Können Sie nächsten Montag eine Flüchtlingsunterkunft aufmachen? – Teil 2

Erschienen am 16. September 2015 in Allgemeines

Andreas Bierod

Andreas Bierod

Andreas Bierod ist Diözesangeschäftsführer Malteser Hilfsdienst in der Erzdiözese Paderborn. Er war bis Mitte 2014 Grundsatzreferent der DPSG Bundesleitung.

 

Im Normalfall werden Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, erst in Erstaufnahmeeinrichtungen, dann in zentralen Unterkunftseinrichtungen und dann in Übergangseinrichtungen untergebracht. Doch von diesem Plan haben sich Länder und Gemeinden im Sommer 2015 verabschiedet. Es kam eine weitere Unterkunftskategorie hinzu: Notunterkünfte. Deren Ziel ist es, Obdachlosigkeit zu verhindern.

Notunterkünfte gesucht

Hierfür wird nahezu alles herangezogen, was irgendwie dazu geeignet ist, ein Dach über dem Kopf zu bieten, bis zu Container- oder Zeltstädten. Auch werden hier Menschenmassen zusammengebracht, die wirklich eigene Städte für sich sind: 1.000 Flüchtlinge in einer Unterkunft sind keine Seltenheit. Hier werden Flüchtlinge sowohl aus Erstaufnahmeeinrichtungen, wie auch Zentralen Unterbringungseinrichtungen „zwischengeparkt“, weil die Regelbetriebe keine Betten mehr haben.

Erstaufnahme kommt nicht hinterher

Dazu kommt, dass die Erstaufnahmeeinrichtungen nicht mehr mit den Registrierungen hinterherkommen, viele Flüchtlinge also ohne Aufnahme ihrer Daten sowie ohne ärztliche Untersuchung oder Impfung weitergeleitet werden. Für mehrere Wochen mussten sie dann wieder aufwendig zurücktransportiert werden, um sich an der Erstaufnahme registrieren zu lassen; erst seit kurzem ist diese Aufgabe auch in Notunterkünften möglich – für die Einrichtungen wie auch die Flüchtlinge eine enorme Erleichterung.

Neue Einrichtung in wenigen Tagen

Während die Übernahme einer Regeleinrichtung bis Anfang des Jahres mit einer Vorlaufzeit von drei bis sechs Monaten erfolgte – man also ausreichend Zeit hatte, die Immobilie herzurichten, Personal einzustellen und so weiter – beträgt die Vorlaufzeit zur Übernahme einer Notunterkunft nur wenige Tage. So zum Beispiel bei uns im Malteser Hilfsdienst in der Erzdiözese Paderborn Ende Juni:

Dienstagabend: Mailverkehr mit der Bezirksregierung Arnsberg, ob wir kurzfristig für nächsten Montag eine Notunterkunft in einer ehemaligen Jugendherberge für bis zu 180 Flüchtlinge herrichten und bis Ende April betreiben könnten.

Mittwochabend: Entscheidung in der Diözesanleitung, den Auftrag anzunehmen.

Donnerstag: Stabsbesprechung: Was brauchen wir? Material, Personal, Informationen. Wie kommen wir schnell an Personal? Welche Qualifikationen brauchen diese? Wie viele brauchen wir für welche Arbeitsbereiche, welche Bereiche können wir kurzfristig mit Ehrenamtlichen besetzen? Wo kennen wir Unterstützer, wie steht die örtliche Politik dazu? Wie informieren wir die Bevölkerung, wie die Presse? Gleichzeitig: Info-Mail an alle ehrenamtlich Aktiven, dass am Wochenende viel Man-Power gebraucht wird – wofür weiß man noch nicht so genau, aber es wird viel Arbeit sein.

Freitag: Ortsbegehung, Fragen klären, Besuche beim Bürgermeister, dem Ordnungsamt, der Polizei, der Feuerwehr und der Jobbörse. Arbeitsaufträge sammeln, verteilen.
Treffen mit dem Vermieter – nicht alle zugesagten Sicherheitsprüfungen und Hygienevorschriften sind tatsächlich eingehalten; Plan B ausarbeiten.

Samstag und Sonntag: Am Wochenende werden zusätzliche Betten geschleppt und aufgebaut, Toiletten repariert, die Küche umgebaut, die Rezeption um ein Büro erweitert, die Heizung ausgetauscht, eine Kleiderkammer eingerichtet, erste Spenden sortiert und vieles mehr. Das alles durch bis zu 60 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer; sowohl aus dem MHD wie auch aus der Bevölkerung. So kamen beispielsweise am Samstagmorgen spontan vier Punker vorbei, die darüber in der Zeitung gelesen hatten und mit anpacken wollten. Auch dabei: Kinder und Jugendliche aller Stufen der zwei Mescheder Stämme – sie alle packten mit an, um Gast_>Freundschaft ganz konkret werden zu lassen.

Montagmorgen: Das örtliche Gesundheitsamt versagt die Betriebserlaubnis, weil die Legionellenprüfung nicht abgeschlossen wurde, frühester Start auf Donnerstag verschoben. Also erneute Pressekonferenz, dieses Mal kommt sogar der WDR vorbei. Die Verspätung ist ärgerlich, schafft aber auch Zeit für weitere Vorbereitungen – dennoch wären wir bereit gewesen!

Dienstag: Den ganzen Tag gibt es Vorstellungsgespräche für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Flüchtlingsbetreuung, die Küche, die Verwaltung, die Reinigung und als Hausmeister. Ein Einrichtungsleiter konnte bereits am Wochenende gefunden werden. Wenn es passt, wird gleich beim Rausgehen der Vertrag unterschrieben, um am nächsten Tag anzufangen. Eine insgesamt spannende Erfahrung. Denn: wer bewirbt sich auf eine Stelle, die zwar Vollzeit, aber befristet auf zehn Monate und eher im unteren Bereich eingruppiert ist? Es ist faszinierend, aber die Flüchtlingssituation ist ein großartiger Jobmotor! Frauen und Männer mit eigener Migrationserfahrung erleben, dass etwas, das bei Ihnen bisher eher als Schwäche wahrgenommen wurde, nun die große Stärke ist. Dass ein nicht anerkannter Ausbildungs- oder Studienabschluss auf einmal völlig egal ist, weil die wichtigsten Kompetenzen nun die eigene Muttersprache, die Empathie mit Menschen, die eine neue Heimat suchen und das Erklären des typischen deutschen sind – kurz „Fremdenfreundlichkeit“.

Mittwoch: Es stellt sich heraus, dass auch in Sachen Brandschutz noch Bedarf besteht nachzubessern. Auf den ersten Blick ärgerlich, aber in Flüchtlingsunterkünften sollte daran nicht gespart werden; wer weiß, ob wirklich alle Bewohner einen so herzlich empfangen.
Zudem gibt das Gesundheitsamt die Auflage, spezielle Filter an alle Wasserhähne und Duschen anzubringen, um die Legionellengefahr einzudämmen. Diese sind in ganz NRW aber nicht mehr zu bekommen. Anruf beim Hersteller in München, kurz vor Feierabend. Die Sachbearbeiterin nimmt kurz entschlossen den notwendigen Bedarf mit nach Hause. Parallel werden die Kollegen der Dienststelle in München angerufen, ein Mitarbeiter des Fahrdienstes erklärt sich bereit, noch am Abend bei der Sachbearbeiterin des Filterherstellers vorbeizufahren und nach Meschede aufzubrechen.

Donnerstag: In der Nacht kommt der Fahrer an, die Filter werden installiert, um 8 Uhr melden wir dem Gesundheitsamt den erfolgreichen Einbau, um 10 Uhr kommt die Betriebserlaubnis. Gegen Mittag meldet die Bezirksregierung, dass nun Flüchtlinge in Dortmund auf den Weg geschickt werden. Anderthalb Stunden später sind sie da. Die Stimmung, die bis dahin noch von der Hektik der Vorbereitung geprägt war, kippt in eine entspannte Gastfreundlichkeit.

Samstag: Große Spendenaktion, vor allem für Kleidung. Insgesamt werden drei Schiffscontainer gefüllt, wieder sind viele Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit dabei, die Spenden entgegennehmen und eine erste grobe Sortierung vornehmen.

Weitere Notunterkünfte werden eingerichtet

Die Tage und Wochen danach verliefen in der Einrichtung weitestgehend ruhig, vor allem weil nicht allzu viele Menschen an einem Ort sind. In anderen Einrichtungen, die wir inzwischen betreiben, kommt es gelegentlich zu Auseinandersetzungen unterschiedlicher Gruppierungen. Immer mehr Mitarbeitende konnten gewonnen werden, so dass nach kurzer Zeit die ehrenamtliche Unterstützung des Regelbetriebs ganz runter gefahren werden konnte. Die Freisetzung der ehrenamtlichen Kapazitäten war auch schnell notwendig: Im Wochentakt kamen und kommen weitere Anfragen, von denen wir einige zusagen konnten. Inzwischen wiederholte sich das Prozedere mehr oder weniger ähnlich bereits drei Mal. Weitere Wiederholungen sind nicht ausgeschlossen. Gewisse Prozesse schleifen sich ein, werden strukturierter. Das Ineinandergreifen von Ehren- und Hauptamt bleibt – und die Grundhaltung: Flüchtlinge sind willkommen!

Im ersten Teil lest ihr, welche Stationen Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, durchlaufen.

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11 Responses

  1. Nimrod

    7. Dezember 2015: Ist es nicht scheinheilig, wenn die Bundesregierung einerseits nichts gegen Flüchtlingsursachen unternimmt- im Gegenteil- diese immer wieder durch Unterstützung von Despoten und Waffenlieferungen fördert und anderseits sich "stoisch entsetzt" zeigt über all die unschönen Begleiterscheinungen beim Flüchtlingsthema und obendrein die Städte und Gemeinden viel zu lange im Regen stehen lässt?

     
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