Kinder begeistern

Erschienen am 14. Dezember 2016 in Allgemeines

Philomena Petzenhammer

Philomena Petzenhammer

Philomena Petzenhammer aus München ist 24 Jahre alt und verbringt als Freiwillige der DPSG und Adveniat ein spannendes Jahr in Paraguay.

 

Geige unterrichten und Müll sammeln

Zuerst sei erwähnt, dass ich diesen Text schreibe, während das ganze Büro mal wieder einem Stromausfall ausgeliefert ist. Das bedeutet, keine Möglichkeit zu arbeiten, keine Klimaanlage, kein Ventilator, aber dafür Terere (ein Getränk) und viel Geduld. Das ist das dritte Mal, dass ich das hier erlebe.

Gut sechs Wochen bin ich nun in Paraguay. In dem Land, über das fast keiner etwas weiß, das aber unglaublich lebendig und farbenfroh ist.

Ankommen

philo_5Erstaunlich schnell habe ich mich hier „heimisch“ gefühlt. Ich hatte mit einem viel schwereren Start gerechnet, aber nach dem ersten Schock und den ersten Tränen bin ich gut angekommen. Die Menschen hier machen es einem durch ihre Herzlichkeit und Offenheit leicht, sich geborgen zu fühlen. Und es gibt so viel Neues zu entdecken. Die ganzen neuen Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, Menschen, Namen und Gegebenheiten wollen erst mal verarbeitet werden. Da bleibt im Moment gar nicht so viel Platz für Heimweh.

Ich arbeite bei „sonidos del a tierra“. Das ist ein Projekt, das in ganz Paraguay Musikunterricht anbietet. Dabei geht es nicht nur um das Musizieren an sich, sondern auch darum, christliche Werte wie Respekt, Gemeinschaft oder auch Ehrgeiz zu vermitteln und den Kindern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.

Es ist relativ schwer, meinen Alltag zu beschreiben, da ich an unterschiedlichen Einsatzstellen bin.

Zwei Tage in der Woche helfe ich im Hauptbüro von „sonidos“ in der Verwaltung mit, zum Beispiel bei der Digitalisierung von Unterlagen. An den anderen Tagen bin ich an unterschiedlichen Schulen im Einsatz, um Geige zu unterrichten.

Plötzlich Lehrerin

Der anstrengendste, aber auch der schönste Tag ist Samstag.philo_8

Um acht Uhr beginnt der Unterricht in „26de febrero“, der Schule, in der meine Gastmutter Direktorin ist und meine elfjährige Schwester den Unterricht besucht. Dort spiele ich mit drei zehnjährigen Mädchen Geige.

In der ersten Unterrichtsstunde habe ich darauf gewartet, dass der Lehrer kommt. Ich dachte, ich schau bestimmt erst mal nur zu. Ich habe mich zwar gewundert, dass niemand kam, aber Warten ist hier in Paraguay nicht ganz ungewöhnlich. Irgendwann haben mich dann die Kinder mit „Profesora“ angesprochen. Da wurde mir dann klar, dass ICH selbst direkt die Lehrerin bin.

Das Unterrichten klappt erstaunlich gut, trotz Sprachbarriere. Das letzte Mal habe ich zum Beispiel Noten auf DIN A4-Blätter aufgezeichnet. Die Kinder durften sie abwechselnd anordnen und sollten sie dann nachspielen, damit sie Noten lesen lernen. Das geht tatsächlich auch ohne Spanisch. philo_1Aber im Allgemeinen stellt die Sprache das größte Hindernis für mich da.

Ich erwische mich dabei, wie ich manchmal zu ungeduldig und wohl auch zu streng zu den Kindern bin, da diese oft nicht besonders respektvoll sind. Ich habe mir angewöhnt, mich nach dem Unterricht jedes Mal selbst zu fragen: „Hatten die Mädels heute Spaß?“ Ich bin gerade dabei, das richtige Maß auszuloten. Es geht durchaus auch darum, Werte wie Disziplin oder Respekt zu vermitteln.

Musik begeistert

Eigentlich geht der Unterricht bis elf Uhr, aber meistens machen wir etwas früher Schluss. Die Kinder haben einfach keine Konzentration mehr. Dann geht’s auch schon weiter für mich zur nächsten Einsatzstelle nach Tacumbu. Die liegt blöderweise am komplett anderen Ende der Stadt, was gute zwei Stunden Busfahrt in drei unterschiedlichen Bussen bedeutet. Das ist aber nicht so schlimm, weil die Kinder dort so motiviert sind, dass ich das gerne auf mich nehme.

Tacumbu ist ein sehr armer Ortsteil von Asuncion. Dort liegt zum Beispiel extrem viel Müll, weil die Müllabfuhr nicht fährt. Die Kinder dort sind total lieb und begrüßen mich immer sehr herzlich. Man merkt, dass sie richtig Spaß daran haben, etwas zu tun zu bekommen.

Viele Mädchen und Jungen schauen immer durch die Fenster dem Unterricht zu. Letzte Woche habe ich gezählt – es waren zwölf. Oder sie stehen in der Tür, weil sie auch ein Instrument lernen wollen. Ab nächstem Jahr werden wieder Kinder aufgenommen. Ich bin schon gespannt, denn gerade bei den Anfängen zu begleiten und mit ihnen die Liebe zur Musik zu entdecken, macht mir wahnsinnig viel Spaß.

Sonntags gehe ich manchmal zu den Pfadfindern. Zugegebenermaßen nicht jeden Sonntag, da ich dann endlich einmal ausschlafen kann. Aber ich schaue immer gerne vorbei. Die Gruppenstunden dort sind anders als bei uns in Deutschland. Die Kinder treffen sich von acht bis zwölf Uhr und es gibt viele Rituale. Die Kluft ist immer dabei!

Umweltbewusstsein schaffen

philo_9Letzten Sonntag habe ich eine Müllsammel-Aktion mit den Kindern gestartet. Der Pausenhof der Schule, auf dem wir uns treffen, ist leider immer sehr zugemüllt. Meine Befürchtung, die Kinder hätten keine Lust Müll zu sammeln, wurde sofort zerstreut – alle waren richtig begeistert. Vor allem wegen der Trinkflaschen, die ich zur Belohnung für die fleißigsten Sammelnden gekauft habe. Trinkflaschen deshalb, weil meistens aus Einmalplastikbechern getrunken wird, die dann wiederum auf dem Boden landen.

Wir haben richtig viel Müll gesammelt. Und dennoch liegt dort immer noch so viel herum, dass man die Aktion noch zwei oder drei Mal machen könnte.

Etwas frustrierend, aber wenn in der nächsten Pause schon ein oder zwei Milchkartons mehr im Mülleimer landen, weil das Bewusstsein der Kinder dafür geschärft wird, ist ja auch schon ein bisschen was erreicht.

Ich freue mich auf die nächsten Monate, auf die vielen kleinen Momente die einen Freiwilligendienst ausmachen. Zum Beispiel haben gestern zwei Kinder ihren Ball aus Versehen über den Zaun geworfen und er ist vor meinen Füßen gelandet. Mit ehrfürchtigem Blick haben sie mich angeschaut. Ich habe gelacht und den Ball über den Zaun zurück geworfen. Sie haben dann auch gelacht und sich überschwänglich bedankt. DAS sind die kleinen Momente, die den Freiwilligendienst ausmachen. Ich freue mich auf spannende Begegnungen, den Austausch miteinander, auf das voneinander Lernen und darauf, noch tiefer in diese lebendige Kultur einzutauchen.

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