Engagement über Milieu-Grenzen hinweg

Erschienen am 5. Juni 2014 in Aufbauarbeit leisten

Andreas Bierod

Andreas Bierod

Andreas Bierod ist Diözesangeschäftsführer Malteser Hilfsdienst in der Erzdiözese Paderborn. Er war bis Mitte 2014 Grundsatzreferent der DPSG Bundesleitung.

 

In dieser Woche findet vom 3. bis 5. Juni der 15. Deutsche Kinder und Jugendhilfetag (DJHT) in Berlin statt. Wie zu Jugendhilfetagen üblich, veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft für Kinder und Jugendhilfe (AGJ) im Vorfeld ein Leitpapier. Die Jugendverbände kommen darin in diesem Jahr nicht gut weg – zu Unrecht, wie ein Blick auf die aktuelle Arbeit der DPSG zeigt.

Das Leitpapier benennt die „Ungleichheiten in der Jugendverbandsarbeit“ (vgl. S. 6) als große Herausforderung für die Jugendverbände. Gemeint ist damit die seit den Sinus-(Jugend)Milieustudien bekannte Tatsache, dass Jugendverbände nur junge Menschen aus bestimmten sozialen Milieus erreichen (können).

Das ist nicht nur falsch, weil Jugendverbandsarbeit als gesamtes Handlungsfeld der Jugendhilfe viele verschiedene Milieus anspricht (also die Falken oder die Jugendfeuerwehr jeweils andere als wir bei den Pfadfindern), sondern auch, weil es die Bemühungen einzelner Jugendverbände ausblendet, die gezielt versuchen, Milieugrenzen zu überwinden.

Pfadfinden für alle

Als DPSG haben wir mit unserem Zukunftsmotiv aus dem Prozess DPSG im Wandel „Pfadfinden soll für alle Kinder und Jugendlichen möglich sein“ den Auftrag dafür gegeben. Wir wollen Pfadfinden auch und insbesondere für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Milieus ermöglichen.
Als Bi-Pi das erste Lager auf Brownsea Island veranstaltete, wollte er genau das: junge Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg zusammenbringen.

Milieuunterschiede sind Realität

Dennoch sind die Milieustudien auch für die DPSG eine Realität, vor der wir nicht die Augen verschließen wollen. Es gibt viele Gründe auf beiden Seiten, warum benachteiligte Kinder und Jugendliche nicht zur DPSG kommen bzw. über eine längere Zeit dabei bleiben. Für manche Kinder sind beispielsweise regelmäßige Treffen schwierig einzuhalten, weil entsprechende Strukturen zuhause fehlen oder die Eltern kein Interesse zeigen. Gleichzeitig sind die Art und Weise, wie wir als DPSG neue Kinder und Jugendliche ansprechen, was in den Gruppenstunden passiert, was und wie wir etwas von Kinder und ihren Eltern verlangen auch für manche ausschließend; weil sie sich schämen, nicht mithalten zu können, weil sie es für zu intellektuell halten etc.

Das sind Beispiele zur Veranschaulichung, ohne eine konkrete Gruppe dabei zu meinen oder es ihr ankreiden zu wollen. Aber so ist es nun mal und es führt zu echten Problemen. Sich einfach selbst als „für alle offen“ zu halten, aber nichts dafür zu tun, dass auch wirklich alle kommen, ist ein weiteres.

Kooperation mit dem SkF

Diesen Problemen begegnet die Bundesleitung nun mit einem ganz konkreten Projekt. An fünf ausgewählten Projektstandorten sollen Stämme mit Einrichtungen der Erziehungshilfe des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) zusammenarbeiten. Das können beispielsweise Kinderheime, Tagesgruppen, Förderschulen oder ähnliches sein. Denn zum Glück hat kein Mensch seine Benachteiligungen auf der Stirn stehen, so dass die Bundesleitung Orte suchte, wo sehr wahrscheinlich benachteiligte Kinder und Jugendliche sind. Gemeinsam mit den Leiterinnen und Leitern sowie den Sozialpädagoginnen und Erziehern vor Ort sollen gezielt und gesteuert gemeinsame Aktivitäten zur Integration benachteiligter Kinder und Jugendlicher unternommen werden. Das können gemeinsame Lager und Fahrten, Workshops, Aktionstage oder kontinuierliche Gruppenstundenbesuche sein.

Wichtig dabei ist, dass beide Seite einander in ihrer Aufgabe ernst nehmen. Als DPSG müssen wir lernen, dass nicht nur Eltern die ersten und besten Ansprechpersonen sind, sondern auch Mitarbeitende des SkF. Leiterinnen und Leiter müssen sich als Teil eines Systems begreifen, in dem sie eine Rolle und Aufgabe haben. Gleichzeitig ist wichtig, für sich und alle anderen klar zu haben, dass Pfadfinden eine Freizeitaktivität ist und keine Therapie. Sozialpädagogische Profis aus dem SkF müssen lernen, dass unsere Leiterinnen und Leiter auch Profis sind – für Freizeitpädagogik.

Das alles wird nicht leicht. Es treffen immer wieder unterschiedliche „Kulturen“ aufeinander: Nicht nur zwischen dem SkF und der DPSG, sondern auch zwischen den Kindern. In den Sinus-Studien und ihren Rezensionen kann man viel über diese (pop-)kulturellen Unterschiede nachlesen. Als DPSG sind wir aber im Umgang mit unterschiedlichen „Kulturen“ geübt. Bei internationalen Begegnungen, ist es für uns normal, andere Kulturen mit viel Wertschätzung und Neugier zu entdecken. Diese Neugier kombiniert mit den Erfahrungen aus unserem Fachbereich Behindertenarbeit bildet eine gute Grundlage für ein Engagement über Milieu-Grenzen hinweg.

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