An den Rändern Europas – Eindrücke aus Lesbos und Idomeni (Teil 1)

Erschienen am 30. Juni 2016 in Allgemeines

David Kronenthaler

David Kronenthaler

David Kronenthaler ist 22 Jahre alt, studiert in Tübingen Politikwissenschaft und Allgemeine Rhetorik und ist seit 14 Jahren Pfadfinder. In den Semesterferien dieses Wintersemesters hat er für fünf Wochen auf der Insel Lesbos in der Flüchtlingshilfe gearbeitet.

 

Vorwort

Das Jahr 2015 stand für die DPSG unter dem Motto der Gastfreundschaft. Als Pfadfinderinnen und Pfadfinder sehen wir es als unsere Pflicht an, Geflüchteten Gastfreundschaft zuteil werden zu lassen. Für mich persönlich war die Pfadfinderbewegung immer mit einem optimistischen und positiven Weltverständnis verbunden – einem Vertrauen in den produktiven Willen der Menschen, die Welt zum besseren hin zu verändern. Das ist, wenn ich genauer darüber nachdenke, einer der Gründe gewesen, warum ich mich entschieden habe diesen März nach Griechenland zu gehen, um in der Flüchtlingshilfe zu arbeiten.

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

Die erste Nacht im ‚Olive Grove Camp‘

Es ist drei Uhr nachts. Ich sitze auf dem aus Holzpaletten bestehenden Fußboden eines Zeltes, das ungefähr die Größe eines kleineren Festzeltes hat, und schneide Rettungsdecken in kleine Quadrate, die ich anschließend in Sockenpaare stecke. Begleitet wird diese monotone Tätigkeit vom ebenso monotonen Geräusch des auf das Zeltdach trommelnden Regens, das uns schon seit Anfang unserer Schicht um ein Uhr begleitet. Ab und knistert das Walkie-Talkie unserer Schichtleiterin und eine verzerrte Stimme übermittelt Informationen. Wie in einem Agentenfilm. Alle schauen aufmerksam und angestrengt von ihrer Arbeit auf und versuchen ein paar Wortfetzen zu verstehen. 
In dieser Nacht sind zwei Boote aus der Türkei an der süd-östlichen Küste von Lesbos angekommen. Die Menschen sind wohlauf, aber nass, kalt und erschöpft. Wir bereiten uns genau darauf vor: Diese Menschen mit trockener und warmer Kleidung zu versorgen. Wenigstens mit Teilen davon. Die Rettungsdecken, die wir in die Sockenpaare stopfen, werden über das trockene Paar Socken gezogen und dienen so dazu, die Füße vor der Feuchtigkeit der Schuhe zu schützen. Ein neues Paar Schuhe verteilen wir nur, wenn das alte Paar kaputt ist, denn Schuhe sind eines der knappen Güter im Lager. Nach einigen Stunden haben wir ein paar Boxen mit Sockenpaaren, Mützen, Handschuhen und Schals vorbereitet. Kommen die Menschen zuerst zu uns? Werden sie gleich in das offizielle Lager gefahren? Niemand weiß es. Informationen ändern sich hier im Minuten-Takt und so ist Kommunikation der unerlässliche Sauerstoff der Freiwilligenarbeit. Also abwarten. Irgendwann heißt es: Nehmt die Boxen und geht zum Eingangstor des offiziellen Lagers. Doch die Busse fahren direkt hinein, ohne uns zu beachten und die Möglichkeit zu geben, die trockenen Klamotten zu verteilen. Die Arbeit von Stunden, umsonst…

„Dass ich ganz fern war von jenem Europa,
das ich sonst gewohnt war; in einer anderen Welt,
in der andere Gesetzmäßigkeiten vorherrschten“

Diese Erinnerung von meiner ersten Nachtschicht im ‚Olive Grove Camp‘ der schweizerischen NGO ‚Better Days for Moria‘ (BDFM) wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Nicht etwa, weil es eine schlechte Erfahrung gewesen wäre. Nein, auch wenn es kalt, nass und monoton war und ich zusätzlich noch von einem Fieber geplagt wurde: Eine schlechte Erfahrung war es nicht. Aber während dieser Nachtstunden drängte sich mir eine Feststellung auf: Dass ich ganz fern war von jenem Europa, das ich sonst gewohnt war; in einer anderen Welt, in der andere Gesetzmäßigkeiten vorherrschten, die ich gerade erst zu begreifen begann. Ich habe in jener Nacht keinen einzigen der neuangekommenen Flüchtlinge gesehen, kein Kind auf dem Arm gehalten, keiner dankbaren Frau eine wärmenden Decke überreicht und kein freundliches Lächeln gegen eine Tasse heißen Tees getauscht. Ich saß zusammen mit fünf anderen Freiwilligen frierend in einem Zelt und habe Rettungsdecken zerschnitten und in Sockenpaare gesteckt, während sich draußen der Regen ergoss als wollte er die Insel mit dem Meer vereinigen.

Ich heiße David Kronenthaler, bin 22 Jahre alt, studiere in Tübingen Politikwissenschaft und Allgemeine Rhetorik und bin seit 14 Jahren Pfadfinder. In den Semesterferien dieses Wintersemester habe ich mich entschieden für fünf Wochen nach Griechenland zu fliegen und dort auf der Insel Lesbos in der Flüchtlingshilfe zu arbeiten. Dort gibt es bereits mehrere Freiwilligeninitiativen, die in unterschiedlichen Bereichen tätig sind. Gearbeitet habe ich bei BDFM, die ein kleines Lager direkt neben dem Camp zur offiziellen Registrierung der griechischen Behörden errichtet hatten, in welchem ca. 700 Menschen lebten. Alle Geflüchteten, die auf der Insel ankamen wurden zuerst einmal in das offizielle Lager nahe des Dorfes Moria gefahren, um sich registrieren zu lassen. Nach der erfolgreichen Registrierung konnten die Menschen nach Athen und von dort aus über die Balkanroute weiterreisen. Einige Tage mussten die Menschen aber meist darauf warten ihr Fährticket kaufen zu können. Da das offizielle Lager chronisch überfüllt war, kam es vor, dass Menschen im Freien schlafen mussten. In dieser Situation haben Freiwillige den benachbarten Olivenhain gepachtet und angefangen dort ein Lager zu errichten und grundlegende Hilfsleistungen, wie trockene Kleidung, Schlafplätze und warmes Essen bereitzustellen. Seitdem hat sich das Lager stets vergrößert, die Infrastruktur verbessert und das Angebot erweitert. Als ich Anfang März dort ankam, fand ich ein buntes, sich selbst organisierendes Camp vor – es hat mich fast ein wenig an ein Pfadfinderlager erinnert.

Wie sieht also der Alltag eines Freiwilligen aus?

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

Bei BDFM gab es ein Drei-Schichten-Modell. Als Freiwilliger hat man eine der drei Schichten übernommen. Gleich nach dem Einführungstreffen, bei dem alle Neuankömmlinge die wichtigsten Informationen erhalten, wurde ich für die Nachtschicht verpflichtet, da dort eine chronische Unterbesetzung vorherrschte und ich im Grunde froh war zu helfen, wo ich nur konnte. Das Kernteam der Nachtschicht bestand aus ca. zehn Personen, die aus allen Teilen der Welt kamen. In der Nachtschicht hatten wir in weiten Teilen unserer Schicht wenig Kontakt zu den Menschen. Nur in den Morgenstunden, nach Sonnenaufgang, wenn die Menschen aus ihren Zelten krochen und sich in die Schlange vor dem Teezelt einreihten um ihr Frühstück abzuholen, bekam man die meisten Leute zu Gesicht.

„so vertauschten sich in diesem seltsam schönen
Moment gewissermaßen die Rollen:
die Freiwilligen waren nun Empfänger von „Hilfe“,
die ein Flüchtling bereitstellte“

Trotzdem hat der im Vergleich zu den Tagesschichten spärliche Kontakt mit den Flüchtlingen gereicht, einige besser kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. Da war etwa eine marokkanische Familie, deren zwei kleine Kinder den manchmal stressigen Lageralltag für alle aufhellten und mit ihrer unermüdlichen Einforderung von Aufmerksamkeit Elterngefühle bei den Freiwilligen wachriefen. Ihre Mutter war ein wahres Kraftbündel und nachts oft noch wach. Trotz der Sprachbarriere war sie ein fester Bestandteil der Nachtschicht und erfreute unsere chronisch leeren Mägen gelegentlich mit ihrem meisterhaft zubereiteten marokkanischen Couscous. Sie war froh, dass sie uns etwas Gutes tun konnte und so vertauschten sich in diesem seltsam schönen Moment gewissermaßen die Rollen: die Freiwilligen waren nun Empfänger von „Hilfe“, die ein Flüchtling bereitstellte. Ich glaube wir unterschätzen das zu oft: Es ist für Menschen wichtig gebraucht zu werden und das Gefühl zu haben, etwas sinnvolles zu tun, dass Andere glücklich macht. Während in Zeitungen und Internet immer noch der lächerliche Mythos der Integrationsunwilligkeit umhergeistert, erfahren Menschen, die ihre Zeit mit Flüchtlingen teilen meist, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Diese Menschen sind begierig darauf zu lernen, sich für die Gesellschaft nützlich zu machen und somit auch ihr Leben zu verbessern. Und in den wenigsten Fällen müssen sie „unsere westlichen Werte“ lernen – nein, sie fordern sogar ein, dass wir uns an unsere Werte halten, indem sie für ihr Recht auf Asyl, faire Prozesse und humane Umgangsweise demonstrieren!

Flüchtlingspolitik und die Arbeit vor Ort

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

Eine wichtige Erfahrung, die ich in Griechenland gemacht habe, ist, dass man gelassen und beharrlich bleiben muss: In bestimmter Hinsicht ähnelt die Freiwilligenarbeit ein wenig der berühmten Arbeit des Sisyphos. Informationen ändern sich im Stundentakt, es herrschen Unklarheit, welche Behörden und Organisationen für was verantwortlich sind, welche Regelungen gelten. Oft sieht man, dass die eigenen Anstrengungen vergebens waren. Das Schicksal von Menschen nicht beeinflussen konnten. Man muss Bescheidenheit lernen und den Wert davon anerkennen, acht Stunden nichts anderes getan zu haben, als Schuhe zu putzen.

 

„Auf einer so konkreten zwischenmenschlichen
Ebene zu arbeiten, heißt politische Ansichten
zurückzustellen.“

Freiwilligenorganisationen sind nicht da, um Strukturen zu verändern. Dies ist Aufgabe der Politik und sollte es meiner Meinung nach auch sein. Das ist der Grund weshalb ich meine Tätigkeit nie als vorrangig politisch motiviert sah, sondern als humanitär: Politik ist komplex. Ich selbst bin kein Anhänger einer „No borders, no nations“-Politik. Wäre ich in Angela Merkels Position, ich wüsste nicht, welche Entscheidung die richtige wäre. Aber es fällt doch schwer, einem herzensguten jungen Mann, der von Pakistan kam, um Geld für seine bettelarme Familie zu verdienen und von Depressionen zerfressen wird, weil er hier keine Perspektive darauf haben wird, ins Gesicht zu sagen, dass er gefälligst zurück solle, da er ja nicht vor Krieg und Verfolgung geflohen ist. Auf einer so konkreten zwischenmenschlichen Ebene zu arbeiten, heißt politische Ansichten zurückzustellen.

Nach zwei Wochen im Olive Grove Camp war ich in eine richtige Routine geraten: Um halb eins nachts stand ich auf und frühstückte mit meinem Mitbewohner. Wir fuhren zum Camp und lösten die Abendschicht ab. Es wurde kurz über die neusten Informationen und Gerüchte geplaudert: Was war so los im Lager? Und auf dem Rest der Insel? Dann gab es ein kurzes Briefing unseres Schichtleiters darüber, was für Aufgaben heute anstehen. Meistens verliefen die Nächte ruhig.

„Noch nie habe ich zuvor Politik aber
so hautnah und konkret erlebt“

Dann kam der EU-Türkei-Deal. Politik erlebt man meistens als etwas Abstraktes, Fernes. Noch nie habe ich zuvor Politik aber so hautnah und konkret erlebt wie in diesem Fall. Innerhalb weniger Tage war unser Lager leer. Es war von Anfang an klar, dass die Menschen in unserem Lager nicht auf Dauer bleiben konnten. Das Abkommen mit der Türkei beschleunigte die Entscheidungsfindung dann quasi nur noch. Die Polizei hatte deutlich gemacht, dass das Lager geräumt werden müsste und bat uns das selbst zu organisieren. Keiner will Gewalt. Die meisten Geflüchteten waren einsichtig. In den nächsten Tagen konnte man förmlich spüren wie die Hoffnung dem Lager entwich wie Luft einem lecken Reifen. Immer wieder verließen Gruppen unser Lager und machten sich auf den Weg ins daneben liegende offizielle Camp. Wir standen am Ausgang, verteilten Essenspakete, Segensworte und Umarmungen. Ich bin kein sentimentaler Mensch, aber die desillusionierten Gesichter der Männer zu sehen, die wussten, was ihnen aller Wahrscheinlichkeit bevorstand – die Abschiebung in die Türkei -, und ihnen, mit dem Wissen im Hinterkopf, in wenigen Wochen selbst in ein sicheres Zuhause zurückzukehren, hilflos alles Gute für die Zukunft zu wünschen, ging mir nahe.

Wie sollte es weitergehen?

Keiner von uns wusste es. Unser Lager war leer. Waren wir nun überflüssig? Sollten wir unser Lager abbauen und unsere Arbeit verlagern? Keiner konnte voraussehen, wie sich die zukünftige Lage entwickeln würde. Weiterhin kamen Boote auf Lesbos an. Wir hörten, dass das offizielle Lager überfüllt sei, Leute draußen schlafen mussten und nicht genug zu essen hatten. Würden wir bald wieder unter der Hand angefragt, Leute aufzunehmen? Wir entschieden uns, die meisten Dienste einzustellen, das Lager aber funktionsfähig zu lassen. In gewisser Weise verloren wir unsere Arbeit: In der Nachtschicht standen wir nun oft stundenlang herum und bewachten das Lager. Nicht gerade eine motivierende Tätigkeit – vor allem, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht. Dann fing es an: Mehr und mehr Freiwillige verließen uns. Gingen an andere Orte, an denen Hilfe akuter benötigt wurde. Plötzlich waren wir nur noch eine Gruppe von ca. zwanzig Personen. Die Moral war auf dem absoluten Tiefpunkt.

 

Drei Tage später: Ich stehe eingezwängt zwischen zwei Vans an einer staubigen Kleinstraße nahe Idomeni und verteile Essenspakete.

Was David in Idomeni erlebt hat, erfahrt ihr morgen im zweiten Teil des Artikels.

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