Paraguay: (M)ein musikalisches Zuhause

Erschienen am 23. September 2014 in freiwillig & weltwaerts

Rebecca Kossmann

Rebecca Kossmann

Rebecca Kossmann ist als Freiwillige mit DPSG und Adveniat für ein Jahr in Paraguay und berichtet hier von ihren Erfahrungen.

 
Semillas_Ceci

Ceci in ihrem Büro

Semillas Musicales ist ein Musikkonservatorium, das von meiner Gastmutter Cecilia und meinem Gastpapa Pepe vor vier Jahren, mit der Hilfe der Fundación Jerovia Pyahu gegründet wurde. Pepe und Ceci sind Missionare und vor elf Jahren mit ihren drei Kindern Guadalupe (19), Sebas (17) und Mimi (14) von Ecuador nach Paraguay gezogen.

Das „Conservatorio de Música Semillas Musicales“ ist Teil von und wird unterstützt durch „Sonidos de la Tierra“, der Partnerorganisation von Adveniat, über die ich meinen Freiwilligendienst absolviere. Sonidos ist ein Netz aus Musikschulen im ganzen Land, die auf lokaler Ebene Musik unterrichten und eigenständig sind. Aber als Teil von Sonidos gibt es aber auch viele überregionale Konzerte und Treffen, die gemeinsam mit den Schulen organisiert werden.

Die Gebäude vom Musikkonservatorium Semillas Musicales, kurz Semillas, bestehen aus: dem Wohnhaus, in dem sich auch das Büro befindet, drei Klassenräumen und dem Innenhof, der zum Beispiel für große Chorproben verwendet wird. Auch die Küche, das Wohnzimmer und das Büro werden manchmal in Proberäume verwandelt. Vier Tage in der Woche wird hier unterrichtet, hierfür reisen Lehrer, die „Maestros“, teilweise zwei bis vier Stunden an und übernachten manchmal sogar hier.

Geigenunterricht mit Sebas

Geigenunterricht mit Sebas

Zu den Fächern zählen beispielsweise Gitarre, Gesang, Querflöte, Geige, Cello, Musiktheorie, Gehörbildung und Instrumentenkunde. Belegt man eines der Instrumente, sind Theorie, Gehörbildung und Instrumentenkunde obligatorisch, damit eine gute musikalische Allgemeinbildung gewährleistet werden kann. Am Ende des Semesters steht ein Examen an, um festzustellen, ob man eine Klasse aufsteigen kann oder nicht.

Das Angebot ist für jeden zugänglich, ungeachtet des persönlichen Hintergrunds. Einzige Voraussetzung: ein Teilnehmerbeitrag und der Kauf seines Instrumentes . Die Beiträge können hierbei ganz unterschiedlich ausfallen: viele zahlen den vollen Beitrag, andere bezahlen mit Fischen oder Orangen, da ihre Familie sich vom Fischfang, oder vom Verkauf von Orangen ernährt. Der Sinn dahinter ist laut Ceci, dass die Schüler es nicht für selbstverständlich ansehen, dass ihnen etwas geschenkt wird, denn wie wir wissen, ist das im Leben nicht so. Deswegen nimmt Semillas das an, was möglich ist.

Der Sonntag beginnt damit, dass vierzig Kinder das Haus und die Klassenräume überschwemmen und sich dann in die verschiedenen Kurse aufteilen: Musiktheorie und Gehörbildung für Anfänger und Fortgeschrittene, musikalische Früherziehung für die ganz Kleinen, danach geht es weiter mit Gitarren-Unterricht – ein Kurs für die ganz Kleinen, ein Anfänger- und ein Fortgeschrittenenkurs.

„Es ist einfach nur großartig!“

Während der Mittagszeit gehen die meisten nach Hause, aber für manche ist der Weg zu weit und so essen wir teilweise mit 15 Personen. Nachmittags gibt’s dann weiteren Unterricht in Gehörbildung, Gitarre für Profis, Geige und Cello. Auch finden sich kleinere Gruppen zusammen, die beliebte Lieder einstudieren oder irgendwas anderes ausprobieren oder üben. Insgesamt herrscht eine sehr lerneifrige Stimmung. Abends gehen alle erschöpft aber glücklich nach Hause und wir räumen auf und essen gemeinsam mit den Lehrern zu Abend.

Bandprobe im Innenhof

Bandprobe im Innenhof

Der Freitag ist mein Lieblingstag: ein Gesangslehrer, der einfach super ist, reist an. Sortiert nach Tonlage – Sopran, Mezzosopran, Tenor und Bariton – sowie eine Kindergruppe werden unterrichtet. Ab 13 Uhr ist das Haus also wieder voller Kinder und Jugendlicher und abends finden sich alle gemeinsam im Innenhof für eine Chorprobe ein. Es ist einfach nur großartig! Wenn die Schüler nicht gerade im Gesangsunterricht beschäftigt sind, haben sie Instrumentenkunde.

Was will das Konservatorium erreichen? Eine gute musikalische Ausbildung, die Festigung von Werten, ein soziales Miteinander, Verantwortung für sich und die Gruppe und auch für das Equipment zu übernehmen, Gemeinschaft wecken, den anderen akzeptieren wie er ist. All das sind Dinge, die ich hier jeden Tag beobachten kann.

Ayolas besteht aus verschiedenen Vierteln, die oft sehr weit auseinander liegen. In Schulen von fünf dieser Viertel ermöglicht Semillas auch Musikunterricht. Hierfür fahren zwei Lehrer aus Ayolas jede Woche einmal an jede Schule und unterrichten Gitarre und Musiktheorie. Am Ende des Schuljahres treffen sich dann alle Schulen im Konservatorium um aufzuführen, was sie das Jahr über gelernt haben.

Meine Arbeit besteht darin, einerseits das Büro zu unterstützen bei der Koordination der Lehre, bei der Organisation von Auftritten oder beim Sortieren von Noten. Außerdem gebe ich Gitarrenunterricht, Gesangsunterricht und Einzelunterricht in Musiktheorie und Gehörbildung, alles auf Anfängerniveau. Zudem arbeite ich gerade an einem Konzept für ein Mini-Orchester mit Xylophon, Trommeln und Gitarren für die jüngsten Kinder. Der Unterricht findet hier quasi bei mir zu Hause statt und mittwochs in einer der Schulen im “Viertel Virgen del Pilar”.

Neu im Konservatorium ist der Englischkurs, den ich leite und der mir ziemlich viel Spaß macht, da die Jugendlichen sehr wissbegierig sind und jeden Quatsch mitmachen und dadurch gut lernen. Was toll ist, dass ich auch die Möglichkeit bekomme selber am Unterricht teilzunehmen, so bilde ich mich in Gitarre, Gesang, Theorie und Gehörbildung weiter! Ich wohne also in einer Musikschule, zu jedem Zeitpunkt spielt irgendwer irgendwo irgendein Instrument, wie wundervoll! Die Kinder und Jugendlichen sehen das Konservatorium als eine Art zweites zu Hause an, da sie gar nicht gehen wollen und sich ziemlich wohlfühlen.

Auch ich fühle mich in der Familie, in der Schule, mit den Kindern ziemlich wohl. Wie sollte es auch anders sein bei so vielen Musikern!

Gemeinsam mit Adveniat bietet die DPSG Freiwilligendienste an. Die DPSG ist ein anerkannter Träger des entwicklungspolitischen Dienstes “weltwärts”. Im August 2014 haben sich vier junge Deutsche auf den Weg nach Lateinamerika gemacht. Zwei von ihnen arbeiten in Adveniat-Projekten in Argentinien, zwei in Paraguay. 

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