Völkermord in Ruanda: Wie Pfadfinden Menschenleben rettete

Erschienen am 11. Februar 2015 in Internationale Gerechtigkeit

Marius Meyer

Marius Meyer

Marius ist Mitglied im Bundesarbeitskreis Internationale Gerechtigkeit. Er ist Journalist und Mitinitiator der Petition "Gegen PEGIDA und für mehr Gast>>Freundschaft".

 

Der Besprechungsraum in der Landesgeschäftsstelle der Grünen in Hannover ist hell und freundlich. An den Wänden hängen witzige Poster und Wahlkampfplakate. Das Thema, um das es hier geht, bildet dazu den völligen Kontrast: Es geht um den Völkermord in Ruanda, in dem vor 20 Jahren bis zu einer Million Menschen erschossen, erschlagen, zerhackt wurden. Und darum, wie Pfadfinder andere Pfadfinder retteten. Marius Meyer sprach mit Peter Meiwald und Ananie Bizimana über die damaligen Ereignisse.

Peter Meiwald kann sich gut an den 6. April 1994 erinnern, als das Flugzeug von Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana beim Landeanflug auf die Hauptstadt Kigali abgeschossen wurde. „Mir war sofort klar, dass es schlimm wird“, berichtet Peter zwanzig Jahre später. Er war damals DPSG-Bundesreferent für Entwicklungsfragen und kannte Ruanda gut. Zwei Jahre hatte er dort als Freiwilliger in einem städtischen Entwicklungszentrum der Pfadfinder gearbeitet.

Geplanter Völkermord

Wer das Flugzeug damals abschoss, ist unklar. Die von Hutus dominierte Regierung und eine Rebellenbewegung, die vor allem von Tutsis getragen wurde, bekämpften sich seit fast vier Jahren. Der Präsident hatte Feinde auf beiden Seiten, das Attentat reihte sich ein in eine lange Geschichte der Gewalt. Ananie Bizimana, damals Auslandsbeauftragter der Association des Scouts de Rwanda (ASR), vermutete sofort, dass es die Initialzündung für einen Völkermord werden würde. „Viele wollten es nicht wahrhaben, sie hatten sich an die Hetze gewöhnt“, erzählt er. Zeitungen und Radiosender stachelten unter dem Schlagwort „Hutu-Power“ zur Gewalt gegen Tutsi und Hutu-Oppositionelle an. Flucht als einzige Chance Der Völkermord war gut vorbereitet: Nur 30 Minuten nach dem Flugzeugabschuss ziehen die ersten Mörder durch die Straßen. Sie arbeiten eine Liste ab, auf der gemäßigte Hutu, prominente Tutsi und Befürworter eines Friedensvertrags stehen. Peter und andere Pfadfinderinnen und Pfadfinder der DPSG nehmen Kontakt zu ihren afrikanischen Partnern auf. Sie wissen: Mitglieder der ASR-Nationalleitung sind bedroht, egal ob Tutsi oder Hutu. Sie gelten als Oppositionskraft. Ihre einzige Chance ist die Flucht.

Die DPSG will helfen

Ananie stellt für die DPSG eine Liste mit den Namen 47 besonders gefährdeter Pfadfinderinnen und Pfadfinder zusammen. Doch die Männer, Frauen und Kinder nach Deutschland zu holen, ist nicht so
einfach. Hierzulande entwickelt sich der Versuch, den ruandischen Partnern zu helfen, zu einem handfesten Skandal. Die Politik mauert. Hinter Paragrafen verschanzt „Wir haben erst bei der Ausländerbehörde in Neuss, wo das Bundesamt ist, versucht, Visa zu bekommen“, erzählt Peter. Aber die Behörden stellten immer neue Forderungen. „Wir haben das anfangs nicht öffentlich gemacht, weil man uns gesagt hatte, dass wir dann nichts erreichen würden“, berichtet er weiter. Voran sei es erst mithilfe der Medien gegangen. Spiegel, dpa und regionale Zeitungen berichten darüber, wie die DPSG diese Menschen vor dem Genozid retten will und über die Politiker und Ämter, die sich hinter Paragrafen verschanzen. Mit dem Land Rheinland-Pfalz, das eine Partnerschaft mit Ruanda unterhält, findet die DPSG schließlich einen wichtigen Mitstreiter.

Rettung für 22 Menschen

Die Pfadfinderinnern und Pfadfinder, die auf Ananies Liste stehen, dürfen nach Deutschland kommen. Es sind nur 22, vor allem Kinder. „Die anderen sind von den Milizen umgebracht worden oder haben es geschafft, in andere Länder zu fliehen, vor allem in den Kongo“, erzählt Ananie. Und Peter ergänzt: „Viele Freunde von uns sind auf der Flucht ermordet worden.“

DPSG muss Geld aufbringen

Gastfreundlich sind die Behörden in Deutschland weiterhin nicht. In den Visa der Flüchtlinge steht, dass sie ausgewiesen werden, wenn sie Sozialleistungen beantragen. Die DPSG bürgt dafür, alle Kosten zu tragen, bis die Kinder einen Beruf erlernt oder studiert haben. Die Ruander werden zuerst im Bundeszentrum in Westernohe untergebracht, dann suchen der Arbeitskreis für
Entwicklungsfragen und dessen Umfeld Familien, die sie aufnehmen.

Solidarität mit Ruanda

Die Aktion „Solidarität mit Ruanda“ wird auf die Beine gestellt und 1995 zur Jahresaktion. Das Engagement des ganzen Verbandes ist gewaltig. „Schnell war eine Million Mark zusammengekommen“, erinnert sich Peter. Das Geld wird dringend benötigt, die Ruander brauchen über Jahre Hilfe. Heute leben einige weiter in Deutschland oder anderen europäischen Ländern. Manche sind nach Ruanda zurückgekehrt. Ananie, der inzwischen deutscher Staatsbürger ist, pendelt zwischen seiner alten und neuen Heimat. Als Ingenieur plant und baut er Wasserkraftwerke in Ruanda. Peter ist durch die Erfahrungen, die er 1994 mit der Politik gesammelt hat, selbst zur Politik gekommen. Er sitzt heute für die Grünen im Bundestag.

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