Für ein Jahr blond und Millionärin sein

Erschienen am 1. August 2017 in Abenteuer Pfadfinden

Lisa Berndorfer

Lisa Berndorfer

Lisa Berndorfer ist 18 Jahre alt und verbringt als Freiwillige der DPSG und Adveniat ein spannendes Jahr in Paraguay.

 

„Alles ist relativ“, das sagte schon Albert Einstein. Auch hier in Paraguay darf ich das an vielen Punkten erleben. Bei meiner Ankunft vor über elf Monaten hatte ich nicht nur jede Menge Kleidung, Gastgeschenke und Erinnerungsstücke im Gepäck, sondern auch eine „Brille“ aus Wertvorstellungen, Tugenden und Ansichten. Schnell durfte ich lernen, dass sich kulturelle Unterschiede nicht nur auf andere Kleidung oder Musik beschränken. Meine „Brille“, mit der ich in Deutschland immer scharf sehen konnte, half mir in vielen Situationen in Paraguay gar nicht mehr. Jetzt, da ich fast ein Jahr lang in eine etwas andere Welt eintauchen durfte, lernte ich zu verstehen, dass Systeme an anderen Orten der Welt anders funktionieren und trotzdem sinnvoll sein können.

 

Ein sehr einschneidendes Erlebnis war der Besuch verschiedener Familien in der „Chacarita“, dem Armenviertel, in dem ich arbeite. Täglich kommen viele Kinder aus dem Viertel zu uns ins Projekt, das „Centro Comunitario“. Dort betreuen wir sie, verpflegen sie und spielen mit ihnen. Ihren Hintergrund zu sehen und zu verstehen, war mir persönlich sehr wichtig. Deshalb durfte ich meine Kolleginnen bei einem ihrer Hausbesuche begleiten.

Wie eine andere Welt fernab des weniger als einem Kilometer entfernten Zentrums Asuncións scheint es zu sein. Teilweise sehr prägend, teilweise auch sehr schön waren meine Eindrücke. Hier und da erschien mir das Leben dort sogar ein bisschen wie auf einem Zeltlager mit den Pfadfinderinnen und Pfadfindern! Auch wenn es mir in diesem Moment nicht so vorkam: Es ist dort generell sehr gefährlich und der Alltag viel von Gewalt geprägt. Für mich erklärte das, wieso viele der Kinder in unserem Programm nicht unbedingt die „Pflegeleichtesten“ sind.

Mein gewonnenes Verständnis machte es mir auch zur Herzensangelegenheit, eine lange Idee in die Tat umzusetzen: Ich wollte in einem Gemeinschaftsprojekt den Raum umgestalten, in dem wir Tag für Tag viel Zeit verbringen. Also hieß es ran an die Pinsel und los! Während die Kinder den Tischen und Stühlen einen neuen Anstrich geben durften, tauchten meine Kolleginnen und ich den Saal in ein freundliches Gelb und malten eine Landschaft an die Wand. Auch die Kleinen durften sich an dem Wandbild verewigen und verzierten es mit ihren Handabdrücken. Auch wenn ich anfangs etwas Bedenken hatte, machten alle motiviert mit. Ich erhielt viel Unterstützung. Mir macht die Arbeit viel Spaß und es freut mich zu sehen, wie die Kinder hier einen Ort der Geborgenheit finden.

Für mich persönlich war dieses Projekt auch ein kleiner Abschied, denn ich muss Paraguay zumindest vorerst wieder verlassen. Schon jetzt weiß ich, dass ich sehr viele Dinge vermissen werde: Seien es die leckeren Empanadas, das bunte Leben in Asunción oder schlichtweg die Tatsache, dass es niemanden interessiert, ob man bei rot oder grün über die Ampel geht.

So genieße ich meine letzte Zeit in dem Land, indem ich (obwohl ich in Deutschland wohl eher als braunhaarig bezeichnet werde) Blondine bin und durch die Währung des Guaraní mit dem Umrechnungsfaktor 1:6.000 das Leben als Millionärin genieße. Es ist eben nicht immer alles eindeutig.

Ich weiß, dass ich hier eine unvergessliche Zeit verbringe und in Paraguay eine zweite Heimat gefunden habe. Auch wenn viele dieses Land auf der Karte erst einmal suchen müssen, schloss ich das nach außen hin unscheinbar wirkende, doch im Inneren ganz und gar einzigartige Paraguay mit seinen einmalig freundlichen Bewohnerinnen und Bewohnern in mein Herz.

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