Mit dem Rollstuhl ins Lager – warum nicht!

Erschienen am 26. Februar 2015 in Allgemeines

Simeon Harjung

Simeon Harjung

Simeon ist seit den Wölflingen im Stamm Limburg-Dom bei der DPSG, dann im letzten Jahr FSJler im Bundeszentrum. Aktuell dort auch als Klassenfahrtsteamer tätig, aber auch als Jungpfadfinder-Leiter in Mainz-Gonsenheim.

 

Simeon Harjung hat Manuel (37) und seinen Sohn Miguel (10) aus dem Stamm Feuer und Flamme Kettig getroffen. Sie sind seit drei Jahren im Stamm aktiv. Miguel hat von Geburt an eine Halbseitenlähmung und sitzt daher viel im Rollstuhl. Deshalb nicht mit ins Lager zu fahren, kommt jedoch gar nicht infrage.

Was gefällt euch besonders am Pfadfinden?

Manuel: Mir gefällt besonders gut, dass man, auch wenn man neu ist, herzlich empfangen wird.

Miguel: Mir gefällt der Zusammenhalt der Kinder in der Gruppe, egal ob mit oder ohne Behinderung. Und das Ziel, die Natur zu erhalten.

Miguel, hast du ein Handicap oder eine Behinderung?

Miguel: Ich finde, der Bergriff Behinderung hat einen negativen Beigeschmack, da klingt Handicap besser.

Was genau ist eine Halbseitenlähmung?

Manuel: Das ist im Prinzip wie ein Schlaganfall. Bei Miguel ist die rechte Seite betroffen. Er kann Hand und Fuß nicht richtig benutzen.

Welchen Hürden gibt es im Alltag, aber auch beim Pfadfinden mit diesem Handicap?

Miguel: Das Laufen ist für mich immer schwierig. Ich habe es auch erst mit vier Jahren erlernt. Letztens hatte ich eine Operation, damit ich bald besser laufen kann.

Manuel: Hürden gibt es im Alltag und bei den Pfadfindern. Den Unterschied hat man aber gerade gestern wieder gesehen. Als wir zur Krombachtalsperre gewandert sind, wurden plötzlich alle aktiv und haben Miguel mit dem Rollstuhl über Zäune und andere Hindernisse gehoben. Das hat man im Alltag in der Stadt nicht unbedingt. Viele Leute sehen zwar, dass jemand Hilfe benötigt, aber scheinbar haben sie Angst, auch mal hinzugehen und zu fragen, ob sie helfen können. Das merke ich als Vater immer wieder.

Gab es denn auch bei den Pfadfinderinnen und Pfadfindern Vorbehalte?

Miguel: Bei dem ein oder anderen schon, aber gerade bei den Leiterinnen und Leitern aus unserem Stamm war das kein Problem, da ist jeder sehr hilfsbereit.

Manuel: Vorbehalte nicht unbedingt, eher Interesse. Er fällt ja mit seinem Rollstuhl auf. Die einen wollen nur ein Foto mit ihm haben, andere gucken ihm hinterher und manchmal kommt später nochmal einer auf mich zu und spricht mich auf Miguel und sein Handicap an. Da gibt es schon eine große Offenheit. Pfadfinder sind dabei nicht so verklemmt.

Wie seid ihr auf das Pfadfinden gekommen und war es einfach, Anschluss zu finden?

Manuel: Es fing damit an, dass wir für Miguel ein Hobby gesucht haben. Dabei sind wir auf die Pfadfinder gestoßen. Als ich beim Stamm angefragt habe, hieß es sofort, dass das kein Problem oder zumindest alles lösbar sei. In der nächsten Gruppenstunde waren wir beide dann dabei und es hat sofort gepasst. Es haben sich alle super verstanden und Miguel sofort in die Gruppe integriert. Die anderen Gruppenkinder haben ihn gefragt, was er hat und warum er teilweise im Rollstuhl sitzt. Das haben wir ihnen erklärt und damit war das Thema für sie erledigt. Wir wurden sogar so gut aufgenommen, dass ich auch direkt als Leiter im Stamm dabeigeblieben bin.

Was war das schönste Erlebnis beim Pfadfinden für euch?

Miguel: Es war fast alles schön. Ob jetzt Gruppenstunde oder Zeltlager, da ist es schwer sich zu entscheiden, was jetzt am schönsten war. Etwas Besonderes war natürlich das erste Lager, da war noch alles neu.

Manuel: Für mich auch das erste Pfingstlager. Da waren wir noch nicht so lange dabei und kannten nicht alle. Für mich war das Schönste, dass ich mich mit jedem sofort so unterhalten konnte, als ob ich schon seit vielen Jahren dabei wäre.

Was würdest du Eltern empfehlen, die in einer ähnlichen Situation sind?

Manuel: Als Elternteil muss ich mir überlegen: Was möchte ich zusammen mit meinem Kind machen? Man sollte schon ein wenig Spaß haben an der Natur und an allem, was das Pfadfinden so mit sich bringt. Wenn die Begeisterung und der Wille da ist, dann ist alles machbar. Es gibt Väter, die mit ihren Kindern samt Rollstühlen auf die höchsten Berge klettern. Bisher sind wir auch immer überall hingekommen, wo wir hin wollten.

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