Ein Leben in Deutschland, oder doch lieber in Ecuador?

Erschienen am 6. August 2019 in freiwillig & weltwaerts

Maike Donnay

Maike Donnay

Maike Donnay war als Freiwillige im Adveniat-Projekt „Hogar de Cristo“ in Ecuador.

 

Ich weiß nicht, was ich lieber möchte. Was ich aber ganz genau weiß, ist, dass ich die zurückliegenden zwölf Monate und alle Erfahrungen und Erlebnisse, die ich gemacht habe, für kein Geld der Welt wieder hergeben würde. Ich kann mir kaum vorstellen, wie ich auf andere Weise innerhalb eines Jahres so viel über mich, andere Menschen und verschiedene Kulturen hätte lernen können.

Als ich mir überlegt habe, dass ich gerne einen Freiwilligendienst machen möchte waren meine ersten Gedanken, dass ich die Zeit in einem anderen Land als Deutschland und möglichst weit weg verbringen möchte. Zu dieser Zeit war mir nicht bewusst, wie traurig ich sein würde, wenn meine Zeit im Gastland (es ist Ecuador geworden) zu Ende geht. Diese Zeit ist jetzt gekommen.

Hoffentlich für immer bleibende Erinnerungen

Klar, nach Deutschland geht‘s jetzt wieder zurück, aber ich bin mir relativ sicher, dass mein Leben dort vermutlich nicht so weiter gehen wird, wie es vorher war. Aber das will ich auch gar nicht. Schließlich habe ich hier in Ecuador ziemlich viel gelernt und auch viele Erfahrungen gemacht und Erlebnisse gesammelt. Ich hoffe, dass diese Erinnerungen tatsächlich ein Leben lang bleiben, so wie Dominik in seinem Bericht im November geschrieben hat. Dominik hat seinen Freiwilligendienst in Südafrika verbracht.

Ich nehme ja nicht nur mein neu gewonnenes Spanisch mit nach Deutschland, sondern auch eine ganz neue Lebensweise und deren Kultur. Da muss ich Jan recht geben. Jede Reise lohnt sich und die Orte und Menschen, die man kennen lernt, sind die Reise wert. Jan war genau wie ich als Freiwilligendienstleistender in Ecuador.

Aber nächste Woche ist es dann doch leider so weit, und wie Jonas es im letzten Monat ganz schön ausgedrückt hat: „Ob ich hier weg will? Nein! Ob ich Deutschland wieder sehen will? Ja! Fazit: Schmerzhaft.“ Jonas war ein Jahr lang in Paraguay.

Mein Traumland

Ich bräuchte jetzt wohl ein Land, was all das mischt, was all das Positive aus Deutschland und Ecuador verbindet. Und am besten die Dinge, die mir nicht so gefallen einfach weglässt.

  • Das wäre ein Land, in dem noch bis tief in die Nacht mit lauter Musik getanzt wird, ohne dass sich jemand beschwert, aber die Musik um 22 Uhr aus ist, falls ich dann doch einmal früh schlafen will.
  • Ein Land in dem ich auch mal zu spät kommen kann, ohne dass es irgendwen stört, mich aber trotzdem darauf verlassen kann, dass meine Mitmenschen pünktlich kommen.
  • Ein Land, in dem Frauen ausnahmslos gleichberechtigt sind.
  • Ein Land, in dem jede und jeder mit seinem Glauben akzeptiert wird.
  • Ein Land, in dem es ganz viel Käse, Kochbananen und Empanadas gibt, aber auf gar keinen Fall zu jeder Mahlzeit Reis!
  • Ein Land, in dem ich ins nächste Nachbarland reisen kann, ohne an der Grenzkontrolle aufgehalten zu werden, weil ich einen Stempel brauche, ich aber trotzdem noch die Sprache aller Nachbarländer kann.
  • Ein Land, in dem es eine so vielfältige Natur gibt, die nicht von Müll verschmutzt ist.
  • Ein Land, mit einer riesigen Fruchtauswahl, in dem die Erdbeeren aber erst gepflückt werden, wenn sie reif und richtig schön dunkelrot und süß sind.
  • Ein Land, in dem Kinder nicht geschlagen werden und Jugendlichen die Chance gegeben wird, eigene Entscheidungen zu treffen und eigene Erfahrungen zu machen, aber trotzdem in jeder Familie ein unfassbar enges Verhältnis besteht.
  • Ein Land, in dem alle Gesellschaftsschichten die Chance auf eine gleiche Bildung und gute Zukunftsperspektive haben.
  • Ein Land, in dem Familien eine fremde Person mit „Nächstenliebe, Offenheit und Neugier“ (Dominik) bei sich aufnehmen, obwohl sie selber gar nicht so viel Platz haben.
  • Ein Land, in dem die Leute gut aussehen, wenn sie tanzen.

Das alles sind zwar wahrscheinlich ziemlich unrealistische Wunschvorstellungen, aber es ist wohl unter anderem unsere Aufgabe als Freiwillige, auch nach unserer Rückkehr die Dinge, die wir gelernt haben, an andere weiter zu geben, genauso, wie wir es in diesem Jahr getan haben.

Persönliche Vorstellungen und Verhaltensweisen reflektieren

Denn weltwärts ist ein Lerndienst. Der Austausch und das gemeinsame interkulturelle Lernen stehen im Mittelpunkt und die Freiwilligen reflektieren ihre eigene Kultur sowie persönliche Vorstellungen und Verhaltensweisen.

Das stimmt glaube ich für uns alle, egal ob in Südafrika oder in Lateinamerika, und deshalb fand ich ein Zitat auf der Website von weltwärts sehr passend:

“Los voluntarios son un puente que une dos continentes”
Die Freiwilligen sind wie eine Brücke, die zwei Kontinente verbindet.
(Barrientos Lujan)

Wir Freiwillige haben in unserem Jahr viel gelernt und erlebt. Die Freiwilligen Jana und Christian haben das ganz gut beschrieben: Jeden Tag gibt es irgendetwas anderes, was begeistert, oder langweilig ist, oder uns freut, oder eher ein Gefühl von Heimweh ist. Wir sind zwar nicht alle im gleichen Land, nicht mal auf dem gleichen Kontinent, aber ich bin mir ganz sicher: Auch wenn wir uns in diesem Jahr alle zwischendurch vielleicht mal etwas schwer getan haben, keiner von möchte die gemachten Erfahrungen missen. Ich empfehlen jeder und jedem einen Freiwilligendienst im Ausland.

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