Auf nach Santiago de Compostela

Erschienen am 2. Dezember 2019 in Abenteuer Pfadfinden

Sebastian Ebert

Sebastian Ebert

Sebastian Ebert ist Mitglied des Bundesarbeitskreises der Jungpfadfinderstufe.

 

Sebastian hat sich Ende Oktober auf seinen Weg nach Santiago de Compostela gemacht. Hier lässt er euch nach seinem Abenteuer teilhaben.

Samstag, 30.11.2019
Zieleinlauf

Das Wetter ist auf der letzten Etappe wechselhaft. Mal kommt die Sonne durch, mal regnet es. Aber Murad, der Slowake, eine junge deutsche Idealistin und ich laufen voller Enthusiasmus los. Nach kurzer Zeit wird uns klar, wir wollen es heute schaffen! Zwar sind es eigentlich zwei Etappen, aber wir können Santiago schon förmlich riechen.

Es ist unheimlich anstrengend, aber der Wille, die Motivation und mittlerweile auch die Kondition sind vorhanden. Am Nachmittag erreichen wir völlig erschöpft, aber glücklich Monte do Gozo. Der Berg der Freude eröffnet uns einen atemberaubenden Ausblick auf die Stadt Santiago. Just in diesem Moment reist die Wolkendecke auf und taucht die Stadt noch in abendlich goldenes Sonnenlicht. Die letzten Kilometer vergehen wie im Flug. Wir sind uns sicher, dass wir heute ankommen. Und so kommen wir mit den letzten Sonnenstrahlen durch die malerischen Gassen Santiagos auf dem Vorplatz der Kathedrale an.

Keine fünf Minuten später setzt der Regen wieder ein. Daher stellen wir unsere Rucksäcke ab und besichtigen erstmal die Kirche, um unsere Pilgerpflicht zu erfüllen. Leider gleicht die Kirche einer Baustelle. Sie ist zwar bestimmt sehenswert, nur haben wir leider nicht wirklich viel davon. Um nun endlich die Compostela zu erhalten, müssen wir in das örtliche Pilgerbüro. Murad, der einzige unter uns, der des Spanischen mächtig ist, erkundigt sich für uns nach dem Weg. Oder anders gesagt, er bemühte sich darum. Fünf Gespräche und 20 Minuten später treffen wir dann jetzt endgültig Nass im Pilgerbüro ein. Hier dürfen wir erstmal eine Nummer ziehen und Platz nehmen, bis eine zuständige Person für uns frei ist. Als ich an der Reihe bin, muss ich als erstes angeben, welches Urkundenpaket ich haben möchte. Ich nehme natürlich alles, den Ablassbrief, die Urkunde über die Distanz und wichtig: die Papprolle zur Aufbewahrung meiner Zeugnisse. Schließlich will ich ja später mal zu meinen Enkelkindern predigen: „In deinem Alter habe ich 779 km zurückgelegt. Und zwar zu Fuß! Nur mit einem Rucksack bewaffnet! Und das am Stück! Und was macht ihr?“.

Nach der Vergabe der Zeugnisse gehen wir mit Rucksack, natürlichem Geruch und pitsche-patsche-nass in ein veganes Restaurant. Die Wahl des Lokals verdanken wir unserer Weltverbesserin. Nach einemverdammt leckeren Essen, wie ich zugeben muss und dem einen oder anderem Gläschen Wein, geht es noch in ein vollwertiges Hotel – wenigstens für eine Nacht. Denn morgen geht es schon wieder zurück nach Deutschland; mit dem Bus – versteht sich. Ich bin ja schließlich Pfadfinder und will mich nicht direkt wieder mit Sünden bekleckern, jetzt wo ich gerade eine weiße Weste habe.

Tja, was ist jetzt ein gutes Ende für mein literarisches Werk? Sprüche wie „Jedes Ende ist auch immer ein Anfang!“ oder „Schließt sich eine Tür, dann geht immer eine neue auf!“ sind mir etwas zu ausgemergelt.

Was am Ende meines Caminos bleibt ist eigentlich nur: „Schritt für Schritt!“.


Freitag, 29.11.2019
Künstler und tobende Pferde

Nach Tagen des Regens gab es heute auf dem Weg nach Arzúa keinen einzigen Tropfen. Im Gegenteil! Nach anfänglichen Nebelschwaden eroberte die Sonne ihr Territorium zurück. Ich sehe das erste Mal seit Tagen einen blauen Himmel.

Die Sonnenstrahlen wärmen das Gesicht und die Schritte gehen mit einer gewissen Leichtigkeit dahin. Auf der Etappe begegne ich wieder vielen Gesichtern. Bei der ersten heißen Schoki treffe ich auf Ted, einen taiwanesischen Reiseleiter aus Canada. Er dokumentiert seinen Camino mit Handskizzen im Pilgerpass. So benötigt er natürlich deutlich mehr als einen Pass, aber die Zeichnungen sind unbeschreiblich schön. Und auch ich komme auf einer Seite vor.


Später laufe ich ein Stück mit Daniel aus Kroatien. Er hat schon in jungen Jahren so einiges erlebt und beginnt mit der Reise einen neuen Abschnitt in seinem Leben.


Tja, und der beginnt mit mir und einer kleinen Herausforderung. Auf der Straße toben zwei Pferde und ein Bauer. Aus beiden Richtungen kommen Autos. Die Pferde springen wie verrückt herum. Sie wollen wohl einfach nicht auf die Weide. Daniel und ich versuchen zusammen, die Pferde in Richtung Weide zu treiben. Leider ist das schwerer, als es sich anhört. Und so setze ich mich mitten auf die Weide und warte Stunden bis der wilde Hengst vertrauen zu mir fast und von alleine zu mir kommt. Nein, ich bin natürlich kein Pferdeflüsterer. Aber mit einem Apfel und der Unterstützung von einem der Autofahrer, schaffen wir es, das Pferd zu beruhigen und auf die Weide zu locken.

Ab Arúza sind es nur noch 41 km bis nach Santiago. Das Ziel kommt in greifbare Nähe. Wer hätte gedacht, dass ich es überhaupt soweit schaffe?


Donnerstag, 28.11.2019
Weihnachtsstimmung

Die Landschaft in Galicien ist traumhaft und heute ist es sogar weitestgehend trocken. Es geht zwar bergauf und bergab, aber damit lässt es sich gut leben. So erreiche ich gegen Mittag die 100-km-Grenze. Es ist verrückt zu sehen, dass ab jetzt die Markierungen nur noch zwei Stellen vor dem Komma haben.
Der Markierungsstein wurde über die Jahre, nennen wir es verziert. Jede Pilgerin und jeder Pilger hat sich darauf mit einem Filzstift verewigt. Für mich geht es heute noch weiter, daher lasse ich meinen nicht vorhandenen Filzstift im Rucksack und mache nur ein Foto.
Am Abend wähle ich eine um zwei Euro teurere Herberge, da ich einem belgischen schnarchenden Schwergewicht entkommen möchte. Am Abend kochte ich noch gemeinsam mit dem Slowaken und man trifft noch das ein oder andere bekannte Gesicht.

Die Etappe von Portomarín nach Palas de Rei war regnerisch. Genau genommen konnte ich keinen Schritt vor den anderen setzen ohne, dass es auf mich herabregnete. Die Landschaft war zwar durchaus sehenswert, nur raubte der Dauerregen mir etwas die Lust am Wandern. Da halfen nur extra viele Stopps, um heiße Schokis zu trinken.
Man bemerkt, dass die Anzahl der Pilgerinnen und Pilger zunimmt. Zum einen, da die letzten 100 Kilometer angebrochen sind. Zum anderen, da verschiedene Routen an dieser Stelle zusammenlaufen, die alle nach Santiago führen. Schummeln und den Bus nehmen, allgemein bekannt als „kerkelingen“ fällt für alle Pilgerinnen und Pilger für die restliche Strecke flach. Am Abend kocht Murad für uns alle etwas Marokkanisches. Ein erfreuliches, spaßiges und schmackhaftes Zusammentreffen von verschiedensten Charakteren findet so statt.

Der Abschluss breitet sich zu einem ausgedehnten Weihnachtsessen aus. Alle acht Pilgerinnen und Pilger in der Herberge sitzen zusammen. Es gibt verschiedene Gerichte, Wein und natürlich einen köstlichen Nachtisch. Wenn das nicht der Geist des Caminos ist: zusammensitzen mit unterschiedlichsten Personen aus den verschiedensten Ecken der Welt. Passend zum Essen macht der Slowake noch eine Weihnachtsplaylist an. Wäre ich selbst nicht dabei gewesen, dann würde ich es wohl nicht glauben.


Donnerstag, 28.11.2019
Die Hunde des Caminos

21:02 Uhr

Das Licht ging an diesem Abend zum Glück von alleine aus. So stand meiner Nachtruhe nur der tobende Sturm im Weg. Galicien ist landschaftlich eher mit Schottland zu vergleichen. Viele Hügel, Berge und natürlich die schöne grüne Natur. Aber dafür auch entsprechend viel Regen. Während des Tages teilte ich mir immer wieder einige Kilometer mit meinem slowakischen Mitpilger. So kam es, dass wir gemeinsam die ersten Erfahrungen mit einem Hund machten.
In Galicien sind fast keine Hunde angeleint. Das stört aber auch nicht, da sie eigentlich friedfertig sind und lediglich etwas zu Essen suchen. Nicht aber so der Vierbeiner, der uns heute begegnet ist. Der anfangs friedlich wirkende hüfthohe Mischling wartete bis wir direkt vor ihm standen und stellte uns dann. Meine erste Reaktion war, dass ich meinen Pilgerstock auch mit der zweiten Hand nahm und direkt in Abwehrhaltung ging. Mein Mitpilger und ich beschlossen den taktischen Rückzug und schauten, dass wir uns schnell aus dem Staub machten. Die erste Runde ging also an den Hund.
Ein Dorf weiter machten wir auf einer Mauer Pause. Hinter der Mauer ging es drei Meter tief hinab. Dort sahen wir einen Hund spielen. So war zumindest der Plan.
Ein aufkommender Windstoß schnappte sich einen Handschuh des Slowaken und beförderte ihn hinunter zum Hund. Der war ganz begeistert und spielte mit dem Handschuh. Bei diesem Wetter sind Handschuhe unabdingbar, daher wollten wir ihn nur allzu gerne wieder haben. Die Besitzer des Hauses waren natürlich nicht da und auch andere Dorfbewohnerinnen und -bewohner konnten uns leider nicht helfen. Zum Glück kam Murad ein marokkanischer Pilger zur Hilfe. Er nahm sich kurzerhand einen langen Stock, um nach dem Handschuh zu angeln. Dabei hielt ihn der Slowake an seinen Beinen fest und ich warf Muffin-Stückchen in die andere Ecke, um den Hund abzulenken. Das funktioniert weitaus besser als gedacht. Murad befördert den Handschuh mittels des Stocks in die Höhe, ich schnappte mir den Handschuh. Der Slowake freut sich und riss seine Hände kurz in die Höhe. Da schrie Murad plötzlich laut auf, weil er das Gleichgewicht verlor. Gerade noch rechtzeitig realisierte der Slovake, dass er ihn doch lieber wieder festhalten sollte. Die zweite Runde ging also an uns drei Pilger.


Dienstag, 26.11.2019
Die Kommune

Am späten Nachmittag komme ich an einer, nennen wir es Kommune, vorbei. Gegründet wurde sie vor fünf Jahren von einem Australier. Seit dem kommen und gehen die Menschen wie sie wollen. Der Hippietraum einer jeden oder eines jeden! Sie sind freundlich und bieten etwas zum Essen und zum Trinken an. Alles natürlich kostenlos. Wer möchte spendet einfach etwas Geld. Im Sommer ist es hier bestimmt der Wahnsinn. Hipsters überall und jede und jeder ist ja irgendwie einzigartig und macht ganz zwanglos einfach sein Ding. Im Winter allerdings bröckelt der Putz des so sorglosen „Wir-lieben-uns-alle-Lifestyles“ etwas. Bei Regen und Kälte wirken die selbst gezimmerten Outdoormöbel trostlos und ein Hippie gesteht uns, dass sie bis vor kurzem zu zwölft waren – jetzt aber nur noch zu viert. Und leider haben sie im Winter halt auch kein warmes Wasser, was das Duschen etwas ungemütlich macht. Da sieht man direkt, wer die eingefleischten Idealistinnen und Idealisten sind und wer gerade nur ein „Gapyear“ macht. Ich verbleibe hier nicht. Sie sind zwar alle super lieb, aber ohne warme Dusche hält mich hier nichts. Vielleicht im Sommer, da herrscht dann direkt Zeltlagerfeeling und es werden Yoga- und Meditationskurse angeboten.


Montag, 25.11.2019
Allein in der Herberge

20:27 Uhr

Nach über 400 km und einem letzten Anstieg von über 600 Höhenmetern, lasse ich Kastilien hinter mir. Nun beginnen die letzten 170 km durch Galicien bis nach Santiago. Die heutige Etappe war abgesehen von der Steigung angenehm. Zur Mittagszeit gab es die gewohnte heiße Schokolade und frische Süßwaren vom Bäcker. Meine Herberge ist heute in Hospital da Condesa. Galicien hat wegen der vielen Pilgerinnen und Pilger einige staatliche Herbergen gebaut. Ich verbringe heute in einer von ihnen die Nacht. Sie ist sehr funktional, aber modern eingerichtet. Leider habe ich es nicht geschafft, mich beim WLAN anzumelden. Das liegt aber wohl an meiner deutschen Handynummer. Ich bin an diesem Tag der einzige Pilger in der Herberge und hab daher die komplette Hütte für mich. Auch mal ganz nett! Heiß duschen solange ich will! Nur das Licht im Schlafsaal bekomme ich einfach nicht aus. Ich finde auch nach dem zehnten Rundgang keinen Lichtschalter. Hoffen wir mal, dass das Licht per Zeitschaltuhr gesteuert wird. Sonst wird das eine ruhige, aber verdammt helle Nacht.


Sonntag, 24.11.2019
… oder hoch zu Pferd

20:18 Uhr

Auf dem Weg von Ponferrada weiter Richtung Santiago habe ich die Schweizer Tierärztin Michaela kennengelernt. Sie ist in ihrer Heimat gestartet und hat daher schon über 1800 km hinter sich gebracht. Doch sie pilgert nicht etwa zu Fuß oder auf dem Drahtesel sondern auf dem Pferd. Ich bin an vielen Tagen mit mir selbst überfordert oder zumindest an der Grenze dazu. Da wäre ich mit Sicherheit nicht in der Lage, mich auch noch um ein Tier und seine Bedürfnisse zu kümmern.
Die meiste Zeit bin ich heute mit einem Slovaken unterwegs. Es ist eine angenehme Abwechslung zum tagelangen alleine umherirren. Die Stunden vergehen schnell und so wollen wir noch 5 km an unser Tagespensum dranhängen.


Leider hat die Herberge, obwohl anders ausgeschildert im Winter geschlossen. Wer hätte das erahnen können. Meine neu entdeckten Schmerzen im Knie nehmen zu, aber die müssen jetzt noch mal 5 km warten. Da kann ich leider auch nichts machen. Im nächsten Ort Trabadelo finden wir eine Herberge und treffen auf Michaela, ihr Pferd und weitere bekannte Gesichtern, denen es ähnlich ergangen ist. Auch wenn jede und jeder den Weg für sich gehen muss, am Ende des Tages ist man nur sehr selten alleine.


Samstag, 23.11.2019
Zwischen Schnee und Matsch

16:14 Uhr

In der Nacht hat es geschneit. Das Antlitz des Schnees ist durch einen dichten Nebel getrübt. Die Sichtweite in Cruz de Ferro liegt bei 15 m. An diesem Kreuz legt jede Pilgerin und jeder Pilger einen Stein ab, den sie oder er mitgebracht hat. So häuft sich dort ein beachtlicher Steinhaufen. In seiner Mitte ragt ein Stamm mit einem eisernen Kreuz am Ende heraus. An diesem Tag gleicht es allerdings eher einem immensen Schneehaufen. Schritt um Schritt kämpfe ich mich den Pfad entlang und versuche, den Schneemassen Herr zu werden.

Der Pilgerstab verschwindet bei Verwendung zu zwei Dritteln im Schnee und ist mir hier zumindest mal keine Hilfe. Nach dem Kreuz beginnt langsam der Abstieg, es geht langsam voran. Aber auch wenige Schritte machen mit der Zeit eine beachtliche Strecke. Irgendwann geht es aber dann nicht mehr weiter, bis zur Hüfte stecke ich im Schnee und Eisregen peitscht mir ins Gesicht.

Ein Bauer eilt mir und anderen Pilgerinnen und Pilger zur Hilfe und verweist uns auf die Hauptstraße, die wir verwenden sollen. Ein Weiterkommen auf dem Wanderweg ist unmöglich.

Die Hauptstraße bzw. der Pilgerweg für Radfahrer ist nicht geräumt, aber man kann ihn begehen. Der Abstieg ist nebelig, windig und gespickt mit Windböen, der sich mit Eisregen gepaart hat. Kurz gesagt: der Abstieg ist anstrengend. Ich bin schlicht nicht auf so ein Schneegestöber vorbereitet. Aber nach dem heutigen Tag sollte es vorbei sein.
Auf dem Weg nach unten kommen uns eigentlich nur zwei, drei Geländewägen entgegen. In einem Ford, der tatsächlich die beiden hinteren Fenster offen hat, bellt fröhlich ein Hund heraus. Der Fahrer und seine Beifahrerin sitzen allerdings vollvermummt auf ihren Plätzen. Das nenne ich mal Liebe zum Haustier: sich den Arsch abfrieren, damit der Hund frische Luft hat.
Mit dem voranschreiten des Tages wird aus dem Schnee Matsch und aus dem Matsch eine Sturzflut. Ein weiteres Mal danke ich innerlich meiner Schuhverkäuferin.

Zum Glück endet irgendwann auch der steilste Abstieg. Die Dörfer unterwegs sind alle samt wie ausgestorben, da kann ich meine heiße Schoki wohl vergessen. Aber gut gelaunt komme ich dann doch irgendwann in Ponferada an und begebe mich direkt in die nächstgelegene Herberge. Heute muss ich die Wäsche machen, denn ich kann mich  selbst kaum noch riechen!


Freitag, 22.11.2019
Ein Platz am Kamin

16:51 Uhr

In der Herberge in Astorga werde ich von fröhlicher Kirchenmusik geweckt. Die Nacht war ok, aber man gewöhnt sich mit der Zeit an so einiges.
Rabanal del Camino war dagegen wechselhaft. Mal scheint die Sonne und plötzlich regnet und stürmt es. Daher lege ich heute mal lieber zwei Heiße-Schoki-Pausen ein. Der letzte Abschnitt des Tages beginnt rund auf 1200 m Höhe und führt mich auf über 1400 m nach Foncebadon. Eigentlich sind es nur etwa 6 km. Ein gemütlicher Nachmittagsspaziergang – so scheint es, aber leider weit gefehlt. Soweit das Auge reicht nur Schnee, nur Bergauf und Sonne! Alles beginnt zu schmelzen und sucht sich mit aller Gewalt den Weg nach unten. Das Wasser unterspült den Schnee, immer wieder sacke ich bis zu den Knien ein. Es geht durch reißende Bäche, durch Matsch, durch knietiefen Schnee oder einer Mischung aus allem.

Da lache ich einfach los! Mitten im Nirgendwo – bis zu den Knöcheln im Matsch!
Vor mir Schnee, hinter mir Schnee! Ich stehe in einem Fluss aus Schmelzwasser – wie soll man da auch anders reagieren? Gerade bin ich einfach unfassbar dankbar für meine Stiefel! Wie häufig hab ich sie verflucht! Sie sind zu schwer! Sie sind zu störrisch! Es hätten auch Turnschuhe gereicht! Aber just in diesem Moment bin ich Olivanders Frau dankbar. Diese Strecke ohne das richtige Schuhwerk ist wirklich eine Qual. Jeder Schritt ist anstrengend, aber auch befreiend. Es ist verrückt, aber ich fühle mich phantastisch! Als der Schneeregen einsetzt erspähe ich über ein paar Schnee-Matsch-Felder hinweg das heutige Ziel. Die Herberge, oder besser gesagt die Hütte, ist spektakulär – jedenfalls empfinde ich das gerade so. Drinnen brennt ein Feuer am offenen Kamin. Der junge Hüttenwirt hört HipHop und das Frühstück ist ebenfalls inklusive. Hier fühlt man sich direkt wohl, da bestelle ich auch gerne noch ein Abendessen mehr.

20:24 Uhr

Das Abendessen wir in einer überdimensionalen Pfanne serviert. Es ist eine einfache Paella, aber in diesem Moment ist sie ist eine wahre Freude für meinen Gaumen. Dazu gibt es noch Käse, Wurst, Schinken, Salat, Humus und noch warmes Brot.
Neben dem Feuer zu sitzen und nach den Anstrengungen des Tages mit anderen Pilgerinnen und Pilger den Abend ausklingen zu lassen, ist eine Wohltat. Es wird geredet, es wird gelacht und natürlich auch diskutiert. Langsam wird der Kreis um den Kamin enger. Die aufziehende nächtliche Kälte treibt die Pilgerinnen und Pilger zusammen. Die Schuhe und Socken die noch am Feuer liegen werden noch ein letztes Mal gewendet, bevor eine oder einer nach der oder dem anderen in ihren oder seinen Schlafsack verschwindet und nur noch die Freundin des Hüttenwirts das restliche Geschirr wegräumt.


Donnerstag, 21.11.2019
Zwischen Schnellstraße, Pützen und einer schlechten Wahl

19:33 Uhr

Von Leon nach San Martin führt der Camino führt entlang einer Schnellstraße. Würde der Tag ein Titel tragen wäre es etwas wie „der notwendige Mindestabstand zu LKWs bei Regen“. Die Strecke verlief eben, allerdings regnete es den gesamten Tag. Das Resultat waren große Pfützen auf dem Weg und auf der Schnellstraße. Besonders bei LKWs musste man daher schnell in Deckung gehen, um dem Wasserschwall zu entgehen. Der richtige Winkel zwischen Pfütze, LKW und Pilgerin oder Pilger ist hierfür entscheidend.

Mit der Zeit hatte ich den Kniff raus und es reichte ein schneller Schritt zur Seite mit einer Vierteldrehung. In San Martin stand ich vor der Entscheidung einer Herberge für 5 € und ohne Heizung oder einer Herberge für 8 € mit Heizung. Im November fällt einem die Wahl daher erst einmal nicht wirklich schwer. Was aber bei der Wahl aber immer nicht berücksichtigt wird, sind die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Auf die hat man leider keinen Einfluss. So treffe ich zwei Pilger in Kutte, die mir für meinen Geschmack etwas zu naturverbundenen sind. Der strenge Körpergeruch in Verbindung mit den modrig-nassen Klamotten ist kaum auszuhalten. Und duschen tun die beiden auch am gesamten Abend nicht. Aber zu spät, die Unterkunft ist gewählt. Da hilft nur eins, meine Salbe mit Tigerbalsam großzügig auf meine Beine zu verteilen und hoffen, dass man einschläft bevor die Geruchswirkung nachlässt.


Mittwoch, 20.11.2019
Shopping-Tour

Nach dem gestrigen Marathon, gab es heute für mich entspannte 20 km. Auf dem Weg habe ich den „Survival-Wanderstock-Italiener, der gerne mal den Regenwald vernichtet“ wieder getroffen. Da ich lieber nicht das Risiko einer schlaflosen Nacht eingehen möchte, gönne ich mir ein Einzelzimmer in einer privaten „Albergue“.

Zum ersten Mal seit Wochen habe ich eine Badewanne. Ich freue mich riesig und gönne  mir direkt ein halbes Stündchen in der etwas zu kurzen Wanne. Tiefenentspannt geht es an die Planung der nächsten Tage. Erster und wichtigster Punkt: Mütze, Handschuhe und eine Thermosflasche kaufen. Nach der großen Shoppingtour folgt noch die kleine, für Lebensmittel und Schokolade. Ja, Schokolade muss ich extra erwähnen, da sie für mich unverzichtbar beim Pilgern ist.
Am Abend koche ich noch und bereite mein Pausenbrot für den nächsten Tag vor. Keine Sekunde zu früh! Wie aus dem nichts tauchen da meine beiden Luxusreise-Zahnbürsten Koreaner in der Küche auf und kochen verrückte Sachen mit Reis.
Ich freue mich heute auf mein Bett mit Kopfkissen und Bettdecke. Wie wenig man doch braucht, um glücklich einzuschlafen.

Dienstag, 19.11.2019
Angeblich heult jede oder jeder einmal auf dem Camino

10:12 Uhr

Die Strecke von Sahagun nach Mansilla de las Mulas gestaltete sich angenehm. Die Temperaturen und die Distanz von fast 40 km sind nicht das Problem. Auf der Strecke gab es leider nur eine einzige Bar, in die ich einkehren konnte. Und so schleppte ich mich pünktlich zum Sonnenuntergang in die öffentliche Herberge. Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen hatte schmerzten meine Füße, als ob jemand mit tausend heißen Nadeln in meine Fußsohlen stechen würde. Es ist unbeschreiblich schmerzhaft und mir schießen die Tränen in die Augen. Jetzt ist es wohl soweit! Angeblich heult jede oder jeder einmal auf dem Camino. Aber doch nicht auf dieser Pritsche, die durchaus schon bessere Zeiten gesehen hat.
Ich liege nur da und warte, dass der Schmerz nachlässt. Noch bevor der Schmerz abgeklungen ist, setzt der der Schüttelfrost ein. Ich zittere mit jeder Faser in meinem Körper. So liege ich da also – eingekauert in der Embrionalstellung; Schmerzen an den Füßen und am ganzen Körper zitternd. Eine gefühlte Ewigkeit bin ich nicht in der Lage, irgendwas zu machen!
Dann gebe ich mir klare Anweisungen. Zieh die verschwitzte Kleidung aus! Zieh dir einen trockenen Pulli an! Nimm deine Flasche und bereite dir einen Tee zu! Pack den Schlafsack aus und leg dich hinein! Es dauert eine ganze Weile bis sich mein Körper beruhigt und ich langsam warm werde. Meine Teeflasche liegt mit mir eingekuschelt im Schlafsack und ich döse irgendwann vollkommen erschöpft weg. So fühlt sich also eine massive Unterkühlung an.
Danke, aber das brauche ich nicht noch einmal. Morgen geht es ab nach León. Da kaufe ich erstmal Kleidung ein. Ich esse nichts mehr, gehe nicht einkaufen und trinke lediglich meinen Tee. Danach schlafe ich tief und fest.


Sonntag, 17.11.2019
Von guten Nachrichten und Einsamkeit

00:10 Uhr

Auf den 18 km nach Calzadilla de la Cueza steht im Reiseführer wenig erbauliches. Keine Geldautomaten bis Sahagun, keine Wasserquellen, kein Schatten und natürlich sengende Hitze. Nun ja die Hitze gab es bei mir zwar nicht, dafür Kälte und mal wieder Gegenwind. Selbst die Pfützen waren auf dem Weg gefroren. Die Schritte auf diesem Abschnitt kommen einem tatsächlich endlos vor. Die immer gleichbleibende Umgebung und der durchweg gerade verlaufende Schotterweg, wirken lähmend. Aber auch diese Etappe geht mit genügend Pausen vorbei. Umso größer ist die Freude, dass ich schon über die Hälfte des Camino Frances geschafft habe. Fehlen also nur noch 400 km! Just in diesem Moment erhalte ich wichtige Nachrichten von zu Hause.
Meine Staatsexamensergebnisse sind heute mit der Post eingetroffen und ich habe bestanden. Ich freue mich, lache und springe durch die Gegend. Was das wohl für ein Anblick für alle anderen gewesen sein muss? Ein Pilger mit Stab und Rucksack, der gut eingepackt ist, hüpft gut gelaunt bei einer starken Kälte den Camino auf und ab. Eigentlich kann ich jetzt aufhören. Ich habe 400km geschafft und ich habe mein Examen bestanden. Besser kann es nicht mehr werden. Bestens gelaunt verfliegen geradezu die Kilometer. Die Laune trägt mich beschwingt 32 km bis nach Moratinos.

Hier gibt es nur eine Herberge die im Winter angeblich geöffnet hat. Die ist allerdings geschlossen. Ich versuche es telefonisch und der Besitzer schickt mir jemanden, der mir die Tür aufmacht und versichert mir, dass er später bezüglich der Formalitäten und der Abrechnung vorbei kommt. Ich bin komplett alleine in der zugegeben sehr schönen Herberge. Das auf den Werbeplakaten angebotene Frühstück oder Abendessen gibt es wohl nicht. Ebenso wenig gibt es eine Möglichkeit, Wäsche zu machen. An Einkaufsmöglichkeiten ist auch überhaupt nicht zu denken. Das wird heute ziemlich knapp und ich muss wirklich gut rationieren. Auch der Eigentümer taucht bis Mitternacht nicht auf. Und das aller schlimmste: es fehlt mir ein Stempel im Pilgerpass. Jetzt bekomme ich nie meinen postmittelalterlichen Ablassbrief durch die Würdenträger.

17:10 Uhr

Der heutige Abschnitt war kurz, er war zu kurz. Genau genommen bin ich faul. Aber wer gesteht sich das schon gerne ein? Also laufe ich ohne Frühstück, hungrig und natürlich bei strömenden Regen bis Sahagun. Zu meinem bestandenen Examen möchte ich mir nun endlich ein leckeres Restaurant gönnen. Das muss trotz nachgeahmter mittelalterlicher Demut und Sparsamkeit drinnen sein. Und so verschlägt es mich in die örtliche Taverne. Viel Auswahl hatte ich leider nicht, denn es ist November und Sonntag. Da muss ich über jedes Licht in der Altstadt geradezu verzückt sein. Und so gibt es für mich heute Mikrowellenkost am örtlichen Treffpunkt der Menschen, die gerne zu tief ins Glas schauen. Man könnte aus dieser Kaschemme eine richtig nette Kneipe machen. Vielleicht mit etwas netter Musik, hier gibt es allerdings nur Trash-TV, Schnapsnasen und nervig blinkende Spielautomaten.

20:39 Uhr

Es hilft alles nichts, heute Abend brauche ich mal wieder Gesellschaft. Der Mensch wird eben doch vom ICH zum DU oder so ähnlich. Seltsam ist es trotzdem, über Tage und Kilometer hinweg lernt man eine Gruppe von Pilgerinnen und Pilger kennen und schätzen, die den Weg mit einem oder besser neben einem Laufen. Die gemeinsamen kleinen und verrückten Abenteuer verbinden uns. Doch nach ein paar Tagen der Krankheit sind all diese Menschen unerreichbar. Klar könnte ich schummeln und einen Bus nehmen und wäre sofort wieder mit dabei.
So aber falle ich in eine neue Gruppe. Der Direktor hat mir mitgeteilt, dass ich das Klassenziel nicht erreicht habe und ab sofort zurückgestuft bin. Wieder eine neue Klasse und sie schon seit Jahren eine Gemeinschaft.
Sich da zu integrieren ist anstrengend. Menschliche Beziehungen sind anstrengend oder bedürfen zumindest eines gewissen Engagements. Aber heute brauche ich es einfach. Da ist wieder der verrückte Ritter, der in Sachen Geruch heute zum Glück Lagerfeuer aufgelegt hat, was mir als Pfadfinder sehr vertraut ist. Da ist eine etwas dreckige, mit Dreadlocks bestückte Tschechin, die von daheim aus losgelaufen ist. Am liebsten würde ich wie Oma mit dem Waschlappen kommen und die Flecken aus dem Gesicht wischen. Da ist eine lustige Gruppe bestehend aus Menschen aus Italien, Frankreich und Marokko. Sie alle teilen eine Liebe zu gewissen, natürlichen Rauschmitteln. Da ist ein Kanadier, der jung ist und die Welt verändern möchte und es womöglich auch wird. Er hat gerade 10 kg Bohnen aus dem Abfall eines Supermarktes gerettet.
Es tut gut etwas unter Menschen zu sein, bin aber auch froh, dass ich frei entscheiden kann, ob ich morgen alleine laufe oder nicht. Wer weiß, vielleicht treffe ich ja die „alten“ Verrückten noch einmal wieder.


Freitag, 15.11.2019
Schöne Wege abseits und die Kälte

20:02 Uhr

Heute ging es bis Carrion de los Condes. Das ist ein nettes Dorf, das auf dem Weg nach Leon liegt. Die Strecke ist weitestgehend eben, deshalb entschied ich mich für die wesentlich schönere Strecke, wie mein Reiseführer verhieß. Allerdings bedeutete dies auch ein paar Kilometer extra. Die Route war tatsächlich sehr schön an einem Fluss entlang. Sie lag abseits der Hauptverkehrsstraße was sie auch wesentlich matschiger machte.
Aktuell mache ich mir vor allem wegen meiner Ausrüstung sorgen. Selbst die Tagesschau berichtet mittlerweile über die „heftigen Schneefälle im Süd-Osten Frankreichs“. Diese haben uns zwar noch nicht erreicht, aber die Kälte ist langsam so richtig „zapfig“. Damit hat wohl keiner der Pilgerinnen und Pilger gerechnet. Selbst die Klosterschwester meiner heutigen Herberge erklärt uns, dass es schon verdammt kalt sei. Hinzu kommt noch, das Santiago nun mal im Westen liegt und uns somit bei jedem Schritt quasi der Atem Gottes entgegen pustet. Naja, da kann man nix machen. Hätte man aber ja auch irgendwie von selbst drauf kommen können, dass es im November kalt werden kann. Die Herbergen sind meistens genauso gut gedämmt wie der Bahnhof in Paris. Sie kommen hier kaum mit dem Heizen nach. Deshalb schlafen die meisten nun mit der Mütze auf dem Kopf.


Dienstag, 12.11.2019
Krank

7:53 Uhr

Die heutige Wanderung ging 31 km nach Hontanas. Die Strecke bin ich gemeinsam mit  Klaus aus Wien gelaufen. Wir haben ein ähnliches Tempo und nach Tagen des Singlepilgerns ist es schön, sich mit jemanden unterhalten zu können. Das Wetter ist zuerst leicht regnerisch, klart aber langsam auf. So können wir die Kilometer geradezu verschlingen.
Die städtische Herberge in Hontanas ist leider etwas heruntergekommen und so nehmen Klaus und ich uns jeweils ein Zimmer in einer privaten Herberge. Am Abend bekomme ich kaum einen Bissen herunter. Nachdem heutigem Marathon bin schlicht zu erschöpft. Sogar zu erschöpft zum Essen und das obwohl ich eine Vielzahl an Kalorien verbrenne. Die Nacht war dann auch noch sehr unruhig. Was soll ich sagen? Wir zwar nur drei Pilger, aber ein haarloser Italiener hat sich der Vernichtung des Regenwaldes ebenfalls verschrieben. Daher komme ich heute etwas später los und werde wohl nicht mehr so viel Strecke machen!

10:06 Uhr

Der italienische Pilger hat sehr interessante Wanderstöcke. Die folgende Beschreibung entspricht nicht meiner Fantasie, sondern ist eine Tatsachenbeschreibung. Seine beiden Trekkingstöcke sind jeweils mit drei Fahrradtaschenlampen ausgestattet, einem Regenschirm, einer Warnweste, einem Regenschutz für den Rucksack, einer Notfallpfeife mit integriertem Kompass, diversen Klammern, Bänder zur Befestigung und eine Tasche für einen Kleingeldbehälter. Der Münzbehälter ist der eines Kellners, um einzelne Münzen schnell zu bekommen. Das Wirrwarr an Dingen ist sorgfältig um die Stöcke gewickelt und mit den Klammern befestigt.

15:40 Uhr

Auf dem Weg nach Itero de la Vega, geht es mir mit jedem Schritt schlechter. Mein Magen spielt Pingpong. Eines ist klar, normal ist das nicht. Was aber tun? Natürlich habe ich alle möglichen Medikamenten dabei, dass passende aber natürlich nicht. Indem winzigen Örtchen Itero de la Vega, wo ich mich mühsam hingeschleppt habe, gibt es leider weder Apotheke noch einen Arzt. Aufgeben, ein Taxi nehmen und ab zum Flughafen erscheint gerade zu verführerisch. Es wäre so leicht! Doch Zusammenreißen! Also ab in ein einigermaßen sauberes örtliches Hotel. Heute habe ich einmal ein Einzelzimmer und lege einen Tag Pause ein. Ich versuchen klar zu denken und beschließe: „Ganz egal was es ist, ist es nicht bis übermorgen besser, muss ich definitiv zum Arzt. Dann kann ich ja immer noch abbrechen. Den Pausentag verbringe ich fast ausschließlich mit schlafen.
So eine Lebensmittelvergiftung kann einem wirklich die Pilgerei versauen. In welcher der Spelunken ich sie mir aber zugezogen habe, vermag ich nicht zu sagen! Dafür habe ich in zu vielen getrunken, gegessen oder eingekauft.
Ich fühle mich nach dem Pausentag zwar nicht fit, aber sicher genug um auf meinen eigenen Stelzen, die nächsten 14 km nach Fromista zu starten. Die Strecke ist eben und immer an einem Fluss entlang. Der Wind pfeift mir um die Ohren und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Wenn ich die Augen schließe, kann ich förmlich die Brandung der Wellen hören und das Salzwasser der Nordsee riechen. Für was so ein Fieberwahn alles gut sein kann. Das Laufen hat mir gefehlt. Ich weiß der Pausentag war nötig. aber trotzdem es fühlt sich gut an. Die Freiheit in der Seele, der Wind um die Ohren und die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Nasenspitze. Heute suche ich mir noch mal ein Einzelzimmer, dann bin ich morgen hoffentlich wieder bereit für das Wandern und schlaflose aber unterhaltsame Nächte in dichtgedrängten Massenunterkünften.

Zwar hatte ich einen Erholungstag, dafür haben mich die Koreanerinnen und Koreaner wieder eingeholt. Es geht halt niemand auf dem Camino verloren. Auch nicht meine koreanischen Luxusreise-Zahnbürsten Pilgerinnen und Pilger.

17:06 Uhr

Als ich in Fromista ankam, war leider erst einmal alles geschlossen. Ein hilfsbereiter Spanier erklärte mir, dass einer aus dem Dorf verstorben sei und dass sich deshalb das gesammelte Dorf zur Beisetzung einfindet. Er kenne ihn zwar nicht wirklich, aber es gehöre sich halt so. Dazu lädt er mich noch in seine Pilgerherberge ein, die auf Spendenbasis funktioniert. Aber Einzelzimmer hat er leider keine, daher muss ich leider passen. Ich werde wohl in der nächsten Stunde kein Zimmer bekommen. Deshalb gehe ich in ein offenes Café und genieße eine heiße Schokolade. Auf dem Weg zurück sehe ich einen alten Spanier mit schneeweißen Haaren und Zigarillo in einem Elektrorollstuhl. Also genau genommen war es kein Rollstuhl, sondern vielmehr ein Elektroroller zum hin setzen. Weiß der Geier, wie man diese Dinger nennt. Sein winziger Hund begleitete ihn seelenruhig den Weg entlang.

18:46 Uhr

Man erliegt dem Glauben, wenn man beinahe die Hälfte der Strecke geschafft hat, dass man eigentlich schon alles gesehen hat, was es zu sehen gibt. Zu meinem Abendessen gibt es vorsichtshalber Tütennudeln mit abgekochtem Wasser. Da kommt eine Gruppe von alternativen Möchtegern-68er herein. Sie bringen eine Wolke aus starken Körpergerüchen mit. Der Geruch ist wirklich widerwärtig. Selbst unter Pilgerinnen und Pilgern herrscht in der Regel ein besserer Umgang mit der eigenen Hygiene. Das Sahnehäubchen allerdings ist ein junger Mann, der tatsächlich in Ritterkutte pilgert. Auf ihr prangen auf Brust und Rücken groß die roten Kreuze. Passend dazu trägt er fettiges schwarzes Haar und einen ungepflegten Bart. Er würde auf jeden Fall den ersten Platz bei jedem Kostümwettbewerb bei Ritterfestspiel machen. Vor allem die B-Note ist kaum zu überriechen. Da bin ich doch heute doppelt froh, dass ich mir ein Einzelzimmer genommen habe.


Sonntag, 10.11.2019
Pilgern in der Gruppe?

21:28 Uhr

Die Nacht war ruhig und so starte ich meinen Weg die ersten Meter in Begleitung von zwei argentinischen Pilgerinnen und die Pilger. Sie sind anfangs immer zusammen gelaufen, aber es ist schwer, als Gruppe gemeinsam den Camino zu bewältigen. Jede und jeder hat ihr oder sein eigenes Tempo, ihr oder sein eigenes Bedürfnis nach Pausen, ihre oder seine eigene Zeit zum Aufstehen und natürlich ihr oder sein eigenen Essensrhythmus. Da muss man in der Gruppe schon verdammt viele Kompromisse eingehen oder einen Zwilling gefunden haben. Die meisten Gruppen haben sich mit der Zeit aufgelöst – zumindest den Tag über. Häufig verabreden sie sich dann für die nächste Herberge.
Und so laufe ich nur mit zwei der drei Argentinierinnen und Argentiniern los. Schnell wird klar, dass unser Tempo nicht zusammenpasst. So verabschieden wir uns und freuen uns auf ein Wiedersehen in der Herberge.
Das Wetter ist wirklich eisig. Es schneit eigentlich durchgehend und meine Kleidung ist überhaupt nicht auf Minustemperaturen ausgelegt. Der Weg führt heute über einen Berg und an endlosen und vor allem seelenlosen Teerstraßen entlang.
Endlich in Burgos angekommen, gibt es erst einmal eine heiße Schokolade im nächsten Bistro. Hier sind auch die zwei Verrückten aus Dänemark und verbreiten direkt gute Laune. Die Herberge ist noch geschlossen und so warten wir gemeinsam im Dauerregen auf die Eröffnung der Herberge.
Meine Essensvorräte konnte ich gestern leider nicht auffüllen und heute wird das wohl auch nix! Es ist Sonntag! Also muss ich heute wohl noch einmal Essen gehen.


Samstag, 9.11.2019
Von Gentlemen und Heldentaten

15:28 Uhr

Die öffentliche Herberge in Belorado sollte zwar offen haben, aber sie war schon zu Tagesbeginn ausgebucht. Sie wurde einfach an eine Reisegruppe vermietet. Diese waren zwar keine Pilgerinnen und Pilger, aber auch auf den Jakobsweg gilt wohl, das Geld nicht stinkt. Mein Glück ist, dass ich ein Morgenpilger bin. Ich liebe es, in der Dunkelheit loszuwandern und den Puls der Stadt oder des kleinen Dorfes zu spüren. Die Stadt erwacht und mit ihr geht die Sonne auf. Das ist einfach herrlich.
Das war heute mein großer Vorteil. Als einer der ersten Pilger konnte ich noch ein günstiges Bett in einem Hostel ergattern. Andere Pilgerinnen und Pilger mussten teure Pensionen nehmen oder aber weiterpilgern. Das blieb mir zum Glück bei diesem „Sauwetter“ erspart.
Ian ist Ire und gönnt sich nach jeder Etappe erst einmal eine Flasche Wein. Natürlich auch hier. So kam es, dass Ian und der Koch ins Gespräch kamen und der Abend länger und weinreicher wurde.
Ein Mädchen aus Polen begleitet uns schon seit einiger Zeit. Damit meine ich, dass wir in derselben Herberge unterkommen. Sie war ebenfalls auf der Suche nach einem Dach für die Nacht. Leider gab es nur noch teure Einzelzimmer, welche sie sich nicht leisten wollte. Ian ergriff die Chance und nahm für sich selbst ein Einzelzimmer, um es der Polin anzubieten und nahm selbst das Bett im Schlafsaal. Sehr vorbildlich. Der hat also seine Gute Tat für heute erledigt. Morgen bin ich mal wieder dran.
Am Abend gibt es dann eine sehr gesellige Runde, welche zusammen die berühmten Pilgermenüs verspeist. Ian und der Koch waren mittlerweile gut dabei und so wurde zum Hauswein noch grässlicher aber mit Sicherheit desinfizierender Selbstgebrannter serviert. Wenn bloß dieses elende Laufen am nächsten Tag nicht wäre. Die Vernunft siegt an diesem Abend. Immerhin liegen am nächsten Tag 27 km vor mir und so überlasse ich Ian, dem Koch, der Polin, den zwei Italienern und zwei zünftigen Kerlen aus Wien ihrem Schicksal.

21:25 Uhr

Auf dem Weg Richtung Burgos, dem nächstem großem Ziel der Pilgerreise, mussten wir durch Puerto de la Pedraja. Der kleine Ort liegt auf ca. 1.150 m, und so verwandelte sich der Regen, der mir ins Gesicht peitschte in Schnee.
Wenn man beim Packen auf jedes Gramm achtet, hat man eher keine dicke flauschig-warme Winterjacke dabei. Auch die Handschuhe sind eher dünne Herbsthandschuhe. Doch jammern hilft mir gerade nicht, weshalb ich kurzerhand alles an Kleidung übereinander ziehe, was ich dabei habe. Das gute alte Zwiebelprinzip.

In San Juan de Ortega, dem heutigen Ziel, stelle ich fest, dass die Herberge geschlossen ist, obwohl sie ganzjährig geöffnet sein soll. Ein Weiterpilgern lässt mein thermodynamischer Zustand leider gerade nicht zu. So mache ich mich mit der ebenfalls verzweifelten Tatjana auf die Suche, nach der einzigen geöffneten Spelunke, um uns wenigstens von innen mit einem kakaohaltigen Heißgetränk zu wärmen.

Kurz bevor wir wieder aufbrechen, treffen wir noch auf zwei Langzeit Pilger aus Dänemark. Sie transportieren ihr Gepäck in einem Kinderwagen. Frisch aufgewärmt und begierig darauf nun endlich meine gute Tat umzusetzen, reiße ich ihnen den Waagen aus der Hand und schiebe ihn die nächsten vier Kilometer, ob sie wollen oder nicht! Sonst bekomme ich doch nie mein Abzeichen als Helfer in der Not. Im kommenden Ort ist nun auch endlich eine Herberge, in der wir unterkommen. Leider gibt es hier aber keinen Supermarkt und so fallen wir dem Marktmonopol des örtlichen Restaurants zum Opfer und müssen unser Abendessen hier einnehmen. Frühstück gibt es morgen wohl leider nicht.


Donnerstag, 7.11.2019
Gefider in der Kirche

17:01 Uhr

Das Höchstmaß an Regen und Wind wurde heute erreicht – das hoffe ich zumindest.
Die Strecke nach Santo Domingo konnte ich trotz der Nässe gut bestreiten. Mitten auf dem Weg erhalte ich einen Anruf mit einem Jobangebote als Lehrer, bei dem ich sofort anfangen könnte. Tja, dass bringt so ein Weg wohl mit sich. Den ein oder anderen Stein, Erschöpfung und Überraschungen.
So auch die Kirche in Santo Domingo in der eine Henne und ein Hahn leben. Genau genommen ist es wohl eine Vielzahl an Hennen und Hähnen. So müssen sie nur im Schichtbetrieb in der heiligen Stätte.
Der Legende nach gab es wohl einen aufrichtigen deutschen Pilger, der als angeblicher Dieb gehängt wurde. Natürlich hatte er nichts gestohlen, sondern es war ein spanisches Mädchen, dessen Annäherungsversuche er nicht erwiderte. Frauen! Natürlich kamen die tief traurigen Eltern, um ihren Sohn zu begraben. Der aber war gar nicht tot! Überraschung! Um das zu beweisen, ließen die Eltern das gebratene goldbraune Hühnchen direkt vom Teller des örtlichen Richters wieder auferstehen. Ja, was soll man sagen, ich wäre auch verwirrt, wenn meine Chicken-Nuggets einfach davon fliegen würden. Und deshalb gibt es hier Hühner in der Kirche.


Dienstag, 5.11.2019
Richtig gepackt?

16:27 Uhr

Das Gepäck für einen 800 km Track ist eine Wissenschaft für sich. Ich als guter Pfadfinder habe verschiedene Packlisten von Hikes, online Plattformen und natürlich dem goldenen Pilgerführer verglichen und eine detaillierte Excelliste erstellt. Das Gepäck wurde grammgenau abgewogen. So näherte ich mich Stück für Stück näherte dem Richtwert von 10 % des eigenen Körpergewichts an.
Natürlich habe ich nur das Nötigste eingepackt, meint ich ganz überzeugt. Was wirklich notwendig ist, weiß man erst nach 150 km. Ich kann sagen: Ich habe viel zu viel dabei! Von was? Von allem! Zu viel Kleidung, zu viel Waschzeug und natürlich zuviel Krimskrams! Aber der Camino regelt das auch für mich. Zum Beispiel eine überflüssige Wanderhose habe ich direkt in einer Herberge vergessen. Wäre sie wirklich Notwendig gewesen, hätte ich wohl beim Einpacken vermisst. Diät für den Rucksack alla Camino. Die meisten Herbergen haben auch Kisten, in den liegengebliebene Sachen verschenkt werden. Besseres Recycling ist kaum möglich. An dieser Stelle wünsche ich dem Träger meiner, auf natürliche Art und Weise ausrangierten Wanderhose, einen „Buen Camino“! Möge sie dir gute Dienste leisten.

Die Nächte in den Herbergen sind meist gut. Wer sich mit Ohrstöpseln wappnet und seinen eigenen Schlafsack dabei hat, findet eine passable Unterkunft für wenig Geld. Und mal ehrlich: So ein wenig „leiden“ gehört ja auch zum Pilgeralltag.
Es gibt aber auch Nächte, in denen wird im Stockbett unter dir der Restbestand des Amazonasregenwaldes platt gemacht. Mehrere Frischluftfetischisten sind dagegen auch trotz nächtlicher Minustemperaturen, Regen und Windböen der Meinung, die Fenster und die Balkontür komplett aufreißen zu müssen. Mein leichter Hüttenschlafsack bietet hier wenig Schutz. In embryonaler Stellung liege ich in der windstillen Ecke meines Stockbettes und versuche, das gleichmäßige Umfallen der Bäume im Regenwald entspannend zu finden. Das ist aber leider nicht der Fall. Schlaf ist beim tagelangen Wandern allerdings eine schlichte Notwendigkeit. Und so gönne ich mir in Logrono eine Luxusherberge mit Handtuch, Bettwäsche, Duschgel und Seife zum Händewaschen.


Montag, 4.11.2019
Schlechtes Wetter

15:34 Uhr

In den letzten Tagen etablierte sich so etwas wie eine Routine in meinen Tagen. Spätestens um 6 Uhr aufstehen, ein Glas zum Trinken und einen Snack, Sachen packen, Laufen, Laufen, und noch mehr Laufen. Essen kann ich auch auf dem Weg, denn zwischendurch gibt es nur kurze Pausen. Das liegt an dem „Sitz-Pausen-Dilemma“ des Wanderns. Mache ich eine Pause würde ich mich gerne hinsetzen. Aber das Sitzen bedeutet einen immensen Kraftakt, um wieder loszuwandern. Um das Dilemma zu umgehen, fällt die Pause schlicht aus.

Heute Vormittag bin ich alleine gelaufen und fühle mich super. Deshalb bin ich auch schon um 11:45 Uhr bei meinem Tagesziel in Los Arcos angekommen. Dort treffe ich wieder die slowakische Stechschritt-Wanderin. Kurzerhand entschließe ich mich, mit einer gewissen Überheblichkeit, noch weitere 8 km nach Torres del Rio zu flanieren.

Doch das war wohl nicht die beste Entscheidung. Schlagartig setzen Regen und Windböen ein, die mich beinahe umwerfen. Die Strecke wird zu einer echten Tortur für Körper und Geist. Auf den letzten 1.000 m gesellen sich zwei postpupertäre, sich nach dem Abi erstmal ein Gapyear gönnende, langhaarige Bhagwanketten tragende Oberbayern, zu uns. Die Jungs sind eigentlich wirklich nett, aber nach dem Kampf mit den Windböen, ist alles erst einmal sch… !
Das schaut natürlich ganz anders aus, nachdem sich das Wetter wieder besser geworden ist. Als ich frisch geduscht bin und natürlich das ein oder andere Stück Schokolade die Achterbahn durch den Mund genommen hat, fühle ich mich wieder viel besser.


Samstag, 02.11.2019
Zu hohes Tempo

16:12 Uhr

Katharina, eine Slowakin aus der Finanzbranche, begleitet mich das erste Stück auf dem heutigen Weg. Die ambitionierte Hochleistungs-Wanderin beherrscht den perfekten Stechschritt und lässt auch mit steigender Distanz kein bisschen in der Geschwindigkeit nach. Sie hat einfach ihren Job gekündigt und lässt alles auf sich zukommen. Jetzt pilgert sie erstmal über Santiago nach Finistere. Danach hat sie aktuell noch keine Pläne.
Das Wetter ist grausam! Regen und peitschender Wind begleiten uns bergauf und bergab. Das Abwärtsgehen wird mit und ohne Stock zur glitschigen Schlitterpartie über die Geröllpiste. Die Sichtweite beträgt nur wenige Meter.

Nach einiger Zeit kann ich nicht mehr mithalten. Meine Hose ist durchnässt vom Regen, mein Pulli ist durchgeschwitzt und meine Füße schmerzen bei jedem Schritt. Ich muss wieder mein eigenes Tempo laufen. Also erst einmal ein oder vielleicht zwei Stückchen Schokolade und dann geht es für mich entspannter weiter.

Kurz vor dem Ziel der Tagesetappe holt mich Katharina ein. Sie hatte eine Pause gemacht, in der ich sie wohl überholt habe. Gemeinsam laufen wir die letzten Kilometer zur Herberge. Wir sind die ersten Ankömmlinge des Tages. Die Unterkunft kostet sagenhafte 5 €. Und genauso viel kann man auch erwarten. Sauber ist etwas anderes. Dabei sind wir ersten Eintreffenden an diesem Tag, nachdem – nennen wir es „geputzt“ wurde.
Nach den ersten gefundenen Bedbucks, wird mein Bett genauestens untersucht. Es scheint sauber zu sein. Ob ich mich in dieser Nacht erholen kann? Ich vermute eher nicht. Das Marathontempo von heute laufe ich morgen auf keinen Fall wieder.

Freitag, 01.11.2019
Waschtag

06:20 Uhr

Eine Herberge mit 22 Schlafplätzen sollte mehr als ein Bad haben. Hat sie aber leider nicht. Daher bildet sich um 05:30 Uhr die erste Schlange am Bad. Der unbekannte Pilger vor mir im Bad lässt sich alle Zeit der Welt. Er erledigt in Seelenruhe seine Morgentoilette mit einer vermutlich heiß prickelnden Dusche. Dazu hätte ich auch, allerdings kann ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Wenn jede und jeder 20 Minuten im Bad braucht, kann die oder der Letzte erst in über sieben Stunden aufbrechen. Ok, eventuell ist es auch der Überlebenswille. Ich bin mir nicht sicher, ob der Langduscherin oder dem Langduscher auf dem Weg geholfen wird, falls sie oder er Hilfe benötigt. Da kann die Nächstenliebe schon mal aufhören.
Es handelte sich übrigens um einen, das Bad komplett unter Wasser setzenden, Koreaner.

14:59 Uhr

Die Strecke nach Pamplona starte ich nach einer verhältnismäßigen langen Schlafphase alleine. Mir ist danach ein Stück alleine zu laufen. Es ist angenehm, das eigene Tempo zu laufen und sich nicht an anderer Leute Tempo anzupassen. Es regnet zwar den gesamten Vormittag, aber davon lasse ich mich nicht abhalten. Ich bewältige bis zum Mittag die ersten 15 km, als mir Sue begegnet. Heute ist ihr Tag. Sie möchte direkt weitergehen und auch nach Pamplona noch 17 km dranhängen. Also trennen wir uns gegen 13 Uhr, wünschen uns viel Glück und ich gehe in die Herberge.

Keine 15 Minuten später kommt Sue auch in die Unterkunft. Sie hat herausgefunden, dass es die nächste offene Herberge erst in 27 km gibt. Außerhalb der Saison haben viele Herbergen geschlossen und so kann es zu logistischen Problemen kommen.

Die Herberge ist wirklich nett. Wir haben den halben Tag noch vor uns und so beginnt, na wer hätte es erraten, das Waschen der Kleidung. Eigentlich alles kein Problem, da es sogar eine kostenlose Waschmaschine gibt, also Wäsche rein und anschalten. Ganz der Pfadfinder stelle ich mir natürlich einen Wecker, um meine Wäsche abzuholen. Nach Ablauf der Zeit geht direkt wieder in die Waschküche. Da erwartet mich auch schon eine blonde rundliche Frau, um direkt nach mir die Waschmaschine zu bedienen. In ihrem Eifer drückt sie erneut den Startknopf, bevor ich die Wäsche herausnehmen kann. Und so startet Runde zwei, in der als erstes Wasser eingelassen wird.
Auch nach zur Hilfenahme von Google und dem Befragen anderer Pilgerinnen und Pilger, konnten wir kein extra Schleuderprogramm finden. Das bedeutet Handarbeit: Wäsche raus und jedes Teil einzeln auswringen. Aber zum Glück habe ich heute Zeit. Hoffen wir einmal, dass meine Wäsche in den Trockner darf. Wir werden sehen!

18:19 Uhr

Leider stellt sich 60 Minuten später heraus, dass der angebliche Trockner, seine angedachte Aufgabe nicht kennt oder mit Absicht nicht wahrnimmt. Der Trockner ist eher ein Schleuderer. So hänge ich die Wäsche an meinem selbstgebastelten Gebilde aus Schnur und zwei Hochbetten auf. Ich bin etwas beruhigt, dass ich nicht alleine bin mit meinen Wäscheproblemen. Ein camouflage gemusterter Exmilitär aus Italien verzweifelt ebenfalls. Er hat einen Rucksack dabei, indem ich bequem Platz hätte. Leider hat er keine Schnur dabei und hängt daher die anderen Stockbetten mit seiner nassen Wäsche zu. Die nach uns anstehenden Pilgerinnen und Pilger sind gewarnt und probieren es erst gar nicht.


Donnerstag, 31.10.2019
Steiler Anstieg

06:09 Uhr

Die Nacht im Kloster wurde eher zu wach im Kloster. Es gibt 184 Betten. Christine, die Argentinier, von denen zwei Martin heißen und ich haben die Betten an der Toilette zugewiesen bekommen. Die Nacht über gibt es bei uns mehr Durchgangsverkehr als in so mancher Stadt während des Berufsverkehrs. Mein persönliches Highlight ist allerdings die Klospülung, die super funktioniert. Aber ihr Lärmpegel gleicht eher dem Grollen eines Raketentriebwerks. Sollte ich jemals wiederkommen, nehme ich auf keinen Fall das Bett mit der Nummer 133. Da beantrage ich lieber Kirchenasyl, schließlich sind jede Pilgerin und jeder Pilger in der Nacht mindestens zweimal in den Heiligen gekachelten Räumlichkeiten gewesen. Reden wir also nicht drum herum, die Nacht war sch… !

06:41 Uhr

Die angeschnittene Zahnbürste ist nicht das Ende des Minimalismuspilgers. Im Bad ist mir ein Herr begegnet, der nur eine Reisezahnpasta aus einem Hotel dabei hatte. Also diese Zahnpasta-Tübchen, die bei mir nach einmaliger Benutzung leer sind. Dieser kleine Bruder einer Zahnpasta-Tube und etwas Zahnseide reichen für seine tägliche Mundhygiene. Als Zahnbürstenersatz reicht ihm der Finger. Gepäcksparen in allen Ehren aber ich möchte meine Zahnbürste mit vollständigem Griff nicht missen.

18:46 Uhr

Nachdem sich Christine heute etwas später auf dem Weg macht, teilte ich mir einige Kilometer mit der quietschlebendigen Kanadierin Sue. Die angehende Sozialpädagogin, die seit Jahren die Welt bereist gesteht mir auf dem Weg, dass sie auf Grund einer Erkrankung chronische Schmerzen im Rücken hat. Der Schmerz ist schlicht immer da und sie muss damit leben. Auf einer Skala von eins bis zehn ist es heute eine zwei, sagt sie ohne lange darüber nachzudenken. Am Vortag war es allerdings eine neun und das am wohl steilsten Teil der Strecke. Sue ist nicht nur taff, sondern auch Pfadfinderin in Kanada. Das Eis ist spätestens jetzt gebrochen und wir beschließen die gesamte Tagesetappe gemeinsam zu gehen.
Der Vormittag ist regnerisch. Deshalb machen wir uns mittags auf die Suche nach einem netten und vor allem trockenen Plätzchen zum Essen. Kaum haben wir das beschlossen, reißt die Wolkendecke etwas auf. Die wärmenden Sonnenstrahlen blitzen hervor und am Ende des Weges taucht eine kleine Imbissbude auf. Die roten Plastikstühle, die gerade abgetrocknet wurden, bieten die perfekte Gelegenheit.

Als wir später weitergehen, tun wir uns sichtlich schwer. Lange Pausen sind der Tod. Unser gewatschelter Laufstil wird nur noch von den Au-Lauten beim Auftreten bei jedem Schritt übertroffen. Die heutige Etappe ist nur ca. 21km lang, dafür aber durchgehend bergab. Nach einiger Zeit werden wir zu allem Übel auch noch von drei breit grinsenden Koreanerinnen und Koreanern überholt. Die sind so flott, weil sie ihr Gepäck natürlich shutteln lassen. Langsam spüre ich den Neid in mir aufkommen. Es ist erst Tag zwei und ich würde mindestens eine Galeone dafür geben, wenn mein Rucksack einfach hinter mir herfliegen würde.

In Zubiri angekommen, erwartet uns ein wunderschöner Fluss mit einer noch schöneren Brücke. Und noch besser, schon die erste Herberge hat ein Bett für uns. Also nichts wie rein und ab in die Dusche! Von wegen! Natürlich habe ich mein Duschgel im Kloster vergessen. Da ich aber noch die geringste Lust habe 21km bergauf zurückzulaufen, hole ich mir großkotzig einfach ein Neues!
In mir macht sich ein Bär Namens „ich-habe-verdammt-nochmal-Hunger“ bemerkbar und so kochen wir die erste warme Mahlzeit seit drei Tagen. Es gibt selbstverständlich Nudeln mit Bolognese. Ohne Fleisch, die Soße ist mehr ketchup-lastig als gewünscht, die Erbsen sind aus der Dose, die Pilze matschig und die Zwiebel nur grob geschnitten. Dennoch essen wir so feudal wie Königinnen und Könige. Nach drei Tagen Brotzeit gibt es nichts Besseres als eine warme Mahlzeit.
Die ersten zwei Etappen stecken mir ziemlich in den Knochen und daher geht es heute wohl besonders früh für mich ins Bett.

Alle Mitglieder der koreanischen Reisegruppe haben sich heute in unserer Albergue zum Kochen verabredet. Sie werkeln gemeinsam an verschiedenen Gerichten. Der Reis scheint etwas angebrannt zu sein, doch ich bin beeindruckt was für koreanische Köstlichkeiten sie nach und nach aus ihren Rucksäcken zaubern. Ich erkenne nur Sojasprossen und Algenblätter. Der Rest bleibt mir ein Rätsel. Es ist aber definitiv importiert. Die gelassene koreanische Frau mit dem Zahnspanngenlächeln lädt mich herzlich zum Essen ein. Gerne würde ich zusagen, aber nicht heute. Dafür stecken mir die zwei Tage wandern zu sehr in den Knochen und ich möchte morgen bis Pamplona kommen. Aber ich hoffe, es bietet sich auf dem Weg nochmals die Gelegenheit, die Luxusreisen-Zahnbürsten-Gruppe näher kennenzulernen.


Mittwoch, 30.10.2019
Die ersten Schritte

07:16 Uhr

Die koreanische Reisegruppe gibt sich alle Mühe, allen Vorurteilen gerecht zu werden. Sie essen am Abend selbstverständlich eine Instantnudelsuppe. Ihren Tag beginnen sie pünktliche um – ich weiß es nicht, es war auf jeden Fall zu früh.
Es war dunkel, kein Mensch war auf der Straße – nur die koreanische Reisegruppe machte sich bereit für die Abfahrt. Wichtig ist an der Stelle zu erwähnen, dass zumindest gefühlt jede Unterhose einzeln in eine Plastiktüte eingepackt ist. Somit ist auch sichergestellt, dass wirklich niemand mehr schlafen kann. So trotten dann die Luxusreisen-Zahnbürsten Pilgerinnen und Pilger in die Nacht hinaus, um beim heutigen Wettrennen die ersten zu sein. Ich muss erst noch den örtlichen Supermarkt plündern, um überhaupt genügend Essbares für den ersten Tag zu ergattern.

19:05 Uhr

Heute ging die Etappe bis zum Kloster Ronzesvalles. Bis zum Ziel muss ich über 27 km und ca. 1.000 Höhenmeter überwinden. Der Pass ist heute aufgrund des aufkommenden Tiefdruckgebiets das letzte Mal in dieser Saison begehbar. Da habe ich noch einmal Glück gehabt. Die eifrige Gruppe der koreanischen Luxusreisen-Zahnbürsten Pilgerinnen und Pilger sind wohl keine Reisegruppe. Vielmehr ist es eine einzelne Frau, ein Pärchen und der Rest. Drei von ihnen wollten es wohl etwas langsamer angehen lassen und haben sich für ihre Hightech-Ausrüstung erstmal einen Gepäcktransport bestellt. Ob man das am Ende im Pilgerbüro angeben muss? Ich werde es hoffentlich herausfinden!
Schon am ersten größeren Anstieg hatte ich die ersten Luxuszahnbürsten Pilgerinnen und -pilger eingeholt. Am Ende der Etappen hab ich die meisten hinter uns gelassen. Eine einzelne Koreanerin ist durchaus beeindruckend. Sie bezwingt jeden Schritt mit einer bewundernswerten Gelassenheit. Sie geht ihr Tempo, sammelt Kastanien und grinst uns immer freundlich mit ihrem Zahnspangenlächeln an. Sie wirkt, als hätte sie das gefunden, was andere auf dem Weg suchen.
Der Anstieg zieht sich über den gesamten Vormittag hin und kostet viel Kraft. Als erste Etappe eher ungeeignet. Wer sich das wohl ausgedacht hat? Egal, falls ich sie oder ihn treffe lese ich ihr oder ihm die Leviten! Meine Schuhe tuen eine hervorragenden Dienst. Doch auch Mrs Olivander ist nicht perfekt, und so habe ich mir doch eine Blase an der Ferse zugezogen.

Die Natur ist allerdings wunderschön. Grasgrüne Hügellandschaft, Schafe und Pferde soweit das Auge reicht. Der morgendliche Nebel lässt die Berge wie auf Badeschaum schwimmen. Die noch tief stehende Sonne, taucht alles in ein samtfarbenes Gold.

Am Nachmittag betreten wir einen Wald. Hier ist der Herbst schon angekommen, die bunten Farben sind einfach beeindruckend. Überall liegen braune und rote Blätter! Es ist eine wahrlich willkommene Abwechslung, durch das fußhohe Laub zu flanieren. Ganz klar, gestern habe ich die Farben nicht bekommen, aber heute habe ich sie gesammelt!

20:56 Uhr

Am Abend in der Herberge gab es noch einen Pilgergottesdienst. Eigentlich wollte ich fern bleiben, weil ich zu müde bin. Drei aufrechte Christinnen und Christen aus Argentinien überzeugten mich aber, dass dies die richtige Art und Weise ist, diese Reise zu beginnen. Und da meines Wissens so ein Segen nicht schadet, kann ich es riskieren.
In der Kirche angekommen war es die traurigste Kundschaft, die ich je in einer Kirche gesehen hatte. Schlafhosen, Badelatschen und vollkommen übermüdete Gesichter wo ich nur hinschaute. Der Priester predigte natürlich strikt auf Spanisch und so verlor ich bald den Faden, an welcher Stelle wir gerade waren.
Die Kirche war allerdings baulich gesehen ein echtes Juwel. Hätte ich von Architektur eine blasse Ahnung würde ich mit Begriffen protzen und sie im Detail beschreiben. Dem ist nicht so, also lass ich das lieber und sage einfach: Die Kirch ist sehr schön! Nur der Gesang war etwas dürftig, da die wenigsten Pilgerinnen und Pilger spanische Kirchenlieder beherrschen, auch nicht unsere sonst so gut vorbereitete Gruppe aus Korea.


10:46 Uhr

Dienstag, 29.10.2019
Aller Anfang ist schwer

Nachdem ich Würzburg verlassen habe, musste ich in Karlsruhe noch einmal den Bus und die Busfirma wechseln. Meinen geliebten grünen Bus tausche ich gegen einen weißen ein. Der weiße Bus wird erst einmal gründlichst von vier Polizeibeamtinnen und -beamten kontrolliert. Zwei von ihnen haben mit Sicherheit noch nicht das zwanzigste Lebensjahr erreicht.
Der Bus wird von zwei tschechischen Vollblut-Kampfbusfahrern mit strenger Hand gesteuert. Die Schuhe, die meine gepiercste, französische Hippie-Sitznachbarin am Haltegriffe des Stuhls dreist angebunden hat, wurden von beiden Fahrern nur mit einem Kopfschütteln und einem vermutlich tschechischen Fluch kommentiert.

Das dreistündige Warten im Bahnhof Montparnasse ist vor allem durch Kälte gekennzeichnet. In Deutschland, dem Land der Regeln und Vorschriften, würde dieser Bahnhof mit Sicherheit keinen grünen Energieausweis bekommen. Jedes charakterloses Mietshaus aus den 70ern hat in Deutschland eine bessere Dämmung. Das aber stört die stilbewussten Französinnen und Franzosen kein bisschen. Er trägt die Jacke schick offen und sie den Rock knapp, als ob jeden Moment der Sommer ausbrechen würde. Währenddessen krame ich aus meinem schon völlig durcheinander geratenen Rucksack Mütze und Handschuhe, in der Hoffnung, wenigstens ohne Erkältung am Ausgangspunkt meiner Pilgerreise anzukommen.

Vor mir habe ich schon die ersten „Marken-Safarihut-hardcor-ich-habe-selbst-bei-meiner-Zahnbürste-den-Griff-abgeschnitten-um-Gewicht-zu-sparen Pilgerinnen und Pilger“ erspäht!

Nach drei Stunden Wartezeit im Bahnhof ohne Energieausweis, verschwindet der Zug auf einmal ohne Vorwarnung von der Anzeigetafel. Züge, die in Frankreich ausfallen werden nicht mit einem nützlichen Hinweis versehen, sondern vorsichtshalber einfach einmal von der Tafel entfernt. Daher ging es für mich ab zur Information, welche natürlich genau in einer Windschneiße positioniert war. Zwei Eiszapfenohren später wird mir erklärt, dass mein Zug „Delay“ also eine Verspätung hat. In Paris ist das anscheinend Grund genug, dass mir die Sachverständige für Bahnangelegenheiten per Siegel (Stempel) und Unterschrift ein neues Ticket für eine Zugverbindung in drei Stunden ausstellt. Daher erstmal ab in den Supermarkt und möglichst im langsamsten Schneckentempo durch die Gänge schleichen, um möglichst viel Wärme mitzunehmen. Frederik die Maus wäre stolz auf mich. Später sammle ich noch Farben für den anstehenden Winter.

12:42 Uhr

Auf die Idee Wärme zu sammeln sind nun auch die Marken-Zahnbürsten Pilgerinnen und Pilger gekommen. Nachdem ich aber schon eine gute Stunde in der Sitzecke des Supermarktes verbracht habe, beschließe ich wieder aufzubrechen. Farben habe ich jetzt zwar nicht bekommen, aber die Blicke der Verkäuferinnen und Verkäufer bohrten eh schon in mich hinein. Hoffentlich fährt diesmal mein Zug auch wirklich.

Die zwei koreanischen Marken-Zahnbürsten Pilgerinnen und Pilger verfolgen mich bis in den Zug. (Koreanisch vermute ich aufgrund ihres Aussehens.)
Mittlerweile bin ich mir sicher, dass sie den weiten Weg gemacht haben, um weitere 800 km zu Fuß, per Rad oder mit dem Pferd zu bewältigen. Ihrer Ausrüstung nach tippe ich auf Wandern.
Im TGV erkenne ich immer mehr mögliche Pilgerinnen und Pilger. Aber das wichtigste: die Isolierung und Beheizung des Zuges ist voll funktionstüchtig und der stolzen Nation Frankreichs würdig.

15:44 Uhr
Schuhwahl

Die Wahl eines guten Schuhs zum Wandern ist übrigens heikel. Viele verschiedene Geschäfte wurden vor Reisebeginn abgeklappert und Schuhe in allen Formen, Schafthöhen und Materialien anprobiert. Dem ein oder anderen erscheint die Steuererklärung im Vergleich dazu trivial.
Eigentlich sollte mir diese Tortur erspart bleiben, da ich bereits zwei Paar gute Wanderschuhe besitze. Ein Paar war allerdings schon eine Dekade alt und das Profil ähnelte eher dem eines Rennradreifens. Aber kein Problem, ich besitze ja noch ein zweites Paar.

Zu Trainingszwecken und aus Gründen der Vorfreude musste in der Woche vor dem Abenteuerstart noch einige Kilometer abgerissen werden.
Es kam natürlich wie es kommen musste: Es bildeten sich dicke prall gefüllte Blasen an den Füßen. Drei Tage vor Abfahrt! Natürlich hatte ich da keine Zeit mehr, da ich am Wochenende ein Treffen mit dem Bundesarbeitskreis der Jungpfadfinder hatte. Der Terminkalender war dichter belegt als ein günstiges Hostel zu Semesterbeginn in München.

Zum Glück gab es einen verkaufsoffenen Sonntag. Direkt nach dem Treffen mit dem Bundesarbeitskreis ging es in das einzig offene Fachgeschäft für Wanderschuhe.

Die Verkäuferin, eine hilfsbereite sonnengebräunte Extremalpinistin, erkundigte sich akribisch nach dem Einsatzgebiet und den Witterungsverhältnissen. Noch bevor ein Schuh anprobiert wurde, wurden zuerst die Füße kontrolliert. Was genau sie an meinen Füßen erkannte, bleibt wohl ein Geheimnis. Olivander aus der Winkelgasse wäre stolz auf die Verkäuferin. Vor dem Anprobieren der Schuhe, stellte sie sorgfältig meine Füße auf verschiedene Schuheinlagen. Direkt wurden einige Marken und Modelle aussortiert. Die Anzahl der möglichen Fußbekleidungen wurde weiter eingegrenzt.
Der magische Moment war gekommen und ich schlüpfte in den ersten Stiefel hinein. Den Schuh musste sie wohl angeschrien haben, denn sie riss ihn mir vom Fuß, bevor ich überhaupt ganz drinnen war. Der war es wohl nicht! Die ersten Zweifel stiegen in mir auf: War ich überhaupt ein richtiger Wanderer? Gab es einen passenden Schuh für mich? Die Verkäuferin gab nicht auf und brachte eine Vielzahl von Modellen in verschiedenen Größen, in Leder und in Gorotex. Ihr Blick wirkte langsam zufriedener, die ersten Lauftests wurden durchgeführt. Mein Fuß fühlte sich wohlig warm an und ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich war doch ein Wanderer! Ich hatte ihn gefunden, oder hatte er mich gefunden? Das der Name des Modells „Camino“ lautet konnte wohl kaum ein Zufall sein. Der Schuh suchte sich seinen Wanderer, wie war nicht immer ganz klar!

19:39 Uhr

Die koreanischen „Marken-Zahnbürsten Pilgerinnen und Pilger“ vermehren sich während der Zugfahrt signifikant. Es scheint eine bestausgerüstete Reisegruppe zu sein, die es mit dem Camino aufnehmen will. Egal, ob durch spontane Plattenbewegungen der Erdkruste Roncesvalles (das Ziel der ersten Etappe) auf eine Höhe von 5.000 m ansteigt oder doch direkt die Zombie-Apocalypse droht, an ihrer Seite kann mir nichts passieren. Dem Gepäck nach haben sie bestimmt auch Schlauchboote und Schuhputzutensilien dabei. Letzteres entspringt übrigens nicht meiner Phantasie.

21:16 Uhr

Christine, eine Mitstreiterin aus Deutschland, hat gerade ihren Bachelor in Englisch gemacht. Sie ist auf der Suche nach einem kleinen Abenteuer. Für ein großes hat ihr noch der Mut gefehlt. „Asien ist halt doch noch einmal anders.“
Gemeinsam haben wir noch die Wartezeit in Bayone verbracht und am Fluss gegessen. So konnte ich am Abend doch noch Sonnenstrahlen für den Winter sammeln. Nur die Farben bekomme ich heute wohl nicht mehr.

Als ich am Abend ankomme, ist die offizielle Pilgerherberge natürlich schon belegt. Während sich das unter den Ankömmlingen des letzten Zuges herumspricht, beginnt ein munteres, passiv agressives Wettrennen. Aber die Schrittgeschwindigkeit einzelner Personen nahm doch rasant zu. So beginnt das lustige Treiben auf der Suche nach einem Schlafplatz. Mit eiligen Schritten schreiten die Pilgerinnen und Pilger von Herberge zu Herberge und bitten um Einlass, als ob sie Staubsauger verkaufen würden.
Nach einiger Zeit und den ersten Panikattacken, fanden Christine, die koreanische Reisegruppe, welche sich aber aufteilen musste und ich ein nettes Plätzchen zum Schlafen.

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