… läuft bei uns!

Erschienen am 15. August 2017 in Allgemeines

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Inklusive Kinder- und Jugendarbeit – ein Gespräch

Der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V. (bvkm) und die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSGDeutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg) haben 2016 gemeinsam den Wettbewerb „läuft bei uns! Ideen für die inklusive Kinder- und Jugendarbeit“ ausgeschrieben. Eine Fachjury wählte die Gewinnerprojekte aus. Die Preisverleihung fand im Rahmen des Deutschen Jugendhilfetages am 28. März 2017 in Düsseldorf statt.

Wilken-Dapper: Wie viele Vereine, Gruppen und Organisationen haben über sich selbst gesagt „läuft bei uns!“?

Eisenbarth: Insgesamt gingen 86 Bewerbungen ein.

 

Wilken-Dapper: Waren Sie mit der Resonanz zufrieden?

Schullenberg: Ja, wir sind zufrieden. Es ist erstaunlich, wie viele Bewerbungen eingegangen sind und welche Vielfalt in den Projekten steckt.

Eisenbarth: Zumal wir nur schwer einschätzen konnten, wie viele Interessierte sich auf unseren Aufruf melden würden. Am Anfang waren es auch nur wenige, erst in der Schlussphase kamen viele Bewerbungen.

 

Wilken-Dapper: Aus welchen Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit kamen die eingereichten Projekte?

Eisenbarth: Aus allen. Das war wirklich beeindruckend. Es gab Bewerbungen aus dem Sportbereich. Angebote rund um Kunst, Kultur und Medien waren dabei. Einiges in der Natur und mit Erlebnischarakter, Selbstverteidigungskurse, aber auch viele offene Treffs und Ferienangebote. Und nicht nur beim „Was“ gab es ein sehr buntes Bild, auch beim „Wer“: Jugendhilfe, Behindertenhilfe, öffentliche Träger, freie Träger, Sportvereine, konfessionelle Träger, Elternvereine, es war alles dabei.

 

Wilken-Dapper: Haben sich bestimmte Betätigungsfelder herauskristallisiert, die sich offensichtlich besonders gut für inklusive Angebote eignen?

Eisenbarth: Ich würde sagen: Der Wettbewerb hat im Gegenteil gezeigt, dass Inklusion in allen Feldern möglich ist.

Wilken-Dapper: Was hat bei den Wettbewerbs-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern dazu geführt, sich inklusiv zu öffnen?

Eisenbarth: Das ist eine gute Frage. Leider haben wir sie im Wettbewerb so nicht gestellt. Aber unabhängig davon, was der konkrete Auslöser war, wurde deutlich: Irgendwo muss man starten. Und es muss und kann nicht von Anfang alles bedacht sein. Gerade im Praxisaustausch – dem bvkm-Seminar im Februar zum Wettbewerb – wurde deutlich, dass sich inklusive Kinder- und Jugendarbeit vielmehr nach und nach entwickelt. Ich glaube, wichtig ist es, nah bei den einzelnen Kindern und Jugendlichen zu bleiben, um die es geht. Also mit ihnen selbst und ihren Eltern gemeinsam zu überlegen, was wichtig ist. Ob damit auch allgemein und für andere Barrierefreiheit gegeben ist, ist erstmal zweitrangig.

Schullenberg: Da können wir nur vermuten. Ich denke, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wettbewerbs ihre Projekte für alle Kinder und Jugendlichen zugänglich machen wollten.

 

Wilken-Dapper: Gibt es Erfahrungen (positive oder negative) bei der Umsetzung und Durchführung, die von vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern übereinstimmend zurückgemeldet wurden?

Schullenberg: Als sehr positiv habe ich von den Teilnehmenden erfahren können, dass einfach viel mehr möglich ist, als man zunächst glaubt. Es braucht etwas Mut, sich an diese Aufgabe heranzuwagen. Ist der erste Schritt getan, ist aber Vieles möglich. Es ist auffällig, dass alle Projekte von ähnlichen Problemen sprachen. Im Praxisseminar in Würzburg merkte man, wie verbunden alle Projekte durch eben diese gemeinsamen Probleme waren. Meistens stellt die Finanzierung der Projekte eine Herausforderung dar und die Gewinnung von genügend Personen, um die Angebote aufrecht zu halten.

 

Wilken-Dapper: Womit stehen und fallen inklusive Angebote? Konnten Sie besondere „Gelingfaktoren“ ausmachen?

Eisenbarth: So einfach ist es leider nicht. Zumindest gab es keine konkreten Faktoren, die uns direkt ins Auge sprangen. Aber unser Eindruck ist, dass es vor allem eine Grundhaltung ist, die inklusive Arbeit trägt: eine Offenheit, sich auf die Kinder und Jugendlichen mit ihren individuellen Bedürfnissen einzulassen. Und der Wille und vielleicht auch das Vertrauen darauf, dass sich immer Lösungen finden lassen.

 

Wilken-Dapper: Es gab auch Wettbewerbsbeiträge, die sich an Gruppen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren richten, die sich auf den inklusiven Weg machen möchten. Warum sind solche beratenden Konzepte generell wichtig?

Eisenbarth: Für viele ist das inklusive Arbeiten noch neu, egal, ob sie aus der Behinderten- oder der Jugendhilfe kommen. Die Unsicherheiten sind entsprechend groß. Da können solche Angebote eine große Unterstützung sein, weil sie eben Sicherheit geben. Sie vermitteln Wissen, vernetzen mit anderen und beraten bei Fragen.

 

Wilken-Dapper: Wie können Vereine, Gruppen und Organisationen von solchen strukturellen Konzepten erfahren und profitieren?

Eisenbarth: Tatsächlich gibt es meines Wissens keine zentrale Stelle, die diese Initiativen bündelt. Aber wir versuchen, auf dem Laufenden zu bleiben. Schließlich wollen wir nicht bei dem Wettbewerb stehen bleiben. Interessierte können sich also gern bei uns melden.

Schullenberg: Bei uns in der DPSGDeutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg gibt es schon viele Pfadfinderstämme, die inklusiv arbeiten. Wir sind derzeit dabei, ein Modul zur inklusiven Kinder- und Jugendarbeit auch in unserem gesamtverbandlichen Ausbildungskonzept zu verankern.

 

Wilken-Dapper: Was hat Sie im Gesamtrückblick am Wettbewerb besonders beeindruckt?

Schullenberg: Mit wie viel Herzblut die Menschen, die hinter den Projekten stehen, arbeiten.

Eisenbarth: Und wie viel sie mit diesem Engagement bewirken.

 

Wilken-Dapper: Warum überhaupt ein solcher Wettbewerb?

Schullenberg: In erster Linie um aufzuzeigen, wie viele gute Projekte es bereits gibt. Mit dem Wettbewerb wurde auch ein Praxisseminar angeboten. Es diente als Plattform für den Austausch. Bei der Vorbereitung für dieses Seminar ist uns aufgefallen, dass es bisher nur wenig Raum gibt, um sich über inklusive Kinder- und Jugendarbeit auszutauschen. Ein weiterer Aspekt für den Wettbewerb war, auch andere zu ermutigen, ihre Angebote zu öffnen bzw. ganz neue Angebote zu gestalten.

 

Wilken-Dapper: Wen wollten Sie mit dem Wettbewerb erreichen? Wo vermuteten Sie/vermuten Sie ein besonders großes Potenzial für inklusive Angebote?

Eisenbarth: Wichtig war uns, möglichst viele zu erreichen. Es ging gerade darum, auch bisher Unentdecktes aufzuspüren. Denn Potenzial liegt überall da, wo für Kinder und Jugendliche etwas angeboten wird.

 

Wilken-Dapper: Welche Impulse erhoffen Sie sich von einem solchen Wettbewerb für die Alltagsarbeit von Vereinen, Organisationen und Gruppen, die bereits inklusiv unterwegs sind bzw. sich auf den Weg machen wollen?

Eisenbarth: Wir hoffen, dass wir ihnen zunächst einmal mit den verschiedenen Praxisbeispielen Anregungen geben können, was sie anbieten können und wie es funktionieren kann. Es müssen ja nicht alle das Rad immer wieder neu erfinden. Am besten geht das natürlich im direkten Gespräch. Das war die Idee hinter dem Praxisaustausch im Februar. Da wurde spürbar, wie sehr man von den Erfahrungen der anderen profitieren kann. Diese Vernetzung gilt es jetzt weiterzuführen. Und wir hören dabei ganz genau hin und überlegen, an welchen Stellen wir darüber hinaus in anderer Form Unterstützung bieten können. Gerade bei den immer wieder genannten Herausforderungen: Wie finanzieren wir unsere Angebote? Wie finden wir Betreuerinnen und Betreuer oder Helferinnen und Helfer? Über welche Wege, mit welcher Sprache und mit welchen Angeboten gelingt es, auch die Älteren anzusprechen, die keine Kinder mehr sind?

 

Wilken-Dapper: Worin besteht aus Sicht der Gruppen ein möglicher „Gewinn“ durch Bereitstellung inklusiver Angebote?

Schullenberg: Alle Projekte berichten über eine persönliche Bereicherung, den Spaß miteinander, das gemeinsame Erleben, die Herausforderungen und aber auch die Möglichkeiten, und die Begeisterung der Kinder und Jugendlichen – mit und ohne Behinderung.

 

Wilken-Dapper: Warum gerade eine Kooperation zwischen bvkm und DPSGDeutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg?

Schullenberg: Die Kooperation zwischen Jugend- und Behindertenhilfe ist, so wie es auch gedacht und erhofft war, eine gute Kombination. Auch die positiven Rückmeldungen dazu aus dem Praxisseminar bestätigen uns das. Wir haben eine gute Kooperation auf den Weg gebracht und profitieren von gegenseitiger Unterstützung und Wertschätzung. Auch unsere Gruppen können davon nur profitieren.

Eisenbarth: Die Systeme der Behindertenhilfe auf der einen und der Jugendhilfe auf der anderen Seite sind leider immer noch sehr getrennt, eine der großen Herausforderungen der inklusiven Arbeit. Und genau deshalb ist diese Kooperation so wertvoll und für uns ein großer Gewinn.

 

Wilken-Dapper: Wo liegen die besonderen Chancen einer solchen Zusammenarbeit?

Schullenberg: Wir können viel voneinander lernen und die Kompetenzen der Behinderten- und Jugendhilfe zusammenbringen. Eine weitere große Chance sehe ich in der guten Vernetzung, die wir nun haben, seit wir zusammenarbeiten.

Ganz konkret kann man noch sagen, dass wir auch weiterhin gemeinsame Projekte planen, wie zum Beispiel das gemeinsame Zeltlagererlebnis zu Pfingsten in unserem Bundeszentrum. Alle Gruppen des bvkm sind herzlich dazu eingeladen. In diesem Jahr konnten wir unseren Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern auch ein Info- und Austauschangebot zur inklusiven Gruppenarbeit ankündigen, das Lisa Eisenbarth gemeinsam mit dem Facharbeitskreis der DPSGDeutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg gestaltet hat.

 

Wilken-Dapper: Was wünschen Sie sich?

Schullenberg: Für die DPSGDeutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg kann ich sagen, dass wir uns weiterhin eine so gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit wünschen. Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn wir es schaffen, noch weitere Projekte anzusprechen und Hilfestellung bei deren Umsetzung geben zu können. Außerdem wünsche ich mir, dass bald nicht mehr die Rede von „inklusiven“ Projekten ist, sondern dass es zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dass alle Kinder und Jugendlichen gleiche Möglichkeiten haben.

Eisenbarth: Wir freuen uns sehr darauf, die gute und unkomplizierte Zusammenarbeit auch nach dem Wettbewerb weiterzuführen und die inklusive Kinder- und Jugendarbeit gemeinsam weiter voranzubringen. Und auch wir wünschen uns, dass wir noch mehr Initiativen erreichen – und dass wir weitere Vereine und Organisationen ermutigen können, in diese spannende und lohnende Arbeit einzusteigen.

 

Quelle: Das Interview wurde erstmals veröffentlicht in DAS BAND, Zeitschrift des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V. (bvkm), Ausgabe 2/2017, Thema: „… läuft bei uns. Inklusive Kinder- und Jugendarbeit, S. 6.-9.

 

Die vollständige Ausgabe von DAS BAND findet ihr hier .

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