„Wie in einer kleinen Schneekugel“

Erschienen am 24. März 2017 in Abenteuer Pfadfinden

Kathalena Essers

Kathalena Essers

Kathalena Essers ist 25 Jahre alt und kommt aus dem Stamm Goten, in Unna. 2013 war sie als "short term staff" (eine Saison) in Kandersteg.

 

Kathalena war 2013 in Kandersteg und berichtet im Interview mit Maja Pollmann über ihre Erfahrungen.

Kathalena, beschreibe uns bitte deine Einsatzstelle.

Das Kandersteg International Scout Centre (KISC) ist das älteste und gleichzeitig eines der größten Zentren für Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf der Welt. Es wurde 1923 von Baden Powell selbst gegründet und es kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Aus dem anfänglich einen Haus (Chalet), das ursprünglich für die Arbeiter am Lötschenpass-Tunnel gebaut wurde und einem Zeltplatzgelände, sind heute das Chalet mit Anbau, zwei Gruppenhäuser, ein Haus mit kleineren Zimmern, einer Aufenthaltshalle und zwei Zeltplatzteile geworden.

Hier arbeiten das ganze Jahr zwischen 20 und 70 Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus aller Welt daran, dass alle Gäste eine tolle Zeit bei Schnee, Sonne, Regen, Sommer, Winter, Herbst oder Frühling haben.

Arbeitsplätze gibt es drinnen und draußen, in der Küche oder im Büro, mit viel und wenig Kontakt zu den Gästen. Aber immer mit viel Spaß und dem Gefühl, 24 Stunden Pfadfinderin oder Pfadfinder sein zu können. Dabei tragen die „Pinkies“ (wie die Staffs im KISC genannt werden) immer passende pinke T-Shirts oder Pullover und ihr Halstuch.

Das kleine Dorf Kandersteg mit ca. 1700 Einwohnerinnen und Einwohner liegt etwa 50 Kilometer südlich von Bern auf 1300 Metern Höhe, umgeben von Gletschern, Bergen, einem Bergsee und vielen Almen. Mitten durch den Ort fließt der reißende, schnelle Fluss – die Kander.

 

Wie sieht die Arbeit im KISC aus? Was waren deine Aufgaben?

Die Arbeit im KISC ist immer abwechslungsreich und vor allem von der großen Verbundenheit aller Pinkies zueinander geprägt. Ein Spruch, der wohl am besten dazu passt und den jede und jeder kennt, der schonmal diese schöne Erfahrung machen durfte:

„I came here to KISC to meet a lot of strangers. Three months later I left with a whole bunch of new friends and family.“

Jeden Morgen treffen sich die Pinkies, egal wo sie arbeiten, um 8 Uhr pünktlich zum „thought of the day“ und stimmen sich so auf den Arbeitstag ein. Dann geht es zu den jeweiligen Jobs. Arbeitet man als „short term staff“ (also für drei Monate, quasi eine Saison), gibt es jeden Tage andere Bereiche zu entdecken. Küche, Zeltplatz, Waschmaschinen, Klos und Duschen putzen, im Büro helfen, mit Gästen coole Aktivitäten unternehmen – das Angebot ist unendlich.
Ich habe im Sommer von Juni bis September im KISC gearbeitet. Zu dieser Zeit gibt es viel mehr Pinkies und auch „short term staffs“ als sonst im Jahr. Jede und jeder hatte einen abgegrenzten Arbeitsbereich. Ich war im Chalet Services Team und habe vor allem in der Küche und bei unterschiedlichen Aufgaben im Haus geholfen: Wäsche waschen, Klos und Duschen putzen, Betten machen … – Das hört sich vielleicht öde an, aber ich war dabei immer von vielen tollen Menschen umgeben, die sangen, tanzten und hatten stets ein Lächeln auf den Lippen. Egal ob Sonne, Regen, kalt oder warm. Die anderen „shorties“ haben entweder im Programm (wandern, klettern, Teambuildingaktivitäten) oder auf dem Zeltplatz gearbeitet. Alle Pinkies leiteten pro Woche eine Abendaktivität, wie das Internationale Campfire oder das „Race the world“ an, an dem alle Gäste teilnehmen konnten.

 

Wie siehst du Europa nach deinem Aufenthalt? Hat sich dein Blick geändert?

Ich habe in meiner Zeit in Kandersteg viele unterschiedliche Menschen aus der ganzen Welt getroffen. Eins hat sich an meinem Blick auf Europa verändert: Ich schätze es jetzt noch mehr, dass ich innerhalb des Kontinents fast überall hinreisen kann, ohne ein Visum zu haben. Wann immer ich Lust habe, kann ich zurück ins KISC oder auch zu Freundinnen und Freunden überall in Europa reisen und habe dabei keine Probleme. Viele meiner Freundinnen und Freunde, die nicht aus Europa kommen, haben diese Möglichkeit nicht.

Ich habe aber auch viele Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Staaten in Europa kennengelernt: zum Beispiel habe ich mit Freundinnen und Freunden aus Spanien gesprochen, die dort keine Möglichkeiten hatten, einen Job zu finden – trotz ihrer guten Ausbildung. So sind mir vor allem auch Probleme wie Armut und Jugendarbeitslosigkeit in Europa bewusst geworden.

Darüber hinaus habe ich Menschen kennengelernt, die nicht aus Europa kommen und die hoffen, hier eine sorgenfreie Welt zu finden. Diese Hoffnung spiegelt das KISC selbst wieder, denn dort ist es quasi wie in einer kleinen Schneekugel. Viele Probleme, die in Europa aktuell herrschen sind dort glücklicherweise, durch den Bezug zur Pfadfinderbewegung nicht zu spüren.

Aber Rassismus, Nationalismus und andere Formen von Diskriminierung bleiben für mich immer noch Probleme, die in Europa zu bekämpfen sind! Wir brauchen mehr Orte wie das KISC!

Doch alles in allem habe ich besonders meine Privilegien als europäische Bürgerin einmal mehr vor Augen geführt bekommen.

 

In wie fern hat der Aufenthalt dich selbst und/oder deine Pfadfinder-Arbeit in Deutschland beeinflusst?

Ich habe nach meinem Aufenthalt angefangen, mehr internationale Arbeit im Verband zu machen und bemerkt wie wichtig es ist, mehr Pfadfinderinnen und Pfadfinder in Deutschland von den Möglichkeiten der weltweiten Bewegung zu erzählen. In diesem Kontext habe ich auch angefangen, eine Satellitengruppe des Internationalen Arbeitskreises mit aufzubauen, die ein Ausbildungskonzept entwickelt, dass Leiterinnen und Leiter darauf vorbereitet, Internationale Begegnungen zu organisieren und unterschiedliche Aspekte daran kennenzulernen.

Mein Aufenthalt im KISC hat mir die Augen geöffnet für viele Unterschiede, die es zwischen Menschen geben kann und auch, dass daraus Konflikte entstehen können. Solange wir die Augen vor diesen Konfliktpotentialen nicht verschließen und bereit sind, offen für andere Menschen zu sein, egal woher sie kommen, können wir diese Konflikte immer lösen.

Meine Motivation, politische Bildung zu meinem Beruf zu machen, hat sich seit meinem Aufenthalt nur noch vergrößert. Ich will versuchen dafür zu sorgen, dass Menschen lernen warum es wichtig ist offen zu sein.

 

Was war ein besonders schöner Moment für dich?

Der 1. August 2013 (Schweizer Nationalfeiertag, Weltpfadfindertag, 90. Jubiläum vom KISC) und das Frühstück mit 1600 Pfadfinderinnen und Pfadfinder am Oeschinensee bei Sonnenaufgang.

 

 

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