Tag 2: Ananaslimo meets Leichenhalle

Erschienen am 12. April 2017 in Abenteuer Pfadfinden

Blog-Team

Blog-Team

Das Blog-Team kümmert sich administrativ um den Blog und ist werktags von 9 bis 16 Uhr für euch da. In dieser Zeit werden Kommentare freigeschaltet und moderiert.

 

Derselbige Hahn, der mir gestern schon Anerkennung abverlangt hat, weckt uns pünktlich auf. Um vier. Naja. Um acht gibt’s dann Frühstück und danach geht es auch schon los. Bewaffnet mit Wasserflaschen, Sonnencreme und Fotoapparat zieht die deutsche Delegation von dannen, um die nähere Umgebung zu entdecken. Irgendwie werden wir relativ schnell als Ausländer entlarvt – warum auch immer… Könnte die Fußbekleidung sein, sonst sind wir ja äußerlich nicht zu unterscheiden von unseren Gastgebern. Und dann biegen wir um die Ecke und sind sofort mittendrin im afrikanischen Markttreiben. Und in der Explosion der Sinneseindrücke. Es riecht nach Fisch, Früchten, Schweiß, Sonnencreme (ok, die deutschen), Müll, Diesel, Plastik und Tier. Man sieht Autos, Motorräder, Fußgänger, Bettler, Marktstände, Plastikplanen, Müll. Man hört Hupen, Marktschreier, Autos, Pferdekarren, viel Wolof, die Sprache des Senegals, viel Französisch,  ein bisschen Deutsch (ok, wieder wir) und Trommeln. Man spürt viel. In der Realität angewendet, klingt das ungefähr so: Das überforderte deutsche Team läuft die Straße entlang, während ein Auto uns von hinten anstupst, das Pferd blinkt und hupt, um abzubiegen, das Team einem Schlagloch ausweicht, nur um mit einem wiehernden Motorrad zusammen zu stoßen und der Bettler mit röhrendem Motor und schleifendem Auspuff von dannen zieht. Über allem stelle man sich Bussarde, Habichte, Falken und anderes Gevögel vor, die kopfschüttelnd über der Marktszene ihre Kreise ziehen und lauthals ihre Waren auf Wolof anpreisen. Wie gesagt, Überforderung.

Auf dem Rückweg treffen wir Emilie und Pascal, zwei unserer senegalesischen Gastgeber, die mit uns ins Caritasbüro gehen und uns vorstellen, quasi Antrittsbesuch der deutschen Delegation. Danach machen wir uns auf den Weg zum Künstlermarkt, wo wir jedoch nie ankommen sollten. Nach einem kurzen Besuch bei einem katholischen Künstler laufen wir zum Klinikum St. Jean de Dieu, wo eigentlich auch nur ein kurzer Besuch geplant ist, der jedoch in einer zweistündigen Führung resultiert. Nichts wird ausgelassen, Beginn in der Notaufnahme, über Ultraschall und Röntgen, durch Apotheke und Lager, an der Physiotherapie vorbei, durch die Wöchnerinnenstation, kurzer Besuch in der Neugeborenenstation und Besuch in der Intensivstation. Den Besuch in der Leichenhalle können wir dann nach größerer Diskussion doch vermeiden und damit ist die Überschrift des Artikels hier einfach nur reißerisch und unangebracht, klang aber fancy. Auffällig hier: als Deutsche oder auch Weiße genießen wir große Privilegien, bekommen alles gezeigt, Patientendaten und -geschichten genauestens erklärt, Decken werden für uns ungefragt angehoben und Wundverschlusstechniken erklärt. Für einige bleibt ein schlechtes Gefühl, als „weiße Touristengaffer“ durchs Krankenhaus zu flanieren und uns „am Leid der Schwarzen zu ergötzen“. Für mich als Rettungssanitäter bleibt vor allem die Verwunderung über die relativ hohen Hygienestandards, ein bisschen gedämpft durch im Wind wehende Lochtücher für Operationen. Für alle ist es jedoch ein sehr intensives Erlebnis, in beiderlei Hinsicht, sowohl positiv als auch negativ.

Mit dem Taxi, gesplitterte Scheibe und erstaunlich langer Federweg der Stoßdämpfer inklusive, hoppeln wir dann wieder zu unserer Maison, wo uns das Mittagessen nach einer kurzen Pause winkt. Das heißt, es sollte winken, einerseits ist es hoffentlich tot und andererseits dauert es noch eine Stunde, bis es auf dem Tisch erscheint. Ein ganzes Huhn thront auf einem Reisbett mit Zwiebeln, Gurken, Silberzwiebeln, Oliven und anderen guten Dingen. Gegessen wird von einer Platte, um die man sich im Kreis setzt. Insgesamt fünf Hühner müssen für uns und unsere Gastgeber Federn und -noch viel schlimmer für sie – ihr Leben lassen. Dazu gereicht wird Ananaslimo. Kombiniert man die schlimmsten Kaugummisorten und fügt Wasser hinzu, bekommt man Ananaslimo. Schmeckt interessant und manchen eigentlich ganz gut. Nachmittags ist dann Zeit zur freien Verfügung, die mit lustigen Runden unter schattigen Bäumem, Spielen, Duschen und Texte-für-große-deutsche-Pfadfinderverbandsseiten-Schreiben verbracht wird. Den Abend verbringen wir dann mit unseren Freunden und Trommeln und Gesang. Am nächsten Morgen werden wir nach N´Gollar fahren, um dort mit unserem Workcamp zu beginnen. Da es außer Sand dort anscheinend nur wenig gibt, folgen die Artikel über die nächsten Tage nach unserer Rückkunft in Thiès. Ich dreh mich jetzt um und lausche dem Duett von Hahn und Lastwagenhupen, nur unterbrochen durch kurze Intermezzi des Muezzins.

Lukas Holzwarth

für das Senegal-Team

 

Tag 1, 2, 3, 4 5/6, 7/8/9, 10 , 11, 12
Exkurs

Impressionen:

Kommentar hinterlassen:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 Responses

  1. Tag 3: Gummibären, hüpfen hier und da und im Senegal « blog.dpsg.de

    21. April 2017: […] Was die Gruppe sonst noch erlebt hat, lest ihr hier: Tag 1 und Tag 2. […]

     
  2. Tag 4: Tabu oder Fahne weeeht, grün und gelb « blog.dpsg.de

    21. April 2017: […] 1, Tag 2 und Tag […]

     
  3. Magdalena Liszkay

    24. April 2017: Mit Überraschung meinte ich schon nach paar geistreichen und humorvollen Sätzen den Berichterstatter zu erkennen.Weiterhin viel Spaß! Bitte verflucht die Vorfahren bei der nächsten Augenspühlung nur milde:-) L.G.

     
  4. Tag 12: Nashorn voraus! Achtung Welle! Das Grab der Geschichtenerzähler: Poponguine « blog.dpsg.de

    17. Mai 2017: […] zuvor geschah: Tag 1, 2, 3, 4,  5/6, 7/8/9, 10 , 11 […]

     
  5. Tag 11: Die Weiterfahrt, das ist stark zu vermuten, verzögert sich voraussichtlich um fünf bis zehn Minuten « blog.dpsg.de

    17. Mai 2017: […] Holzwarth für das Senegal-Team Tag 1, 2, 3, 4,  5/6, 7/8/9, 10 , 11, 12 […]