Unser Pfadfinderstamm in St. Antonio de Padua

Erschienen am 4. August 2015 in freiwillig & weltwaerts

Paul Oswald

Paul Oswald

Paul Oswald ist als Freiwilliger mit DPSG und Adveniat für ein Jahr in Argentinien und berichtet hier von seinen Erfahrungen.

 

„Siempre listo – para servir!“ („Allzeit bereit – um zu helfen“) schreien wir Rover aus dem Pfadfinder Stamm St. Antonio de Padua jeden Samstag. Und das mindestens viermal, zweimal zur Begrüßung, zweimal zum Abschied.

1Wenn sich samstags der ganze Stamm auf dem weitläufigen Klostergelände der Franziskaner versammelt, sind knapp hundert Pfadfinderinnen und Pfadinder aller Altersstufen vertreten. Gemeinsam wird begonnen, gegessen und  sich verabschiedet, die wenige verbleibende Zeit sind die Stufen unter sich. Warum wenig?

Weil eine Begrüßungszeremonie gut und gern eine halbe Stunde dauert. Sie läuft immer wie folgt ab:

Zunächst stellt sich der ganze Stamm gestaffelt nach Stufen und innerhalb derer nach Geschlecht getrennt in einem großen Rechteck mit einer offenen Seite zum Altar und Fahnenmast hin auf, selbstverständlich in Uniform, also in Kluft, Halstuch und möglichst dunkler Hose. Dann beginnen die Schlachtrufe, angefangen von den Wölflingen bis hin zu den Rovern.

Sodann wird die argentinische Fahne gehisst. Das ist die ehrenvolle Aufgabe eines Rovers, er ruft „servir“ ( helfen, dienen) und  umrennt die Formation, während der restliche Stamm, die rechte Hand zum traditionellen Pfadfindergruße erhoben, das Pfadfindergesetz rezitiert.

Nachdem der Rover abgetreten ist, wird gebetet. Dazu stellen sich hintereinander  je  zwei Stufenvertreter in der Mitte der Formation auf und sprechen auswendig ein Mitsprechgebet auf, wobei wieder jede Stufe ihr eigenes hat. Hierauf folgen die Ansprache des Chefs des Stammes und abschließend noch einmal die Ausrufe der Stufen. Dann endlich kann die eigentliche Gruppenstunde beginnen, bevor sich zum Abschiede die ganze Zeremonie wiederholen wird.

Der von außen betrachtete paramilitärische Eindruck ist nicht ganz verkehrt, auch wenn es glücklicherweise innerhalb der Gruppenstunden deutlich entspannter und undisziplinierter zugeht. Ronja und ich haben uns nur langsam daran gewöhnt;  auch, dass die Rover allzeit bereit zum Helfen sind, was bedeutet, dass ihre Aufgabe darin besteht, wo es nur geht anzupacken und notfalls auch Gras aus Hofausfahrten zu rupfen. Glauben, Disziplin und Zeremonien spielen eine deutlich wichtigere Rolle als wir es von unseren deutschen Stämmen her kannten. Pfadfinden sei für jedermann heißt es in Deutschland, die Realität in Padua sieht anders aus: Wer nicht von den Eltern unterstützt wird, wer sich keine Kluft oder die Lagerkosten leisten kann, wird es schwer haben. Für „meine Jungs“ ohne Eltern und Geld aus dem Heim in dem ich arbeite,  ist es jedenfalls nichts, davon jedoch abgesehen, ist es zweifelsfrei, dass diejenigen Kinder, die dabei sein können, in ihrer Persönlichkeit gestärkt hervorgehen werden und damit geschützter vor der Drogenproblematik in den Barrios (Stadtteilen) entgegen stehen.

2Ronja und ich sind äußerst herzlich in die Gruppe aufgenommen worden:  So wurden wir  zum Campamento (Zeltlager) zu Ehren des St. Antonios eingeladen. In der Nacht fand eine Prozession durch die Straßen von Padua statt, vorneweg ein geschmücktes Feuerwehrauto mit lauter Musik, hintendrein tanzende Franziskanermönche in Kutten und jede Menge „Viva San Antonio, viva!“ schreiende Menschen, die mit Kreide ihre Wünsche und Hoffnungen auf die Straße schrieben. Nach dem anschließenden  Gottesdienst versammelten sich die Pfadfinder wieder am Lagerfeuer, führten noch einige kleine Schauspiele zu Ehren des Heiligen auf und verkrochen sich anschließend in den Zelten. Während Ronja und ich noch die gemütliche Lagerfeuerrunde vermissten, wartete am nächsten Morgen bereits eine große Überraschung auf uns:

Wir sollten unser Versprechen erneuern und in den Stamm aufgenommen werden. Wie uns bereits aus vielen Zeremonien bekannt war, grüßten wir die argentinische Fahne, die feierlich an einem Banner von einem Rover hineingetragen wurde. Mit einer Hand die Fahne haltend, die andre zum Pfadfindergruß erhoben, erfanden Ronja und ich einen feierlichen Text, da wir das deutsche Versprechen leider nicht auswendig kannten. Glücklicherweise konnte kein anderer Deutsch um Einspruch zu erheben. Anschließend bekamen wir von unserer Leiterin das farbenfrohe Halstuch des Stammes verliehen und ich tauschte mein altes graues Leiterhalstuch ein. Ein guter Tausch!!

3Nun ist ein Jahr in Argentinien fast rum und der Abschied steht bevor. Reichlich beschenkt und sehr bewegt verließen wir unsere Freunde aus Padua. Ungewiss ist alle Wiederkehr, heißt es, doch wir sind einfach nur dankbar für die einzigartigen, wunderschönen Erfahrungen, die uns das Jahr und die argentinischen Pfadfinder ermöglicht haben. Was bleibt, ist die Erinnerung und eine Freundschaft. So verbleiben wir mit dem internationalen Pfadfindergruß „Siempre listo“ (Allzeit bereit) und hoffentlich „hasta pronto!“ (Bis bald).

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