VAMPIRE!? – Die sitzen hier höchstens im Büro!

Erschienen am 9. Dezember 2016 in Allgemeines

Carl

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Carl Schott ist Mitglied in der DPSG und macht seinen Freiwilligendienst in Rumänien. Dort arbeitet er in einem rumänischen Pfadfinderzentrum.

 

VAMPIRE!? – Die sitzen hier höchstens im Büro!

Den Eindruck erwecken zumindest die Erzählungen von Alin, unserem Freund und einzigem rumänischen Mitarbeiter hier in unserem (einzigen rumänischen!) Pfadfinderzentrum im schönen Nocrich. Das Dorf befindet sich mitten in Transsilvanien. Es beherbergt fünf EFD-Freiwillige (Europäischer Freiwilligen Dienst) plus Koordinatorinnen und Koordinatoren und liegt ca. 30 km von der nächsten größeren Stadt Sibiu entfernt.

Als ich meinen europäischen Freiwilligendienst vor sieben Monaten angetreten habe, habe ich ehrlich gesagt nicht wirklich lange darüber nachgedacht, was mich hier in Rumänien erwarten könnte. So wurde ich weder enttäuscht noch bestätigt, sondern schlicht überwältigt. Es steckt so viel Kraft in diesem Land, so viel Kultur aber auch Unkultur. Ich versuche die Situation mal so seriös wie möglich aufzudröseln:

Seit Klaus Iohannes (ein Mitglied der deutschen Sachsen-Gemeinschaft in Siebenbürgen) Präsident ist, hat sich zum großen Verdruss der meisten hier nKODAK Digital Still Cameraichts an Rumäniens politischer Situation geändert. In ihn hatte auch Alin seine Hoffnungen gesetzt. Doch beim Thema Korruption sieht er immer noch schwarz. Beispielhaft zeigte er uns auf dem Weg in die Hauptstadt Bukarest ein frisch fertig gestelltes Konferenzzentrum am Straßenrand, mitten in den Karpaten. „Someone made a lot of money with that. And now nobody is using it… .“ Doch auch von bürgerlicher Seite wird nicht fair gespielt: “Do you see these houses without roof/windows/doors? You don’t even pay half the taxes, if you just don’t finish your house in Rumania.” „Strange country with these buildings“, liegt es mir auf der Zunge. Doch mit einem Gedanken an Berlin und Stuttgart halte ich dann doch die Klappe.
(Mehr zu Politik in Rumänien erfahrt ihr hier)

Dorfleben

Wenn man wie ich mitten aus dem Ruhrpott kommt, dann wird man auf dem Land schon ziemlich überrascht. Wenn aber im Dorf drei ethnische Gruppen leben, in Sichtweite die Berge und man dann noch versucht, das ortsansässige ‚International Scoutcenter Nocrich‘ gebührend zu vertreten, ist man erst einmal dezent überfordert. Es gibt hier reiche Zigeunerfamilien mit traditioneller Kleidung, Autos und Farmen. Und arme Zigeunerfamilien mit kleinen Hütten am Dorfrand. Leider können die sich gegenseitig nicht wirklich leiden und da die meisten Rumänen hier beide Gruppen ebenfalls kritisch gegenüber stehen, ist auch von dieser Seite keine Hilfe für die Ärmeren der Gemeinde zu erwarten.
Unseren wöchentlichen Gruppenstunden (mangels Highschool im Dorf haben wir „nur“ Wös und Juffis) geben uns aber immer wieder Lichtblicke in eine Zukunft, die anders aussehen könnte. Als Tor zur Welt wird unser Zentrum hier zwar von den wenigsten Kindern gesehen, aber als kunterbunter portugiesischer, französicher, argentinischer und deutscher Haufen bieten wir doch das nötige Maß an Unterhaltung und Wissensvermittlung, um zweimal die Woche Kinder aus allen drei Gruppen anzulocken und so gut es geht zusammenzuführen.
Die Feuerprobe in Sachen Toleranz und Empathie kam für unsere Juffis dann im Sommer beim „Campul de Temerar“ – dem nationalen Juffi-Lager, in dem sie zum ersten Mal auf andere Juffis aus dem ganzen Land trafen (inklusive Ungarn-, Russland- und Tschechisch-stämmigen Kindern). Dieses war mit 240 Teilnehmern das größte der cieben Camps, die hier im Sommer stattgefunden haben. Nicht nur die Kinder waren mächtig stolz, als diese Aufgabe gemeistert war.

Stadt, Land, Fluss

KODAK Digital Still CameraAuch in den Städten gibt es Pfadfindergruppen und ohne die Pfadis und Roverinnen und Rover aus Sibiu, die uns mächtig im Sommer unterstützt haben, hätten wir den Laden wohl kaum schmeißen können. Ganz nebenbei haben die auch noch selbst drei Camps im Sommer gehabt. Die Kinder haben hier drei Monate Sommerferien. Und dann vollkommen alleine ein Pfadfinder-Festival organisiert. Ich habe wirklich selten so motivierte junge Menschen gesehen wie hier: sehr gute Sprachkenntnisse, Unmengen an sozialem Einsatz und der feste Wille, das Land besser zu hinterlassen, als sie es vorgefunden haben.
Nach dem Sommer gab es dann nach zweieinhalb vollgepackten Monaten den verdienten Urlaub für alle und Zeit, sich Rumänien genauer anzuschauen.

Ich kann euch folgende Städte und Stätten empfehlen: Brasov (Mitte), Timisoara (Westen), Craiova (Süden), Cluj und Oradea (Nord-West) und natürlich unser Sibiu. Alle haben wunderbare Altstädte und sind erfüllt mit studentischem Treiben. Auch das Karpatengebirge ist für einen guten Hike immer einen Abstecher wert. Wer es mehr sonnig und sandig mag, der ist in Constanza und am Donaudelta im Südosten bestens aufgehoben.

Zum Besichtigen einer wunderschönen Landschaft und zum Kennenlernen eines multikulturellen Landes (welches sich jedoch nicht ganz im Klaren darüber ist, ob es das so gut findet) ist Rumänien nur wärmstens zu empfehlen. Und den Knoblauch könnt ihr auch zu Hause lassen. Den braucht ihr hier höchstens zum Kochen. Oder, wenn ihr in die Politik geht.

 

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