Sich Einmischen: Der neue Standard für fair produzierte Textilien

Erschienen am 23. März 2016 in Internationale Gerechtigkeit

Frank Eichinger

Frank Eichinger

Frank Eichinger war sieben Jahre im Bundesarbeitskreis Internationale Gerechtigkeit. Von 2009 bis 2015 vertrat er die DPSG im Vorstand von Fairtrade Deutschland (TransFair e.V.), seitdem sich 2015 die Struktur geändert hat, ist er gewähltes Mitglied des Aufsichtsrates von Fairtrade Deutschland.

 

In der Frage, ob sich Pfadfinderverbände politisch einmischen sollten, scheint die weltweite Bewegung gespalten. Manche europäische Verbände sagen, dass Pfadfinder in erster Linie einen Erziehungsauftrag hätten und dass sie ihre Mitglieder durchaus befähigen sollen, Dinge kritisch zu hinterfragen und sich selbst einzumischen, beispielsweise in der Politik. Der Pfadfinderverband selbst soll aber politisch neutral sein. In der DPSG ist das anders: „Die DPSG praktiziert und fördert politisches Handeln um die Rechte von Kindern und Jugendlichen weltweit zu wahren, für Frieden in Nah und Fern einzutreten, für Gerechtigkeit zu sorgen und die Natur zu schützen.“ (Ordnung der DPSG)

Lobbyarbeit der Bundesarbeitskreise

Arbeiterinnen und Arbeiter in einer Textilfabrik.

Mit dem neuen Fairtrade-Textilstandard ist die gesamte textile Produktionskette abgedeckt. (Foto: TransFair e.V. / Anand Parmar)

Im Bundesverband nehmen unter anderem die Facharbeitskreise im Rahmen ihrer Lobbyarbeit die Aufgabe des politischen Handelns für den Verband wahr: Einsatz für Kinderrechte, Vertretung in der Klima-Allianz, bei den internationalen Klima-Konferenzen, und nicht zuletzt im TransFair e.V. Doch was bringt dieses Engagement? Ich möchte heute darüber schreiben, wie dieser Einsatz ganz konkret etwas gebracht hat. Und zwar beim neuen Fairtrade-Standard für Textilien. Kinderrechte, Gerechtigkeit und Umweltschutz – wie in der Ordnung aufgeführt – spielen hier nämlich eine große Rolle: Kinderarbeit ist in der Textilproduktion weit verbreitet, auch die erwachsenen Arbeiter werden vielerorts ausgebeutet und die Umweltverschmutzung ist oft desaströs.

Jugendverbandsvertreter in Vorstand und Aufsichtsrat

Bevor ich beginne noch etwas zu meiner Rolle: Seit 2008 vertrete ich die DPSG in der Mitgliederversammlung von TransFair. Die DPSG ist seit über 20 Jahren Mitträger des Vereins, der sich für Fairen Handel einsetzt und das bekannte Fairtrade-Siegel herausgibt. Von 2009 bis 2015 war ich als Vertreter der DPSG und der anderen Jugendverbände (aej, BDKJ und KLJB) Mitglied des Vorstands des Vereins, seitdem sich 2015 die Struktur geändert hat bin ich gewähltes Mitglied des Aufsichtsrats. Das übrigens auch nicht allein: Clemens Kienzler vom entwicklungspolitischen Arbeitskreis des BDKJ ist ebenfalls im Aufsichtsrat und wir versuchen hier gemeinsam die Jugendverbände politisch zu vertreten und uns einzumischen.

Fairtrade-Baumwolle

Baumwollernte. Bisher ist bei Fairtrade Cotton wie in der Kluft der DPSG nur die Baumwolle aus Fairem Handel.

Baumwollernte. Bisher ist bei Fairtrade Cotton wie in der Kluft der DPSG nur die Baumwolle aus Fairem Handel. (Foto: Fairtrade Labelling Organizations International e.V. / Didier Gentilhomme)

Die textile Lieferkette ist komplex. Unzählige Firmen und Unterauftragnehmer produzieren ein Kleidungsstück. Das reicht vom Baumwollanbau über Entkörnung, Spinnen, Stricken oder Weben und Färben bis zur Konfektion eines T-Shirts (siehe auch die Arbeitshilfe Kritischer Konsum mit weiteren Infos zu Textilien und Methoden für die Gruppenstunde). Schon vor vielen Jahren war es TransFair ein Anliegen, mehr Fairness in die Textilproduktion zu bringen, doch die Aufgabe erschien schier unmöglich. Als ein Anfang wurde 2005 fair gehandelte Baumwolle eingeführt: Zumindest beim Anbau der Baumwolle sollten ähnliche Bedingungen gelten wie beim fairen Kaffee und anderen Fairtrade-Produkten: Mindestpreise, Fairtrade-Prämie, Sozial- und Umweltstandards. Dazu gab es dann ein neues Siegel: „Fairtrade Cotton“. Wegen der hohen Komplexität gilt bei der weiteren Lieferkette von Kleidung mit diesem Siegel nur ein Mindestmaß an Sozialstandards. Löhne, die nicht zur Existenzsicherung reichen, sind auch hier nicht ausgeschlossen. Immerhin, ein Anfang war gemacht. Die Klamotten mit dem Siegel enthalten fair produzierte Baumwolle und die Produktionsverhältnisse sind besser als in vielen anderen Fällen. Mittlerweile gibt es im Rüsthaus einige T-Shirts aus fair gehandelter Baumwolle und seit 2011 trägt die Kluft der DPSG das Siegel für fair gehandelte Baumwolle.

Der Weg zum Fairtrade-Textilstandard

Doch die Situation ist unbefriedigend. Eigentlich wollen wir rundum faire Kleidung. Im Vorstand von TransFair haben wir uns deshalb für die Entwicklung eines umfassenden Textilstandards ausgesprochen und auch größere Summen Geld dafür investiert. Die Entwicklung eines internationalen Standards ist nicht gerade einfach. Nach ersten Pilotstudien gilt es die Produzenten einzubeziehen sowie die Fairtrade-Organisationen in den verschiedenen Ländern, mit Firmen zu sprechen, Marktforschung zu betreiben etc. Doch als wir die ersten Standard-Entwürfe gesehen hatten, war uns Vertretern der Jugendverbände klar, dass hier noch einiges nachgebessert werden muss. Existenzsichernde Löhne waren zwar genannt, waren aber unverbindlich formuliert. Unterauftragnehmer wurden teilweise gar nicht vom Standard erfasst und es war zu befürchten, dass auch Nicht-Fairtrade-Baumwolle ein umfassendes Fairtrade-Siegel bekommen kann.

Konkret etwas Verändern

Nach Studie der Textilstandardentwürfe, Rückkopplung mit den Arbeitskreisen in den Jugendverbänden und einigen Telefonkonferenzen hatten wir einen Plan: Im Vorstand von TransFair haben wir darauf hingewirkt, dass unsere Punkte mit viel Gewicht in den internationalen Prozess einfließen. Auch wir selbst haben unsere genannten Punkte sowie einige weitere in zwei offizielle Stakeholder-Konsultationsrunden eingebracht. In der Konsultation gibt es Feedback von den verschiedensten Akteuren: Nicht nur unsere Forderungen nach „Schärfung“ des Standards, sondern auch Meinungen aus der Industrie, das der vorliegende Entwurf weit von der Umsetzbarkeit entfernt sei. Die meisten unserer Punkte haben es in den finalen Entwurf geschafft und gestern wurde der Standard veröffentlicht. Dies zeigt, dass wir als Pfadfinder oder Jugendverbände durchaus etwas erreichen können, wenn wir uns politisch einmischen. Wir glauben, dass unser Einsatz hier konkret etwas für Kinderrechte und mehr Gerechtigkeit gebracht hat. Aber, die Veröffentlichung eines Standards allein hilft noch nicht viel. Jetzt müssen Firmen sich dazu entscheiden, ihre Lieferketten nach dem Standard auszurichten. Und das werden sie nur tun, wenn die Konsumenten faire Produkte nachfragen und letztendlich auch bereit sind, einen fairen Preis zu zahlen. In Zukunft fällt es leichter, fair produzierte Textilien am neuen Logo „Fairtrade Textile Production“ zu erkennen.

Und was kann ich tun?

Als Pfadfinder wollen wir uns natürlich nicht nur politisch einmischen, sondern vor allem selbst aktiv werden. „Als Pfadfinder sage ich, was ich denke, und tue, was ich sage“ heißt es im Pfadfindergesetz der DPSG. Gesagt haben wir jetzt einiges, nun ist es Zeit, dass wir alle handeln. Bei Kleidung können wir – solange es noch keine Produkte nach dem neuen Textilstandard zu kaufen gibt – derzeit auf das Siegel „Fairtrade Cotton“ setzen und Biobaumwolle kaufen, bei der schon einiges besser läuft als im konventionellen Bereich. Aber auch viele andere Produkte gibt es in „fair“: Kaffee, Tee, Schokolade, Bananen und Orangensaft sind nur ein paar Beispiele. Wenn uns der Einsatz für Kinderrechte und internationale Gerechtigkeit wichtig ist, ist es der einfachste Schritt, Produkte mit dem Fairtrade-Siegel zu kaufen. Die Standards dazu haben wir teilweise selbst mit beeinflusst. Doch als Pfadfinder haben wir auch einen Erziehungsauftrag: Viele Kinder und Jugendliche haben noch nichts vom Fairen Handel gehört und wir haben die Chance, ihnen unsere Ideale näher zu bringen. Dazu gibt es eine Reihe von Methoden, wie das spielerisch gelingen kann. Wenn ihr Fairen Handel als Stamm zum Thema macht, könnt ihr euch im Rahmen der Kampagne Fairtrade Scouts auch als Fairtrade-Stamm auszeichnen lassen. Alle Infos zur Kampagne und eine Sammlung von Methoden zum Loslegen findet ihr unter www.fairtrade-scouts.de.

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