An den Rändern Europas – Eindrücke aus Lesbos und Idomeni (Teil 2)

Erschienen am 1. Juli 2016 in Allgemeines

David Kronenthaler

David Kronenthaler

David Kronenthaler ist 22 Jahre alt, studiert in Tübingen Politikwissenschaft und Allgemeine Rhetorik und ist seit 14 Jahren Pfadfinder. In den Semesterferien dieses Wintersemesters hat er für fünf Wochen auf der Insel Lesbos in der Flüchtlingshilfe gearbeitet.

 

Fortsetzung des Artikels „An den Rändern Europas – Eindrücke aus Lesbos und Idomeni (Teil 1)“

Drei Tage später: Ich stehe eingezwängt zwischen zwei Vans an einer staubigen Kleinstraße nahe Idomeni und verteile Essenspakete. Gestern Nacht bin ich mit drei Freunden dort angekommen. Relativ kurzfristig hatte ich mich zusammen mit ihnen, die mit mir in der Nachtschicht bei BDFM gearbeitet hatten, für meine letzten zehn Tage doch noch nach Idomeni zu fahren. Mich plagte ein schlechtes Gewissen: Bei BDFM hätten sie mich brauchen können. Aber weiterhin nachts nur Wache zu schieben, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich wollte meine letzten Tage noch etwas aktives machen. Im Nachhinein bin ich froh, diese Entscheidung getroffen zu haben.

Chaos, Lächeln, Menschlichkeit

In Idomeni fand ich eine gänzlich andere Situation vor. Nahe der mazedonischen Grenze campieren dort über 10.000 Menschen. Es ist ein wildes Lager, d.h. nicht von den Behörden genehmigt. Obwohl dort viele Hilfsorganisationen vor Ort sind, gibt es keine zentrale Struktur. Bei den Freiwilligen ist die Situation ähnlich. Aus der ganzen Welt reisen tagtäglich motivierte Helferinnen und Helfer an. Manche haben selbst Spenden, wie Kleidung oder Spielzeug, mitgebracht und verteilen dieses auf eigene Faust. Um in der ohnehin schon chaotischen Situation den Überblick zu behalten, bemühen sich einige Freiwillige, die für längere Zeit vor Ort sind, Koordinationsstrukturen aufzubauen und neue Freiwillige in bestehende Projekte zu integrieren. Diese sind in verschiedene Aufgabenbereiche unterteilt. Einige von ihnen bereiten Essen zu und verteilen es. Andere sammeln, sortieren und verteilen Kleiderspenden. Handwerklich begabte können bei Reparatur- und Infrastrukturarbeiten mithelfen. Eines eint alle Projekte jedoch: Man arbeitet mit einem Lächeln und bringt so viel Menschlichkeit wie nur möglich mit.

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

(Foto: Hans Hermann Erhardt )

Essensausgabe – eine Herausforderng

Ich selbst habe in den zehn Tagen, die ich in Idomeni verbracht habe, bei einem Essensprojekt, dem Hummus Rights Project, mitgearbeitet. Wir haben jeden Tag Essenspakete an ca. 2000 Menschen verteilt und dann für den nächsten Tag vorbereitet. Um zehn Uhr morgens begann die Essensverteilung in einem Außenbezirk des Lagers. Mit zwei beladenen Vans fuhren wir dorthin und errichteten eine provisorische Verteilungsstation zwischen den zwei gegenüber geparkten Autos. Die Menschen, die bereits auf die Essensausgabe warteten, mussten in ordentliche Reihen organisiert werden. Was gar nicht so einfach ist. Versucht mal einer Frau mit drei kleinen Kindern, die seit einer halben Stunde wartet, mit ein paar Brocken Arabisch und viel Gebärdensprache zu vermitteln, dass es für sie und alle anderen am besten ist, nach hinten zu gehen und sich in der Schlange anzustellen. Hier war Fingerspitzengefühl gefragt. Die Spannung im Lager war zu dieser Zeit sehr hoch und es genügten Kleinigkeiten, wie Streitereien über Plätze in der Schlange, um die Situation eskalieren zu lassen. Fast täglich gab es Handgemenge und Schlägereien. Zweimal habe ich eine Messerstecherei erlebt. Es war unser Glück, dass es bei den Flüchtlingen eine Gruppe von ca. zwanzig Männern gab, die uns jeden Tag half die Schlangen zu organisieren. Ohne ihre Arbeit wäre das Projekt wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt gewesen.

Meist war das Essen nach zwei bis drei Stunden verteilt und danach merkte man erst, wie anstrengend die Arbeit gewesen war. Da kam ein Mittagsschläfchen recht. Gewohnt habe ich nicht im Lager selbst, sondern bei einer ca. zwanzig Kilometer entfernten Autobahnraststätte, die die Basis für viele Freiwillige darstellte. Nachmittags ging es in einen nahegelegenen Ort, in dem das Projekt ein altes Café gemietet hatte, um das Essen vorzubereiten. In eine Tüte kamen ein Wrap, der mit Hummus bestrichen wurde und Gurken sowie Kartoffeln enthielt. Außerdem ein Apfel, eine Orange, ein gekochtes Ei und eine kleine Flasche Wasser. Drinnen wurden in fabrikartiger Manier Produktionsketten für die Wraps gebildet. Draußen wurde alles in die Tüten verpackt, dann in Kisten, und schließlich wurde der Van beladen. Nach getaner Arbeit war meist ein kühles Bier zur Hand und man verbrachte noch einige gemeinsame Stunden, in denen Geschichten ausgetauscht, Umarmungen und Ermutigungen verteilt wurden und auch viel gelacht und getanzt wurde.

In was für einem Europa wollen wir zukünftig leben?

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann habe ich sie als eine durchwegs positive und konstruktive in Erinnerung. Gut, es gab Tage, an denen man das Gefühl hatte, dass die ganze Situation doch scheiße sei und alles sowieso keinen Sinn habe. Man trauerte mit einzelnen Personen. Aber ich empfand es nie so, dass ich „am Leid der Welt zugrunde ging“. Überall habe ich faszinierende und liebenswürdige Menschen getroffen, die (auf Seiten der Flüchtlinge) lange, anstrengende und gefährliche Reisen, für ein besseres Leben für sich und ihre Familien, auf sich nahmen, und (auf Seiten der Freiwilligen) Zeit, Geld und unheimlich viel Nerven investierten, um einem kleinen Teil der Neuankömmlinge die freundliche, menschliche Seite Europas zu zeigen. In was für einem Europa wollen wir zukünftig leben? Eines, in dem erschöpfte und traumatisierte Menschen aus Booten steigen und das erste, was sie sehen NATO-Draht und Mauern sind? Eines, in dem Menschen, wie verdorbene Waren von einem Ort zum anderen geschoben werden? Oder in einem Europa, dass Verantwortung in der Einen Welt übernimmt, dass sich in seinen Werten stark fühlt und diesen Menschen sagt: Ihr seid willkommen. Es gibt hier einen Platz für euch, wo eure Würde und Individualität geschätzt und gebraucht werden.

Teil eins lest ihr hier.

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2 Responses

  1. An den Rändern Europas – Eindrücke aus Lesbos und Idomeni (Teil 1) « blog.dpsg.de

    1. Juli 2016: […] Was David in Idomeni erlebt hat, erfahrt ihr morgen im zweiten Teil des Artikels. […]

     
  2. Simeon Harjung

    Simeon Harjung

    1. Juli 2016: Lieber David, danke für deinen Bericht! Ich habe beide Teile mit großen Interesse gelesen und war gefesselt von deinen Erzählungen. Bisher konnte ich mir nur im groben Vorstellen, was da in Griechenland und sonst wo abgegangen ist. Aber das zeigt einfach mal wieder wie du es auch gesagt hast wie unterschiedlich Politik und die Realität vor Ort sein kann. Danke für dein Engagement! Gut Pfad Simeon