Am Lagerfeuer mit German Rocha Maldonado, Nationaldirektor des ASB

Erschienen am 12. August 2014 in Am Lagerfeuer mit...

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German Rocha Maldonado ist der Nationaldirektor der Asociación de Scouts de Bolivia (ASB). Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Partnerschaft zwischen DPSG und ASB führten wir mit ihm ein Gespräch über deutsche Pünktlichkeit,  Kindersterblichkeit in Bolivien und seine Wünsche für die deutsch-bolivianische Partnerschaft.

Hallo German, wie fühlt es sich an, wieder einmal in Deutschland zu sein?

Es ist mir eine große Freude, wieder einmal hier zu sein und unsere Partnerschaft zu feiern. Die Beziehung zur DPSG ist für uns sehr wichtig, gerade auch im Hinblick auf unsere pädagogische Arbeit.

Ich mag an Deutschland zum Beispiel die Architektur mit vielen historischen Häusern und alten Straßen. Es ist beeindruckend, wie Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Und natürlich mag ich die Menschen, die man im Laufe der Zeit kennengelernt hat und die einfach tolle Freunde geworden sind.

Was können die Deutschen von den Bolivianern lernen?

Da fallen mir zwei Dinge ein. Das eine ist die bolivianische  Gastfreundschaftlich. Wir sind sehr offene Menschen, gehen auf Fremde zu. So finden wir sehr schnell Freunde. Das andere ist eine gewisse Flexibilität gerade auch mit Blick auf Zeiten. (lacht) Die Deutschen sind immer sehr pünktlich.

Was bildet das Herzstück der Partnerschaft zwischen DPSG und ASB?

Das sind das Kennenlernen der fremden Kultur und das Knüpfen von Freundschaften. Erst, wenn man mit einheimischen Freunden und nicht als Tourist ein Land bereist, bekommt man ein wahres Gefühl für die Kultur und die Lebenswirklichkeit der Menschen dort.

Dazu kommt das Gefühl, nicht alleine in seinem Denken und seinen Einstellungen zu sein. Die Partnerschaft zwischen DPSG und ASB zeigt, dass wir ein gemeinsames Verständnis von Werten haben, auch wenn uns meistens mehr als 10.000 Kilometer trennen.

Als drittes hilft die Partnerschaft, sich selbst weiterzuentwickeln. Nicht nur als Mensch, sondern auch mit Blick auf die eigene Pädagogik und als Organisation.

Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede in den beiden Verbänden?

Gemein haben beide Verbände auf jeden Fall den Fokus auf die Pädagogik. Während es viele Verbände gibt, die nur Freizeitgestaltung anbieten, wollen ASB und DPSG durch ihre Angebote junge Menschen erziehen und in ihrer Entwicklung begleiten. Auch eint uns, dass beide Verbände sehr progressiv sind und zu den moderneren Verbänden der weltweiten Pfadfinderbewegung gehören. Wir haben uns so zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit der DPSG viel in Bezug auf die Einführung der vier Altersstufen oder der Koedukation abschauen können.

Ein Beispiel, an dem man merkt, dass wir uns aber dennoch unterscheiden, ist zum Beispiel die Kluft. Mein Eindruck ist, dass die Deutschen damit viel lockerer und offener umgehen. Aufnäher bringt ihr auch an nicht vorgeschriebenen Stellen an. In Lateinamerika sind wir da viel formeller. Hier können wir die deutsche Lockerheit noch in unseren Verband tragen – auch, um nicht in einen Topf mit paramilitärischen Organisationen geworfen zu werden.

Ein Unterschied in der ASB ist vielleicht noch der Schwerpunkt auf Bildung im ländlichen Raum, den auch die Freiwilligen, die aus Deutschland zu uns kommen, mit aufgebaut haben. Die Aktion, die in diesem Bereich mit am längsten anhält, ist eine Therapie der oralen Rehydration, um die Kindersterblichkeit von Kleinkindern unter 5 Jahren zu senken. Als wir die Kampagne gestartet haben, lag diese bei 79 von 1000 Kindern. Aktuell sind wir bei 49. Damit haben wir aber leider noch immer nicht das Millenniumsziel von unter 33 erreicht.

Wie funktioniert dieses Projekt? Und welche anderen Projekte verfolgt ihr noch?

Das Projekt ist Teil der Leiterinnen- und Leiter-Ausbildung und ist in jedem Entwicklungsplan, den es bei uns in Bolivien für jedes Kind gibt, aufgenommen. Jede Pfadfinderin und jeder Pfadfinder bekommt in seiner Region fünf Familien mit Kleinkindern zugeteilt und ist dafür verantwortlich, dort Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie geben in den Familien dann Tipps, wie man Durchfall verhindert oder diesen heilen kann, damit es nicht zu einer Dehydrierung kommt.

Ebenso beteiligen wir uns an Kampagnen zum Umweltschutz, zum  Kohlendioxidausstoß oder um auf die begrenzten Energieressourcen aufmerksam zu machen. Außerdem gibt es, wie bei euch in Deutschland auch, eine 72-Stunden-Aktion. Diese findet bei uns alle vier Jahre statt – im letzten Jahr sogar zeitgleich mit der Aktion des BDKJ bei euch.

Besonders in Erinnerung wird auch euch noch die Jahresaktion 2010 „Tenemos derechos – Wir sind Rechthaber“ sein. Diese fand ja auch bei uns statt. Die letzten Gruppen schließen aktuell noch ihre Projekte ab.

Womit wir beim Thema Mitbestimmung wären. Welchen Stellenwert hat dieses Thema in der ASB?

Die Kinder und Jugendlichen haben zwar keinen direkten Einfluss auf die Arbeit der Distrikte oder der Bundesebene, sie entscheiden aber selbst über ihr Programm. Sie wählen zum Beispiel beim „Programm-Zyklus“ durch partizipative Methoden selbst, welche Programme im kommenden Jahr durchgeführt werden. In der Zukunft wollen wir auch auf kreative Methoden wie „design thinking“ setzen, um neue Ideen und Projekte zu erarbeiten.

Was wünscht du dir für die Zukunft der deutsch-bolivianischen Partnerschaft?

Vor allem ein breites Verständnis von Gerechtigkeit. Ich wünsche mir, dass wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass Unterschiede zwischen arm und reich schwinden. Und dass wir, auch außerhalb der Pfadfinderverbände, darin übereinkommen, dass wir unsere Erde schützen müssen. Wir haben eine Verantwortung dafür und nur diesen einen Planeten.

Wir als Erziehungsverbände müssen daher unseren Mitgliedern diese Verantwortung vermitteln. Dabei spielt auch Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind als wir, eine große Rolle. Das müssen wir Kindern und Jugendliche, aber auch Leiterinnen und Leitern vermitteln. Wir müssen gemeinsam an einer besseren Welt arbeiten.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview haben wir im Juni bei „Pfingsten in Westernohe“ geführt.

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