Die Zeit – sie rast

Erschienen am 28. Juni 2019 in Abenteuer Pfadfinden

Jonas Maxein

Jonas Maxein

Jonas Maxein verbrachte als Freiwilliger der DPSG ein spannendes Jahr in Paraguay.

 

Es ist unglaublich, wie die Zeit verfliegt. Das Ende des Freiwilligenjahres rückt gefährlich nahe, aber richtig bewusst ist mir das erst letztens geworden. Ich bin schon so lange hier in Paraguay, dass ich schon den zweiten Beitrag für den DPSG-Blog verfasse, denn wir sind nur neun Freiwillige, das Jahr hat aber 12 Monate (zum ersten Beitrag geht es hier). Ich bin bereits so lange hier, dass ich bei Filmen keine Untertitel mehr benötige, um ihn zu verstehen. So lange, dass ich zu einem Großteil vergessen habe, wie Deutschland ist. So lange, dass ich mich mit den meisten Paraguayerinnen und Paraguayern ohne Probleme verständigen kann und sie sogar erst später merken, dass ich einen ausländischen Akzent habe. Und das obwohl ich ohne Spanischkenntnisse hier angekommen bin.

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Mega-Orchester

Dass mein Rückflug immer näher rückt, war mir schon lange klar. Dass dieses Datum aber gefühlt gnadenlos auf mich zurast, ist mir aber erst seit Mitte Juni bewusst. Seitdem das wundervolle Seminar #SuenaYaguarón vorbei ist. Dieses Seminar, war schon ein wenig wie ein Abschluss meines Freiwilligenjahres, obwohl noch über ein Monat fehlt.
Wieso? Das erkläre ich euch jetzt!

Über mein Projekt „Sonidos de la Tierra“ habe ich bereits zu Anfang meines Freiwilligenjahres durch ein Projekt viele Freundinnen und Freunde in ganz Paraguay schließen können. Leider hatte ich nie die Möglichkeit, all diese Personen erneut zu treffen, bis zu diesem Seminar neun Monate später. Ich war sehr gespannt, denn neben vielen altbekannten Gesichtern würden wir wohl über 1.000 Musikerinnen und Musiker sein, die zusammen ein Mega-Orchester bilden, proben und ein Konzert geben. Und so war es dann auch. Ich war baff, als ich die ganzen Stühle gesehen habe, und umso mehr baff, als sich diese Stühle mit so vielen Musikerinnen und Musikern füllten. Ich bin über die Hälfte meines Lebens Musiker. Doch so etwas habe ich bisher auch noch nicht gesehen. Zwischen all diesen Menschen lief ich ab und zu dem ein oder anderen Bekannten über den Weg. Manchmal kamen sogar welche auf mich zu und begrüßten mich mit meinem Namen. Aber manchmal kamen auch ganz Unbekannte auf mich zu und wollten ein Foto mit mir. Ich denke, ich weiß jetzt, wie Ed Sheeran sich fühlt. Als ich wieder Zuhause war, fragte meine Gastschwester mich sogar, wie viele Herzen ich denn diesmal gebrochen hätte.

Dieses Seminar war für mich wirklich wundervoll und das nicht nur wegen der Proben und des Konzertes am Ende der drei Tagen, sondern vielmehr aufgrund der Tatsache, dass wir so viele Musikerinnen und Musiker waren, die sich alle auf Anhieb verstanden haben. Dieses besondere Feeling – das bei solchen Events immer entsteht. Es war eine Stadt im Ausnahmezustand. Überall gab es Musik, gesperrte Straßen, Streetfood und Musizierende, die herumliefen, wenn nicht gerade Probe war. Neben meinen alten Freundinnen und Freunden, die ich wiedergetroffen habe, habe ich natürlich auch neue Freundschaften geschlossen. Das Problem: der Abschied. Für die Meisten war der letzte Tag des Seminars gleichzeitig auch der letzte Tag, an dem wir uns sahen. An diesem Tag selbst war mir das gar nicht so bewusst. Erst am Nächsten, als ich dann wieder zu Hause war. Was mir ebenfalls klar wurde: Ich habe mich nicht nur von meinen Freundinnen und Freunden außerhalb meiner Stadt verabschiedet, sondern ich muss mich sehr bald auch von meinen Freundinnen und Freunden en in Encarnación verabschieden …

Abschiedsschmerz

Ich weiß jetzt schon, dass dieser Abschied mein Herz zerreißen wird. Ich werde so viele Menschen und Sachen vermissen, das kann ich mir bisher kaum vorstellen. Das Essen, die Menschen, meine Freundinnen und Freunde, die Stadt, die Musik ganz klar. Ob ich hier weg will? Nein! Ob ich Deutschland wiedersehen will? Ja! Fazit: schmerzhaft.
Ich denke, es wird gefühlt, wie eine Heimat zu verlassen, denn ich habe mich hier so sehr eingelebt, so sehr vergessen, wie Deutschland ist und tickt, dass ich mich hier wunderbar wohlfühle. Als ich hier ankam, gab es dauernd Situationen, die mich gestört haben, die mich verwunderten und beeindruckten, Situationen, die es zuletzt vor 50 Jahren in Deutschland gab oder noch nie gegeben hat. Einfache Sachen wie Pferdekutschen oder Grenzübergang mit Reisepass und Einreisestempel. Für Leute wie mich, die zwar viel gereist sind, aber bis dato noch nicht die EU verlassen hatten, auch etwas Besonderes.

All diese Sachen fallen mir längst nicht mehr auf, so sehr ist es zur Normalität geworden. Vielleicht bekomme ich Kulturschock bei der Rückkehr nach Deutschland. Am ehesten wohl von der Ordnung und Pünktlichkeit, aber ganz bestimmt werde ich ab sofort den Wohlstand Deutschlands zu schätzen wissen. Nicht zu vergessen die Vorteile der EU. Vorher machte ich mir kaum Gedanken darüber und Lateinamerika ist nicht einmal der ärmste Kontinent der Erde …

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One Response

  1. Ein Leben in Deutschland, oder doch lieber in Ecuador? « blog.dpsg.de

    6. August 2019: […] nächste Woche ist es dann doch leider so weit, und wie Jonas es im letzten Monat ganz schön ausgedrückt hat: „Ob ich hier weg will? Nein! Ob ich Deutschland wieder sehen will? […]