Am Ende geht es doch immer gut aus

Erschienen am 17. Dezember 2019 in Abenteuer Pfadfinden

Konstantin Gehrer

Konstantin Gehrer

Konstantin ist Rover im Stamm Charles de Foucauld in Hamburg. Seinen Freiwilligendienst leistet er in der Küstenstadt Guayaquil in Ecuador. Dort hat er die kürzlich aufgetretenen politischen Unruhen hautnah miterlebt.“

 

Proteste und Streiks

Und auf einmal sprechen alle um mich herum wieder deutsch. Das kommt dabei heraus, wenn die Bundesregierung zum día weltwärts alle deutschen Freiwilligen in Ecuador (150!!) für einen Tag in die Residenz des deutschen Botschafters in Quito einlädt. Mit diesem Gedanken beginnt für mich ein Tag voller Perspektivwechsel. Auf dem Tagesplan stehen zwei Vorträge und drei verschiedene Workshops. Sehr interessant war der Vortrag von Vicente Albornoz, Dekan für Ökonomie an der Universität de las americas in Quito. Der Vortrag ging über die wirtschaftspolitische Historie Ecuadors und gab mehr Aufschluss über die Entwicklung des Landes und interessante Einblicke in die Politik. Der Vortrag endete mit den großen Protesten und Streiks zwischen dem 3. und 13. Oktober. Diese waren die heftigsten Proteste in Ecuador seit mehr als 15 Jahren. Natürlich war dieses Ereignis an diesem Tag eine großes Gesprächsthema und es wurde sich viel über die Erlebnisse ausgetauscht.

Aber was ist eigentlich passiert?

Der Präsident von Ecuador (Lenín Moreno) hat am 3. Oktober die Subventionen für Öl und Benzin gestrichen, um den Anforderungen des Internationalen Währungsfonds zu genügen. Dies bedeutete über Nacht eine Erhöhung der Benzinpreise von 1,80$ auf 2,40$ für die Gallone. Zudem wird in vielen vor allem ärmeren Regionen mit Öl geheizt. Der Preis für einen Öltank hat sich verdreifacht. Es änderte sich auch noch mehr außerhalb der offensichtlichen Preise, denn zum Beispiel waren natürlich alle Transport- und Logistikunternehmen von den erhöhten Benzinpreisen betroffen. So kostete eine Busfahrt in Guayaquil nicht mehr 30 Cent, sondern 40 Cent. Weiter erhöhten sich auch alle Kosten von Lebensmitteln, insbesondere diejenigen mit einem längeren Transportweg. All diese und noch weitere Faktoren hatten zur Folge, dass es zu Ausschreitungen in großen Ausmaßen kam.

Die Proteste begannen mit einem landesweiten Streik von Transportunternehmen. Dazu gehörten viele LKW-Fahrer, aber auch der öffentliche Nahverkehr oder Reisebus Unternehmen. Zudem wurden viele Straßenblockaden errichtet, sodass das Land stillgelegt war. Kurz darauf hat der Präsident dann den Ausnahmezustand für 60 Tage ausgerufen (dieser wurde aber rechtlich sehr schnell auf 30 Tage begrenzt). Dies bedeutete zum Beispiel erweiterte Einsatzmöglichkeiten des Militärs und Einschränkungen der Presse- und Versammlungsfreiheit. Diese Verordnung wurde damit begründet, dass einerseits die Ordnung im Land wiederhergestellt werden sollte und es bei den Protesten vor allem in Guayaquil zu Plünderungen von Geschäften und Vandalismus kam.

Das alles war für mich eine sehr surreale Erfahrung, da ich nicht zur Arbeit gehen konnte und die Lage von Zuhause verfolgen musste. In meinem Viertel blieb es zum Glück ruhig, jedoch kam es in dem Viertel, indem Hogar de Cristo liegt zu Ausschreitungen.

Aussicht auf Beruhigung, aber…

Am folgenden Wochenende wurden die Streiks aufgehoben und die Lage schien sich wieder etwas zu beruhigen. Jedoch ist am folgenden Montag ein großer Teil der indigenen Bevölkerung nach Quito (Hauptstadt von Ecuador) und nach Guayaquil marschiert. Die indigene Bevölkerung treffen die Streichung der Subventionen am härtesten. Das Militär hat versucht, die Straßen zu blockieren und den Protestmarsch nicht ins historische Zentrum von Quito vorzulassen. Aus Angst vor dieser Bewegung ist Moreno nach Guayaquil geflohen und hat den Regierungssitz auch nach Guayaquil verlegt. In den folgenden Tagen eskalierten die Proteste weiter und der indigene Protestzug kam in Guayaquil an. Besonders der Vorort Durán war Schauplatz vieler heftiger Proteste.

Durch die Straßensperren kam es in der Andenregion zu Versorgungsengpässen.

Kompromissvorschläge

Der Präsident hat darauf zu Gesprächen mit den Demonstranten und der indigenen Bevölkerung eingeladen, um ein neues Paket mit Kompensationen zu verhandeln. Diese Gesprächsangebot ist in der ecuadorianischen Geschichte etwas sehr Bedeutendes, da es vorher nach solchen Protesten meist zu putschen kam. Ein schneller Erfolg war zu verzeichnen, denn die Subventionen wurden wieder eingeführt. Es wird noch immer weiter verhandelt, wie man in Ecuador Wirtschaftsmaßnahmen durchsetzen kann, ohne dass sich die Situation wiederholt. Das Problem ist, dass Ecuador viele Schulden hat und durch eine stagnierte Wirtschaft in den letzten Jahren wenig Entwicklung erfahren hat. Der Staat braucht jedoch relativ schnell liquide Mittel, um Schulden abzubauen. Dies ist vermutlich ein Grund, warum die Subventionen von einem auf den anderen Tag gestrichen worden sind und nicht in Schritten abgeschafft wurden. Insgesamt sind nach den zehn Tagen Protesten acht Tote, 1.300 Verletzte und 1.200 Verhaftungen zu verzeichnen.

Doch im Gegensatz zu diesen erschreckenden Nachrichten gab es während dieser Zeit auch schöne Erlebnisse. Ich konnte zum Beispiel fast jeden Tag mit meiner Gastschwester zusammen kochen oder mit Freundinnen und Freunden telefonieren. Zudem habe ich erfahren, was es bedeutet, in der Sicherheit einer Familie zu leben und Menschen um sich zu haben, die sich um mich sorgen. So haben sich die Pfadfinderinnen und Pfadfinder des Stammes in dem meine Mitfreiwillige Franziska und ich sind mehrmals nach unserem Wohlergehen erkundigt. Außerdem habe ich festgestellt, wie sehr ich meine Arbeit hier mag und schätze, denn zu Hause kann es irgendwann auch echt langweilig werden. Nachdem vierten Tag an dem ich nicht zur Arbeit gehen konnte, hatte ich echt das Bedürfnis wieder zu gehen. Ich hätte nie Gedacht das ich so schnell an diesen Punkt komme.

Kleine Ergänzung zu Franziskas Blogeintrag über Hogar de Cristo

Ich arbeite zusätzlich zur Banco de materiales noch in den Aulas del Conocimiento. In diesem Bereich von Hogar de Cristo Informatik- und Robotikunterricht für Kinder und Jugendliche von sechs bis 17 Jahre angeboten. Es macht super viel Spaß die Kreativität der Kinder zu erleben, wenn sie die Möglichkeiten haben ihre eigenen Roboter zu bauen oder ein eigenes Computerspiel zu programmieren. Außerdem fährt eine Gruppe von Schülern seit drei Jahren zur Robotik-Olympiade, um gegen Teams aus der ganzen Welt anzutreten. Zur Finanzierung der Reise haben wir zum Beispiel eine Verlosung organisiert.

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