Bolivien in Flammen – Die Asociación de Scouts de Bolivia handelt!

Erschienen am 25. September 2019 in Allgemeines

Simon Rempe

Simon Rempe

Simon Rempe ist Mitglied im Bundesarbeitskreis Internationale Gerechtigkeit.
https://twitter.com/SimonRempe

 

Bereits 700.000 Hektar Trockenwald, eine Millionen Hektar Weideflächen und die ersten Dörfer in Bolivien sind abgebrannt. Unterstützung ist dringend erforderlich. Internationale Hilfe bleibt größtenteils aus, die bolivianische Regierung handelt nur unzureichend.

Seit Wochen toben die Feuer im Regenwald in Amazonien. Amazonien wird die Region um den Amazonas und seine Ausläufer genannt, die sich auf ca. 7 Millionen km² in neun südamerikanischen Ländern, darunter Brasilien und Bolivien, erstreckt. Die aktuelle Trockenperiode setzt der Natur stark zu und ist im Vergleich zu Vorjahren extremer. Vielerorts bleibt der natürliche Starkregen aus. Gräser Büsche und Bäume sind bereits ausgetrocknet und bieten einen idealen Zunder für Brände.

In den vergangenen Wochen wurde vermehrt über die Brände in Brasilien und die Verantwortung der Regierung Jair Bolsonaros für die Ausbreitung dieser sowie die Nicht-Bekämpfung berichtet. Für die Rettung des Regenwaldes in Brasilien spenden und werben Berühmtheiten wie Leonado DiCaprio, während die G7 ebenfalls Unterstützung zusichert. Lange Zeit wurde diese von Jair Bolsonaro nicht angenommen, da das Verhalten – besonders durch Frankreichs Präsidenten Emanuel Macron – durch Androhungen die brasilianische Regierung zum Einlenken in der Brandbekämpfung zu zwingen, als kolonialistisch empfunden wurde. Sowohl Frankreich als auch Irland drohen noch immer damit das bereits verhandelte Freihandelsabkommen zwischen den Mercosur Staaten und der Europäischen Union nicht zu ratifizieren, wenn Bolsonaros Regierung sich nicht aktiv für die Bekämpfung der Brände und gegen die Rodung des Regenwaldes einsetzt.

Die Lage in Bolivien spitzt sich derweilen ungeachtet der großen Weltöffentlichkeit weiter zu. Evo Morales, Boliviens Präsident, gibt nach Außen den Bewahrer der Natur. Er appelliert für den Abbau von Atomenergie, für erneuerbare Energien und für mehr Naturschutz. Das Konzept des „Buen Vivir“, des guten Lebens, wurde durch ihn 2009 in die neue Verfassung des Plurinationalen Staates aufgenommen. Dabei steht der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur mit im Fokus.

Das kürzlich unterzeichnete Dekret 3973 ist nur eines in einer Reihe von Verordnungen und Projekten der Regierung Morales, die dem Image entgegenstehen. Bei der Erlassung erklärte Morales, dass es das Recht des bolivianischen Volkes sei, die Erde für alle zu nutzen und den Urwald „zu lichten“. Voller Stolz autorisierte Morales die kontrollierte Brandrodung für das wirtschaftliche Wachstum Boliviens. Morales sprach sich nach seiner ersten Wahl stark für die Rechte indigener Völker und den Schutz der Natur aus. So wurden große Flächen als Naturschutzgebiete deklariert oder unter Selbstbestimmung indigener Völker gestellt. Seit einigen Jahren werden diese Errungenschaften für Großprojekte, die Agrarindustrie und ihre Zulieferwege zerstört.

Faktor Welthandel

Die aktuelle Lage sowohl in Brasilien als auch Bolivien wird durch die Lage des Weltmarktes mit befeuert. Mercosur ist ein Zusammenschluss einer Handelszone in Lateinamerika, bestehend aus Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Bolivien ist weiterhin Beitrittskandidat und steht im engen Kontakt mit den Mercosur-Staaten.

Die Europäische Union und die Mercosur-Staaten haben vor kurzem ein Freihandelsabkommen verhandelt, das 960 Millionen Menschen betrifft. Ziel ist es Zölle untereinander abzubauen und neue Märkte für beide Partner zu erschließen. Auf die Einfuhr von Autos fallen aktuell Zölle von 35% an, auf Maschinen 14-20% und auf Wein 20%. Diese Zölle sollen in den kommenden Jahren schrittweise abgebaut werden. Für die deutsche Wirtschaft ist das Handelsabkommen ein entscheidender Faktor für weiteren Wachstum. Der Export von Autos, Maschinen und Chemikalien verspricht große Gewinne. Im Gegenzug möchten die Mercosur-Staaten Agrarerzeugnisse in die EU exportieren. Die wichtigsten Erzeugnisse für den Export sind Fleisch und Soja. Letzterer wird vor allem als Futtermittel für die Fleischindustrie in der EU nachgefragt.

Auch der Handelsstreit zwischen den USA und China hat Auswirkungen auf die Region. Grund ist die Ernährungsveränderung im asiatischen Raum, hin zu einer fleischreicheren Ernährung und die große Soja-Nachfrage in China. Der chinesische Soja-Markt wird wegen der Handelsauseinandersetzungen nicht mehr durch die USA, den größten Soja-Produzenten, bedient. Entsprechend öffnet sich der Zugang zu einem gewaltigen Absatzmarkt.

Bereits am 28. August trafen sich der chinesische Botschafter und Evo Morales, um die ersten Erfolge, die ersten Fleischexporte aus Bolivien nach China, kundzugeben.

Neue Anbauflächen

Die Regierung Morales vergab vorher indigen-bevölkerte Landregionen im Tiefland an Unterstützerinnen und Unterstützer der MAS (Movimieto al Socialismo – Regierungspartei Evo Morales) aus dem Hochland. Diese und weitere Bewohnerinnen und Bewohner des Tieflandes wollen neue Flächen für die Bewirtschaftung erschließen. Die einfachste Methode hierfür ist die Brandrodung. Gut und kontrolliert genutzt können so Bereiche im Wald durch bewusste Entzündung, kleine oder große Bereiche eines Waldes, für die Landwirtschaft nutzbar gemacht werden.  Brände werden jedoch nicht kontrolliert, sondern ohne Kontrolle an verschiedenen Stellen gelegt und können bei der Witterungslage nur schwer wieder eingedämmt werden. Die Folge sind tausende verschiedener Brandherde und fast zwei Millionen Hektar verbranntes Land, zerstörte Natur und Tiere.

Warum ist es denn so schlimm, dass der Amazonas brennt?

Vielerorts wird der Amazonas Regenwald „die Lunge der Erde“ genannt. Das ist natürlich nur ein Symbol. Fakt ist jedoch, der Amazonas-Regenwald ist der größte CO2 Speicher auf der Welt. Er umfasst 6,7 Millionen Quadratkilometer und ist damit ca. anderthalbmal so groß wie die EU. Nach Schätzungen speichert er 90 – 140 Millionen Tonnen Kohlenstoff, welcher bei der Verbrennung freigesetzt wird. Ebenfalls ist es das artenreichste Ökosystem der Erde in dem zehn Prozent aller bekannten Tiere leben und beheimatet 40.000 verschiedene Pflanzenarten. Allein im vergangenen Jahr wurden fast 8.000 Quadratkilometer des Regenwaldes, vor allem für Weide- und Anbauflächen, gerodet. Um die Entwicklung dieses Jahr zu begreifen, wurde die im Juli 2018 und 2019 gerodeten Flächen miteinander verglichen. Das Ergebnis: ein Anstieg um 88 Prozent.

Wie wird die Brandbekämpfung organisiert?

In Bolivien unternimmt die Regierung nur wenig zur Bekämpfung der Brände oder zur Finanzierung und Unterstützung der Feuerbrigaden. Auch wurde bis heute noch nicht das „Desastre Nacional“ ausgerufen. Ohne den amtlichen Schritt der Anerkennung der Katastrophe, ist internationalen Hilfsorganisationen und internationaler Unterstützung der Zugang verwehrt. Deshalb haben sich schnell verschiedene gesellschaftliche Initiativen gegründet. Ob über gofundme, andere Internetplattformen oder persönliche Sammlungen, die Zivilgesellschaft in Bolivien ruft zur Unterstützung auf und übernimmt die staatlichen Aufgaben. Feuerbrigaden und Hilfskräfte für medizinische Versorgung und Logistik formieren sich aus Freiwilligen und Hauptberuflichen. Die bolivianische Regierung finanzierte zuletzt ein Löschflugzeug, das bei der Vielzahl an Bränden in einem so großen Territorium jedoch nur wenig ausrichtet. Brände werden mit Schaufeln, Äxten, Handlöschgeräten und einigen Löschfahrzeugen bekämpft.

Die Aktion der Asociación de Scouts de Bolivia (ASB)

Was genau machen die Pfadfinderinnen und Pfadfinder in Bolivien, wofür werden unsere Spenden genutzt und wie nehmen die Pfadfinderinnen und Pfadfinder die Situation wahr? Vania Alejandra Rueda Cañizares, eine Pfadfinderin aus Santa Cruz, hat uns diese Frage beantwortet:

  • Sammlung und Organisation von Spenden: Wir sammeln unterschiedliche Spenden. Diese sortieren wir danach, was wir auf Opfer der Brände und was auf die verschiedenen helfenden Gruppen zur Feuerbekämpfung und Gesundheitsversorgung verteilen können.
  • Transport und Verteilung der Spenden: Von zwei verschiedenen Organisationspunkten im Distrikt Santa Cruz – Roboré im Ostenund San Ignacio de Valasco im Norden – verteilen wir die Hilfsgüter mit Hilfe lokaler Pfadfindergruppen und der katholischen Kirche. Der Distrikt Santa Cruz ist circa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Entsprechend schwer ist die Belieferung aller Helferinnen, Helfer und Opfer.
  • Einkäufe mit den monetären Spenden: Wir haben auch lokal Gelder gesammelt, welche wir nutzen um Medizin, Verbände und neue Ausstattung (z.B. Schläuche) für die Feuerwehrkräfte zu kaufen.
  • Wir nehmen Spenden aus den anderen Teilen Boliviens entgegen und verteilen diese auf die Helferinnen und Helfer.
  • “Second line assistance” – das bedeutet, dass wir die Logistik der Feuerbrigade unterstützen. Wir tragen Wasser und organisieren Mahlzeiten und Ausstattung für die Hilfskräfte. Besonders wichtig ist die Steuerung von Städten aus bis hin zu den verschiedenen brennenden Bereichen. Das alles konnten wir nur dank verschiedener Pfadfinderinnen und Pfadfinder, die eine Ausbildung zur Brandbekämpfung absolviert hatten und aus verschiedenen Teilen Boliviens zusammenkamen um in Santa Cruz eine Feuerbrigade zu formen, tun.

Obwohl die Brände sich weiter ausgebreitet haben, nimmt die Berichterstattung durch Medien in und außerhalb Boliviens ab und mit der Aufmerksamkeit auch die Anzahl der materiellen und finanziellen Spenden für die Bemühungen der Asociación de Scouts de Bolivia sowie für weitere Hilfsorganisationen. Es ist keine Besserung in Sicht, die Trockenheit hält an und durch starke Winde breiten sich die Feuer weiter aus.

Kann ich allein hier in Deutschland da überhaupt irgendetwas tun?

Die Antwort ist klar JA! Vor Ort werden Gelder benötigt, um die Brandbekämpfung zu unterstützen. Und obwohl es sich manch einmal komisch anfühlt „nur“ zu spenden, gibt es zur konkreten Problembeseitigung, die grade entscheidend ist, keine andere Möglichkeit. Du kannst selbst spenden, in deinem Freundes- und Verwandtenkreis zum Spenden aufrufen, einen Spendenlauf veranstalten oder auf Veranstaltungen eine Spendenbox mit Informationen aufstellen.

Langfristig gesehen ist das jedoch eine ganz andere Sache. Wie bereits vorher beschrieben sind viele der Rodungen und der damit verbundenen Feuer auf den weltweiten Konsum und die weltweite Nachfrage zurückzuführen. Und nein, niemand verlangt jetzt kein Fleisch mehr zu essen, nur noch selbst angebaute Lebensmittel zu essen und auf alles zu verzichten. Aber bei jedem Kauf kannst du dir die Fragen stellen: „Brauche ich das jetzt wirklich? Kann ich nicht lieber gute Qualität und dafür weniger kaufen?“  Klar ist dennoch, allein dadurch verändert sich die Welt nicht komplett. Jede und jeder von uns ist nur ein kleines Rädchen im großen Ganzen. Aber jede und jeder von uns kann ihren oder seinen kleinen Teil dazu beitragen diese Welt ein wenig besser zu machen. Stück für Stück. Und obwohl manch einmal die Bequemlichkeit beim Einkauf siegen wird, hilft nur: Nicht aufgeben und weiter das eigene Handeln hinterfragen. Damit es ein wenig leichter fällt, haben bereits viele Arbeitskreise aus unterschiedlichen Verbänden Handreichungen geschrieben. Mehr findet ihr z.B. in der Arbeitshilfe Kritischer Konsum oder dem Green Events Leitfaden der DPSG oder auf der Homepage www.kritischerkonsum.de des BDKJ.

An der Stelle kommen wir zu einer entscheidenden Erkenntnis: Die Verantwortung für die Produktion liegt nicht bei Verbraucherinnen und Verbrauchern, wie es gerne suggeriert wird. Die Verantwortung für die Produktion liegt bei Unternehmen, die produzieren und bei der Politik, die Unternehmen und deren Produktionsweisen regulieren kann. Diese Aufgabe können nicht wir Verbraucherinnen und Verbraucher übernehmen. Was wir jedoch können ist Druck zu machen. Ob bei Demonstrationen, durch Aufmerksam machen, durch das Unterzeichnen von Petitionen oder vor allem dadurch eure gewählten Vertreterinnen und Vertreter persönlich anzuschreiben, anzusprechen und anzurufen. In einem Gespräch sagte mir letztens ein Abgeordneter: „Bleibt garstig, mischt euch weiter ein!“ Und mir wird in jedem Gespräch wieder klar, genau das brauchen wir. Jung und Alt, Arm und Reich, die sich gemeinsam immer und immer wieder stark für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und faire Handelsbedingungen machen.


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