungsmittelangebot möglich ist. Die Kinder werden seltener krank. Weniger Kleinkinder sterben. Deshalb – und weil sie nicht mehr so weit laufen müssen, um Wasser zu holen – können die Kinder häufiger zur Schule gehen. Weil die Frauen nicht mehr über Stunden durch die heiße Sonne zu abgelegenen Brunnen ziehen müssen, haben sie mehr Zeit für ihre Familien und für wichtige Arbeiten zur Einkommensverbesserung der Familie. Eine weitere positive Wirkung, die mich nach zehn Jahren Berufserfahrung in dem Sektor zuletzt ergriffen hat, weil ich – obwohl ebenfalls Frau und Mutter – nie soweit gedacht hatte: Es kommt zu weniger Schwangerschaftskomplikationen, weil die Frauen gesünder sind, und weil sie vor allem nicht mehr die schwere Wasserlast so weit tragen müssen.

Wasserversorgung schützt das Leben. Deshalb sollten wir das Wasser schützen. Und das ist der Grund, weshalb ich Widerstand spüre, wenn der Brunnen am Platz schäumt. Trotz der begeisterten Kinder: Hier hört für mich der Spaß auf.

Dieser Artikel entstammt ursprünglich dem MISEREOR-Blog.

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