Mehr Mut zur Gelassenheit

Erschienen am 20. April 2017 in Abenteuer Pfadfinden

Nell Richter

Nell Richter

Nell Richter aus Essen ist 18 Jahre alt und verbringt als weltwärts-Freiwillige von DPSG und Adveniat ein spannendes Jahr in Ecuador. Dort arbeitet sie im Projekt "Hogar de Cristo" in Guayaquil.

 

„Día de la mujer“ (Tag der Frau)
– Ein passendes Paradigma für mein Empfinden der guayaquilenischen Kultur

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Deshalb sitze ich hier mit meiner Arbeitskollegin Irma, zwölf Frauen, zwei Männern und zahlreichen Kindern zusammen im Viertel „Voluntad de Dios“ in unserer kleinen „comunidad Vida Nueva“ und genieße in vollen Zügen die ausgelassene Stimmung und all die Beachtung, die uns Frauen besonders an diesem Tag geschenkt wird. Dass sich dieses Grüppchen so zusammenfindet war allerdings keineswegs selbstverständlich…

Von der Odyssee, ein gemeinsames Treffen zu veranstalten

Dass bald der Internationale Frauentag ansteht, hatte ich -angesichts dessen wie die Zeit verfliegt- ehrlich gesagt gar nicht auf dem Schirm. Am 7. März erwartete mich ein alltäglicher Dienstag, das heißt direkt nach dem Mittagessen auf zur Pastoral Social, in der ich den Großteil der Woche arbeite. Unsere compañera Irma erwartete Kathrin (meine Mitfreiwillige) und mich mit der Nachricht, dass wir bitte ganz dringend einen kleinen Steckbriefzettel am Computer designen sollten. Den Text würde sie uns vorschreiben. Also gestalteten wir in Windeseile ein Informationsblättchen zu einer Veranstaltung des am nächsten Tags stattfindenden Frauentags.

Trotz unserer Bemühungen braucht so ein Layout doch eine gewisse Zeit. Als wir zufrieden fertig waren, unterbreitete Irma, dass wir sogleich 40 Kopien anfertigen und sie in der comunidad, in der wir gerade tätig sind, verteilen sollten. Ich konnte es mal wieder nicht fassen: diese Organisation und Planung! Bereits Tage im Voraus hätte man den Zettel unter die Leute bringen sollen und noch davor hätte man uns damit beauftragen können, ihn anzufertigen. Nun wurden wieder mehrere Schritte in einen Nachmittag geschoben und für mein Verständnis viel zu kurzfristig versucht, etwas auf die Beine zu stellen. Ganz unproblematisch hätte ich bereits am Tag zuvor zumindest die Einladung und Vervielfachung erledigen können.

Flexibel und spontan wie Kathrin und ich geworden sind, flitzten wir zum Kopierhäuschen und setzen uns in den Bus zur comunidad, wo wir uns schnell aufteilten und von Haus zu Haus gingen, um die Frauen zu informieren. Leider bestätigt sich was ich befürchtet hatte: Die Veranstaltung fand in der Innenstadt statt und viele Frauen merkten an, dass es für sie wahrscheinlich nicht möglich sein würde, soweit ans andere Ende Guayaquils zu fahren. Gerade in der Regenzeit ist die Fortbewegung schwierig. Viele kennen die Busverbindungen nicht oder haben niemanden, der auf die Kinder aufpasst.

Ein Tag später … ¡Viva la mujer!

Was für ein schönes Gefühl: von allen Seiten wird man beglückwünscht und herzlichst umarmt. Von Irma kommen leider nicht ganz so erfreuliche Nachrichten. Sie ist morgens in der Innenstadt bei dem Marsch und der Kundgebung gewesen und nur auf eine Frau aus unserer neuen comunidad Vida Nueva gestoßen. Zu schade! Aber ein Lichtblick: Zumindest sind mittwochnachmittags unsere wöchentlichen Zirkel im Viertel, somit heute. Wenn die Frauen also nicht kommen können, kommen wir doch zu ihnen.

Aber was passiert? Irmas Veranstaltung zieht sich in die Länge und ich warte ungeduldig im Pastoralbüro auf ihre Ankunft. Eigentlich müssten wir schon längst unterwegs sein, aber es tut sich nichts. Die Zeit verstreicht. Als Irma endlich erscheint ist es bereits sehr spät – wir wären erst eine Stunde nach dem normalen Beginn vor Ort. Ich dachte, damit wäre das Treffen erledigt und bin etwas verärgert. Aber Irma denkt gar nicht dran. Natürlich machen wir uns auf den Weg. Ich bin perplex. Wir haben nichts vorbereitet. „Wir können zu diesem besonderen Anlass doch nicht mit leeren Händen kommen“, sage ich. Schnell sause ich noch hoch in die Buchhaltung und hole etwas Geld. Jetzt aber zackig! Eigentlich laufen wir und nehmen nur einen Bus – heute gönnen wir uns zwei Busse.

Wir gehen zu der Frau, die normalerweise den Schlüssel für unseren Treffpunkt -eine kleine Kapelle- hat. Wie sollte es anders sein an diesem chaotischen Tag? Sie ist nicht zu Hause. Aber anstatt die Beine in die Hand zu nehmen und zur angewiesenen Person zu laufen, wird erstmal ein Pläuschchen mit der anwesenden Tochter gehalten. Und während ich Hummeln im Po habe, unterhält sich Irma seelenruhig mit ihr über ihre Mutter und Gott und die Welt, bevor wir endlich den Weg zu der Frau fortsetzen, die einen Zweitschlüssel hat. Ich stehe kurz vor einer Krise! Das kann doch nicht wahr sein!

Die Uhr tickt

Es wird immer später, der Snack ist noch nicht besorgt und Irma ist tiefenentspannt. Wenigstens ist diesmal jemand zu Hause. Doña Vincenta öffnet uns die Tür. Auch hier muss erst Platz genommen, die neusten Neuigkeiten ausgetauscht werden, anstatt nur einfach die Schlüssel abzuholen. Bestimmt wartet schon niemand mehr vor der Kapelle. Nachdem wir schließlich auch noch die Getränke und ein paar Teilchen aus der Bäckerei besorgt haben und irgendwann beim Treffpunkt ankommen, ist tatsächlich NIEMAND da. So stehen Irma und ich mit unserer Überraschung da, ohne eine Menschenseele. Während ich versuche, eine gewisse Entspanntheit zu bewahren, sagt Irma ganz diplomatisch, dass ich schon mal den Stuhlkreis vorbereiten soll, während sie eben an alle Häuser klopfen wird. „Dios mio“, denke ich mir: Wir haben doch noch nicht mal Besteck oder Geschirr. Als ob ich erhört wurde, stehen in der Kapelle Becher, ein Messer, eine Schale und Servietten bereit – wahrscheinlich von der letzten Feierlichkeit. Kaum habe ich alles hergerichtet, trudeln schon die ersten Menschen ein. Anfangs erst zwei, drei, bis wir immer mehr werden und mehr Stühle herbeitragen müssen. Am Ende sind wir eine Gruppe von 16 Erwachsenen und fast doppelt so vielen Kindern. Irma bringt ein paar Worte an und gemeinsam wird geredet, gelacht, getrunken, gegessen und genossen.

Zu meiner Überraschung  waren in Irmas großem Rucksack noch einige Flyer und Sticker zu „Hogar de Cristo“ und dem vergangenem „Día de la mujer“ gelandet, die wir austeilen können. Gar nicht so unvorbereitet – die Señora. Schließlich zaubert sie sogar noch kleine gebastelte Herzen mit Sprüchen hervor, die wohl noch von Valentinstag übrig geblieben waren (aber darauf lässt nichts schließen ;)). Alle Frauen freuen sich riesig und ich bin ganz baff. Was für ein schöner gemeinsamer Nachmittag. Dass es schon recht spät ist und die Arbeitszeit vorbei, lässt sich gut ausblenden. Wer schaut schon auf den Minutenzeiger, wenn die Stimmung so gut ist?! Auch für Irma scheint es selbstverständlich zu sein, dass die Truppe das Ende beschließt und nicht wir den Schlussstrich setzen. So hat sich unser Kommen doch richtig gelohnt und alles hat sich am Ende als ganz einfach erwiesen.

Was nehme ich von dem Tag und Erlebnis mit?

Manchmal bewahrt ein bisschen mehr Mut zur Gelassenheit vor viel unnötiger negativer Energie. Mit etwas gutem Willen, Vertrauen in die Menschen und in das Vorhaben lässt sich viel Gutes gestalten. Im Endeffekt führen viele Wege zu einem Event.

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